06.10.2013, 07:29 Uhr | 0 |

Wahrnehmungsforschung Mona Lisa ist vermutlich Teil eines 3D-Bildes

Die weltberühmte Mona Lisa im Louvre und ihre exakte Kopie aus dem Madrider Prado sind wahrscheinlich die älteste 3D-Komposition der Welt. Wahrnehmungsforscher entdeckten, dass beide Bilder aus leicht unterschiedlichen Blickwinkeln gemalt wurden. In der Kombination simulieren sie räumliche Wahrnehmung.

Zweimal Mona Lisa: Links das Bild aus dem Prado in Madrid, rechts aus dem Louvre in Paris.
Á

Zweimal Mona Lisa: Links das Bild aus dem Prado in Madrid, rechts aus dem Louvre in Paris. Beide sind exakt identisch, bis auf Abweichungen in der Malperspektive. 

Foto: Carbon, Hesslinger

Claus-Christian Carbon und Vera Hesslinger, Wahrnehmungsforscher der Universitäten Bamberg und Mainz, sind davon überzeugt, die älteste 3D-Komposition der Welt entdeckt zu haben. Niemand geringeres als das faszinierende Ölgemälde der sogenannten Mona Lisa, die Leonardo da Vinci zu Beginn des 16. Jahrhunderts porträtierte, ist Teil dieser –falls sie stimmt – sensationellen Entdeckung. Die Indizienkette, die Carbon und Hesslinger aufgebaut und jetzt in der Fachzeitschrift „Perception“ veröffentlicht haben, hat durchaus ihren Charme.

Louvre- und die Prado-Mona Lisa sind zeitgleich entstanden

Sie beginnt damit, dass 2012 im Prado Museum in Madrid eine besondere Entdeckung gemacht wurde. Dort hatten Restauratoren dunkle Übermalungen auf dem Hintergrund einer bis dahin als unbedeutend betrachteten Kopie von da Vincis Mona Lisa entfernt, wonach eine verblüffend starke Ähnlichkeit zum Original sichtbar wurde. Beide Gemälde zeigen dieselbe junge Frau vor derselben bergigen Landschaft.

Diese Entdeckung ist an sich nichts Besonderes, denn die Anfertigung von Schüler-Kopien aus da Vincis Atelier sind auch von anderen Bildern bekannt geworden. Im Falle der Mona Lisa und ihrer Kopie fanden die Forscher jedoch heraus, dass beide Bilder simultan entstanden sein mussten, denn bei der Untersuchung der tieferen Malschichten fanden sich in beiden Bildern dieselben Korrekturen. Das würde ebenfalls Fragen zu Original und Kopie aufwerfen, denn wenn beide Bilder zeitgleich entstanden und zusammen gehören, kann man nicht mehr ohne weiteres von Original und Kopie reden.

Bei ihren Untersuchungen entdeckten die Psychologen, dass es geringe, aber signifikante Abweichungen in der Malperspektive gab. Diese perspektivischen Unterschiede, so die Forscher, seien nicht zufällig, sondern systematisch angelegt. Würden beide Porträts übereinander gelegt, ergäbe sich eine perfekte Darstellung, wie sie dem räumlichen Sehen des Menschen entspricht.

Das stereoskopische Sehen ermöglicht räumliche Wahrnehmung, indem das Gehirn die horizontal leicht versetzten visuellen Signale beider Augen verrechnet – ein Prinzip, das die Technik noch heute für das 3D-Fernsehen nutzt. Die Porträts aus dem Atelier da Vincis, im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts gemalt, wären in ihrer Kombination das erste stereoskopische Bild der Welt.

In ihren Untersuchungen rekonstruierten die Forscher nun die räumliche Positionierung zwischen Modell und den beiden Malern im Atelier. Daraus ergab sich folgendes Szenario: Der Maler des Louvre-Bildes stand 3,1 Meter vom Modell entfernt, der Maler des Prado-Bildes stand einen Meter weiter vorne, leicht versetzt, um den Blick nicht zu verstellen.

Kombination beider Bilder ergibt eine starke räumliche Wirkung

„Es ist wirklich erstaunlich, wie perfekt die beiden Versionen aufeinander abgestimmt sind. Auffällig ist, dass die beiden Gemälde bei dieser hohen Übereinstimmung dennoch einen kleinen, aber systematischen Unterschied aufweisen, nämlich eine Abweichung in der Perspektive – das ist einzigartig, vor allem in dieser extrem hohen Detailqualität“, sagt Diplompsychologin Vera Hesslinger.

Bisher ging man davon aus, dass stereoskopische Darstellungen nicht vor Mitte des 19. Jahrhunderts realisiert wurden. Auf der Basis von Forschungsergebnissen über räumliches Sehen schuf damals der Brite Charles Wheatstone erste Stereogramme aus gepaarten Fotografien.

Claus-Christian Carbon, Wahrnehmungspsychologe an der Universität Bamberg, resümiert: „Wir können zeigen, dass dieses Renaissance-Bilderpaar stereoskopische, also dreidimensionale, Qualitäten besitzt. Ob Leonardo die Mona Lisa als Stereobild geplant hat, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Berücksichtigt man seine tiefe Beschäftigung mit den optischen Gesetzen und der menschlichen Wahrnehmung, ist es allerdings auch nicht auszuschließen.“

Anzeige
Von Gudrun von Schoenebeck
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
3D
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden