24.03.2017, 11:52 Uhr | 1 |

Entwicklung in Niederlanden 100 Mal schnelleres WLAN mit Infrarot-Licht

Einfach, störungsfrei, unschädlich, aber bärenstark: Die Erfindung einer niederländischen Doktorandin klingt nach dem Ei des Kolumbus. Tatsächlich könnte die Definition von „schnellem WLAN“ bald eine ganz andere sein als heute.

Symbolfoto: Kabellos Surfen per Licht
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Surfen per Licht funktioniert auch mit Infrarot: Forscher der Technischen Universität Eindhoven haben bei der Datenübermittlung mittels steuerbarer Infrarotstrahlen Geschwindigkeiten bis zu 42,8 Gbit/s erreicht.

Foto: Helmut Fohringer/APA/dpa

Es war im Jahr 2004, in Sachen Internet also so etwas wie das frühe Mittelalter. Da hieß es in der Fachzeitschrift „Chip“, dass „Surfen per Licht die Zukunft“ sei. Gemeint waren optische Leitungen, die „echtes Highspeed-Internet“ ermöglichen sollten, also Datenraten von bis zu 52 Mbit/s! Klingt heute albern, wie so vieles in Sachen Rechner- oder Übertragungsleistung. Aber tatsächlich feierten die Fachjournalisten damit eine Revolution im Vergleich zum alten DSL, das nicht einmal 1Mbit/s schaffte.

„Surfen per Licht“ ist in den vergangenen Jahren wieder zum Thema geworden. Und diesmal kommt die Technik dem Begriff auch deutlich näher: Die kabellose Datenübertragung per Lichtwellen haben zum Beispiel Berliner Forscher schon 2015 anhand einer handelsüblichen Stehleuchte mit LED demonstriert. In ihr wandelt ein so genannter Modulator Signale in zwei Arten von Lichtpulsen um, die den binären Code von Computern wiederspiegeln. Und das so schnell, dass das Auge nur ein konstantes Licht wahrnimmt.

Bis zu 42,8 Gbit/s

Dass diese Übertragung auch mit Infrarot-Licht funktioniert, ist bekannt. Forscher der Technischen Universität Eindhoven haben aber jetzt mal das gewaltige Potenzial demonstriert. Dort leitet Ton Koonen, Professor für Breitband-Kommunikation, ein Projekt namens „Browse“. Und in dessen Rahmen erforschte die Doktorandin Joanne Oh die Möglichkeiten der Datenübermittlung mittels steuerbarer Infrarotstrahlen. Sie erreichte dabei Geschwindigkeiten bis zu 42,8 Gbit/s. Zum Vergleich: Selbst die leistungsstärksten WLAN-Netze erreichen heute weniger als ein Hundertstel davon. Und wer durchschnittliches WLAN nutzen kann, liegt bei einem Zweitausendstel dieser Leistung.

Keine Störungen durch andere Geräte

Nach Ansicht der Eindhovener Forscher hat die Technik noch einen weiteren großen Vorteil: Weil jedes Gerät, das innerhalb des betreffenden WLAN Daten abruft, seinen eigenen Lichtstrahl hat, gebe es keine Interferenzen, also keinerlei Störungen selbst bei einer hohen Zahl eingeloggter Geräte, auch nicht durch das WLAN des Nachbarn. Außerdem sind die Lichtstrahlen für das menschliche Auge unschädlich. In ihren Praxistests schaffte Joanne Oh schon zweieinhalb Meter mit hoher Datenrate – für Indoor-WLAN bereits eine respektable Strecke.

Kabel sind nur im Weg, WLAN ist zu uneffizient. Weil die Industrie immer mehr Prozesse vernetzt, arbeiten Forscher an neuen Übertagungswegen für große Datenmengen. Auch das Dresdener Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme (IPMS) setzt dabei auf infrarote Lichtwellen. 

Klingt toll? Wird noch besser: Das Ganze soll auch noch sehr einfach aufzubauen sein und praktisch keinen Wartungsbedarf haben. Ein paar kleine Antennen würden genügen, etwa auf der Fensterbank montiert. Die werden per Glasfaserkabel mit Licht versorgt. Und jedes Mal, wenn man sich mit seinem Tablet oder Smartphone durch die Wohnung oder die Büroräume bewegt, übernimmt eine andere Antenne die Versorgung. Das Netzwerk erkennt jederzeit die exakte Position jedes Gerätes anhand der von ihm ausgesandten Funksignale.

Forscher sehen sich weit vor der Konkurrenz

Die Eindhovener sehen sich mit ihrer Entwicklung in der Forschungswelt weit vorne. Einige andere Institute würden zwar an der LED-Technik arbeiten, aber die habe zwei klare Nachteile: „Die Bandbreite ist nicht groß und die Geräte müssen sich weiterhin eine Quelle teilen“, sagt Koonen. Wiederum andere nutzten ebenfalls Infrarot, arbeiteten dabei aber mit beweglichen Spiegeln. Und die müssten aktiv gesteuert werden, brauchten also zusätzliche Energie, und könnten auch wieder nur je ein Gerät anpeilen. „Klarer Nachteil“, sagt Koonen. Ein bisschen Bescheidenheit bricht dann aber doch noch durch: Bis die eigene Technik marktreif sei, würden schon noch fünf Jahre vergehen. Vielleicht auch mehr.

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Von Werner Grosch
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kommentare
24.03.2017, 15:54 Uhr AG
Das sagt/fragt der Laie:
Die Entwicklung klingt z.B. für die Industrie interessant. Aber für Privatsurfer? Wer hat eine Leitung, die 24,8 GBit/s durchlässt?

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