17.04.2015, 14:15 Uhr | 0 |

Quasi-Standard droht T-Systems-Chef Clemens: USA und China schaffen Fakten bei Industrie 4.0

Reinhard Clemens, Chef der Telekom-Tochter T-Systems, fürchtet, dass die USA und China beim Thema Industrie 4.0 Fakten schaffen und damit Deutschland ins Hintertreffen gerät. Auch der frühere Chef von SAP, Henning Kagermann, rät den deutschen Unternehmen zu mehr Tempo.

Stand Industrie 4.0 auf der Hannover Messe
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Stand Industrie 4.0 auf der Hannover Messe: Die deutschen Unternehmen sollten sich rasch darum kümmern, Standards für Industrie 4.0 zu setzen. Ansonsten würden die USA und China aufgrund ihrer Größe Quasi-Standards schaffen, meint Reinhard Clemens, Chef der Telekom-Tochter T-Systems. 

Foto: Hannover Messe

„Die Gefahr liegt darin, dass sich ein Quasi-Standard irgendwo auf der Welt etabliert und wir in Deutschland nur noch mitmachen können“, sagte Clemens im Interview mit den VDI nachrichten. „Wir sollten versuchen, einen gemeinsamen Auftritt hinzukriegen, bei dem eigene Interessen hinten angestellt werden. Wenn die Politik es schafft, das zu moderieren, sind wir einen großen Schritt weiter.“

Immerhin hat die Politik einen großen Schritt auf der Hannover Messe getan. Gemeinsam mit der Industrie und Wissenschaft hat die Politik die Plattform Industrie 4.0 gegründet. Zudem war die vernetzte Produktion eines der Hauptthemen der diesjährigen Messe.

Märkte in USA und China setzen Standards aufgrund ihrer Größe

Die Märkte in den USA und China seien so groß, dass hier rasch Fakten geschaffen und Standards gesetzt werden. Deshalb müsse Europa beim Thema Industrie 4.0 bald einen einheitlichen Raum mit einheitlichem rechtlichen Rahmen schaffen. „Denn Dienste entwickeln sich nur in großen Binnenmärkten. Da haben die USA einen strategischen Vorteil. Auch der chinesische Dienst Alibaba zeigt, dass allein Marktvolumen Standards schafft“, so Clemens.

Standards würden heute nicht unbedingt vereinbart, sondern durchgesetzt. „Heute sitzen nicht mehr Menschen zusammen und überlegen, was gut für einen Standard ist – da werden Fakten geschaffen.“

Auch der frühere SAP-Chef Henning Kagermann drückt aufs Tempo. Wenn die deutsche Wirtschaft nicht rasch die Chancen der Industrie 4.0 angeht, fürchtet Kagermann erheblichen Schaden für die heimische Industrie. „Verharren wir in Nischen der Marktführerschaft, dann könnten unsere Marktführer von heute die austauschbaren Zulieferer von morgen werden“, schreibt Kagermann, heute Präsident der Akademie der Technikwissenschaften (Acatech), gemeinsam mit Prof. Wolf-Dieter Lukas, Leiter Schlüsseltechnologien im Bundesforschungsministerium, sowie Wolfgang Wahlster, Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken, in einem Gastbeitrag für die VDI nachrichten.

Kagermann: Abschotten ist keine Alternative

„Unsere technologische Souveränität sichern wir am besten, indem wir uns öffnen, über Branchengrenzen hinweg kooperieren und mutig in die digitale Gesellschaft mit Industrie 4.0 und einer Smart-Service-Welt aufbrechen: Abschotten ist keine Alternative“, so Kagermann, Lukas und Wahlster. „Aufbrechen müssen wir gemeinsam und jeder in seinem Bereich. Wenn wir – Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft – die Digitalisierung gemeinsam gestalten, schaffen wir Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Wohlstand.“

Industrie 4.0 werde in Deutschland nur dann zum Erfolg führen, wenn nicht nur die Großunternehmen das Internet der Dinge angehen. „Industrie 4.0 wird nur ein Erfolg, wenn die kleinen und großen Unternehmen gleichermaßen mitziehen und wenn wir die Menschen mitnehmen“, so die drei Gastautoren. Die auf der Hannover Messe gegründete Plattform Industrie 4.0 habe jetzt die Aufgabe, den gesellschaftlichen Dialog anzukurbeln. „Nur so verankern wir Industrie 4.0 in großen Unternehmen, im Mittelstand, bei Start-ups, aber auch bei den Bürgerinnen und Bürgern, für die entsprechende Aus- und Weiterbildung immer wichtiger wird.“

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Von Axel Mörer-Funk
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