18.12.2013, 11:41 Uhr | 0 |

Einmalig in Deutschland Cyborg-Begeisterte gründen eigenen Verein in Berlin

Sie sind Fans von technischen Geräten unter der Haut, die Behinderungen ausgleichen und Fähigkeiten gesunder Sinne erweitern: die Mitglieder des neuen Vereins Cyborg. Gemeinsam mit Gleichgesinnten wollen sie neue Implantate entwickeln und das negative Image der vermeintlich willenlosen Kampfmaschine umkrempeln. 

Cyborg Tim Cannon
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Der US-Amerikaner Tim Cannon hält am 16. Oktober 2013 in Berlin durch Magnetismus einen Kopfhörermagneten an seinem Finger. Seit dem Frühjahr 2011 trägt Cannon einen Magneten im Finger. Leute mit derartigen Modifikationen bezeichnen sich als "Cyborgs". 

Foto: dpa/Ole Spata

In Berlin haben junge Cyborg-Fans vor wenigen Tagen den Verein Cyborg gegründet. Sie wollen in Zukunft an Prothetik, Robotik und Bionik forschen und bestehende Implantate kritisch unter die Lupe nehmen. „Wir wollen Hackerprojekte verschiedenster Art machen und eigene Cyborg-Devices bauen“, erklärte Vorstandsvorsitzender Enno Park gegenüber heise.de. „Dafür brauchen wir ein Dach, einen Anlaufpunkt für interessierte Leute.“ Vorbilder sind ähnliche Vereine in Barcelona und Pittsburgh.

Erste Cyborgs sind schon da

Zum erklärten Ziel des Vereins zählt auch, das Image des Cyborgs zu verändern. Dieser gilt in der Öffentlichkeit gemeinhin als willenlose Kampfmaschine der Zukunft. Schulungen, Vorträge, Workshops und kulturelle Veranstaltungen des Vereins sollen das ändern. Denn im Grunde seien die ersten Cyborgs schon da, sagt Park. Bestes Beispiel: er selbst.

Der gelernte Mediengestalter trägt im Ohr ein fest installiertes Implantat, mit dem er Umgebungsgeräusche abschwächen und sich besser mit seinem Gegenüber unterhalten kann. Das Gerät macht aber nicht nur seinen Alltag ruhiger, sondern regt auch seinen Forschungsdrang an: am liebsten würde er das mit einem Sprachprozessor ausgestattete Implantat selbst mit dem Laptop einstellen – bislang muss er dafür in die Klinik. Toll wäre es zudem, Ultraschall hörbar zu machen, um Geräusche der Fledermäuse wahrnehmen zu können. 

In seinem Vereinsteam ist Park nicht der Einzige, der auf Hightech unter der Haut setzt. Ein Kollege hat sich in einem Piercing-Studio einen Biomagneten in einen Finger einsetzen lassen. Mit diesem kann er schon jetzt elektromagnetische Felder erspüren und in Zukunft vielleicht sogar sein Smartphone aus der Ferne steuern.

Biohacker und Gentechnologen sollen im Hackerspace zusammenfinden

Im Vorstand sitzt auch die Apothekerin Sigi Oepke. Sie will dazu beitragen, eine künstliche Netzhaut zu entwickeln. „Viele in meiner Familie haben Retinitis pigmentosa. Die führt langfristig zur Erblindung.“ Der Verein schaffe die Möglichkeit, Geldmittel anzuwerben und damit spätestens im Sommer einen so genannten Hackerspace zu mieten. In diesem könnten beispielsweise gleichgesinnte Biohacker und Gentechnologen zusammenarbeiten.

Aus Mangel an eigenen Räumlichkeiten fand das Gründungstreffen bei c-base statt. Ein Verein, der sich mittlerweile als Dreh- und Angelpunkt der Berliner Hackerszene versteht. Ihre Kellerräume verwandeln die Mitglieder nach und nach zu einer Art Raumstation. Optisches Vorbild ist das gleichnamige Raumschiff, das der Legende nach vor Tausenden von Jahren in nächster Umgebung abgestürzt ist.

Verein will für Rechte der Cyborgs eintreten

Der Verein Cyborgs will auch für die Rechte der Cyborgs eintreten. Park erscheinen etwa Verbote zweifelhaft, mit tragbaren Computern wie der Datenbrille Google Glass bestimmte Räume zu betreten. In diesem Zusammenhang hatte erst kürzlich die Amerikanerin Cecilia Abadie für medialen Wirbel gesorgt, als sie sich Anfang des Monats in den USA vor Gericht behaupten musste. Sie trug während der Autofahrt eine ausgeschaltete Google-Brille und bekam einen Strafzettel.

Skeptisch steht Park allerdings dem sogenannten Transhumanismus gegenüber, einer philosophischen Denkrichtung, die den Menschen in einer Maschinengattung aufgehen und ewig leben sehen möchte. Ein Designerkind mit bestimmten Eigenschaften auszustatten ginge ihm dann doch zu weit... 

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Von Patrick Schroeder
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