20.08.2013, 07:00 Uhr | 0 |

Übernachten in Retro-Wohnwagen Indoor-Camping-Anlage in Bonn eröffnet

Vor wenigen Tagen wurde in Bonn eine neue ungewöhnliche Unterkunft für Jugendliche  eröffnet: Das Hostel-Konzept des sogenannten Basecamp setzt auf Wohnwagen im Retro-Look, die in einer Halle stehen – damit es niemanden auf den Kopf regnet, wenn er vor seiner „Drag Queen“ oder seiner „Jägerhütte“ sitzt und die Seele baumeln lässt.

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Übernachtungen mit Retro-Charakter bietet das Basecamp in Bonn in den verschiedensten Wohnmobilen und Wohnwagen an.

Foto: Basecamp Bonn

Wenn man direkt davor steht, kommt man kaum auf die Idee, vor einem Hostel oder gar einem Campingplatz zu stehen. Man blickt auf eine im silbernen Alulook verkleidete Lagerhalle. Aber gerade dieser Look macht die ehemalige Lagerhalle des Parfümerie-Imperiums Lancome interessant für einen überdachten Campingplatz der ganz besonderen Art. Denn weil die Düfte und Cremes von Lancome äußerst empfindlich auf Temperaturschwankungen reagieren, war diese Lagerhalle ungewöhnlich gut isoliert. Und damit eben auch prädestiniert für eine Folgenutzung der leer stehenden Halle als Innen-Campingplatz. Vor kurzem hat dieser Innen-Campingplatz, der sich „Basecamp Bonn“ nennt, eröffnet.

„Zen“, „Flower Power“ oder „Hausboot“ – jeder Wagen hat sein eigenes Thema

Und das Basecamp Bonn bietet einen bunten Strauß an Retro-Übernachtungsmöglichkeiten. Man kann sein müdes Haupt im Wohnwagen „Nautilus“ oder im „Weltenbummler“ betten. Oder man nächtigt in der „Jägerhütte“, einem Wohnwagen mit einem Wildschweinkopf und einem Geweih an der Außenwand. Jeder Wohnwagen hat einen themenbezogenen Vorgarten mit Sitzgelegenheiten. Vor der „Jägerhütte“ steht ein Sofa mit Tierfellen, das spießige Ensemble ist natürlich umgeben von einem Jägerzaun. „Die Jägerhütte ist zum Beispiel ein Wagen, den man hasst oder liebt, mit seinen ausgestopften Tieren und Geweihen“, sagt die Filmplastikerin Marion Seul aus Bonn, die sich seit 14 Monate im Basecamp kreativ an dem Retro-Look der einzelnen Wohnwagen abgearbeitet hat. „Ich bin eine leidenschaftliche Requisiten-Sammlerin“, sagt sie. Anregungen für die Gestaltung des Basecamps hat sie auf Reisen und auf dem Bonner Rheinauenflohmarkt gesammelt.

Die Filmplastikerin ist gut im Geschäft. Aktuell arbeitet sie an einer Produktion von Regisseur Fatih Akin mit, danach baut sie eine Tropfsteinhöhle für einen Fantasyfilm. Und genauso bunt geht es auch auf dem 1600 Quadratmeter großen Indoor-Campingplatz zu. Vor dem mit viel rosa Plüsch und Farbe ausgestatteten Wohnwagen „Drag Queen“ steht eine blonde gertenschlanke Puppe und blickt entspannt in die Ferne. Zwei Plüschhocker laden zum Sitzen und Plaudern ein.

Den Motto-Wagen „Rockabilly“ hat Marion Seul mit alten Vinylplatten in die Vergangenheit gebeamt. Im „Big Ben“ können England-Fans Rosenmuster und royale Portraits auf sich wirken lassen. Passend und very british stehen vor „Big Ben“ zwei alte englische Sessel um einen kleinen Tisch vor einer Kommode drapiert, natürlich stilecht auf einen alten dicken Teppich. Im „Flower Power“ hängt schief ein Poster der Jimi-Hendrix-Experience. Daneben lugt Frank Zappa vom Mothers-of-Invention-Plakat. Praktisch alle der Wohnwagen haben 50 Jahre Camping-Nomaden-Leben hinter sich. Die 15 Wohnwagen sind allesamt Schätze aus den 1950er- und 1960er-Jahren.

Trabi mit Dachzelt ist der Klassiker

„Es war gar nicht so einfach, die alten Wohnwagen zusammenzutragen“, erzählt der Hotelier Michael Schlößer, der das Basecamp Bonn entwickelt hat und betreibt. Fündig wurde er auf Auktionen in den Niederlanden. Es gibt Klassiker wie den Trabi mit dem Dachzelt, schon rein optisch ein Genuss. Es gibt aber auch zwei silberne Airstreams, das sind die kultigen riesigen Wohnwagen-Klassiker aus Amerika mit knapp 30 Quadratmeter Platz im Inneren.

Schlößer hat auch einen Schlaf- und einen Liegewagen der Deutschen Bahn auf das Gelände transportieren lassen und in die Halle integriert. Die Wagen sind im Originalzustand der 70er Jahre erhalten. Einer der Wagen steht innen, einer außen, was die Trennung von Jungen und Mädchen auf Klassenfahrten enorm erleichtert. Auch der außen stehende Wagen ist nur über eine Schleuse von der Halle aus erreichbar. Die Eingänge beider Wagen liegen direkt nebeneinander. Besonders komfortabel: Der innenstehende Wagen bietet in jedem Abteil ein eigenes Waschbecken. Ein optischer Gag lässt den innen postierten Wagen aus der Seitenwand der Halle ragen.

Hotelier Schlößer setzt beim Marketing für seinen ungewöhnlichen Innenstadt-Campingplatz auf die Sozialen Medien. „Aktuell haben wir rund 1000 Facebook-Fans. Wenn eine 30-köpfige Schülergruppe im Schnitt 200 Freunde hat und das Hostel cool findet, ist das eine riesige Menge an geposteten Fotos und Empfehlungen – für uns kostenlose Werbung.“ Damit die Schülergruppe diese kostenlose Werbung auch gleich vor Ort posten kann, bietet der Hotelier seinen Gästen innerhalb und außerhalb der Halle kostenloses WLAN an.

Zentrale Lage

Der Basecamp Bonn Betreiber rechnet aber trotzdem bei der Auslastung seines Hostels eher konservativ. „Wir kalkulieren mit einer Auslastung von 50 Prozent.“ Jugendliche, Schulklassen und generell Menschen mit einem Faible für das Ungewöhnliche sieht Schlösser als seine Kernkundschaft. „Den einen oder anderen Freelancer, der in der IT-Branche unterwegs ist und generell einen eher unkonventionellen Tagesablauf hat, kann ich mir schon als Gast vorstellen.“

Dem neuen Indoor-Camping-Angebot kommt vor allem seine beachtlich zentrale Lage entgegen. Die Bonner Museumsmeile mit dem Haus der Geschichte ist in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen. Auch das ehemalige Regierungsviertel mit der sich anschließenden neuen Bonner Open-Air-Arena „KunstRasen“  ist bequem zu erlaufen.

Betreiber Schlößer hat sich auch seine Gedanken um die Sicherheit und um den Jugendschutz gemacht. So ist die Requisite 24 Stunden lang besetzt und mehrere Kameras überwachen das Camp. Das Hostel bietet Schließfächer, alle mit Steckdose ausgestattet, um das Tablet oder Handy aufzuladen, damit das edle Identifikationsobjekt der jugendlichen Zielgruppe nicht geklaut werden kann. „Wir haben unsere Mitarbeiter in Castings insbesondere nach ihrer Erfahrung mit Jugendgruppen ausgesucht“, erläutert der Hotelier sein Konzept. Er hat sich in Gesprächen mit Lehrern und Eltern dazu entschieden, Bier und Wein im Camp anzubieten, Mixgetränke und Hochprozentiges sind hingegen tabu. Der Verzehr eigener alkoholischer Getränke ist verboten.

Die billigste Liege kostet 22 Euro

Eine 170 Quadratmeter große hölzerne Empore mit Küche und einer langen Reihe von blauen Kinosesseln dient als der zentraler Frühstücksort. Neu gebaut hat Hotelier Schlößer Sanitäranlagen mit Waschräumen, Duschen und Toiletten – mit  runden Waschbecken und individuellen alten Lampen über den Toilettenschüsseln.

Die Übernachtung im kunterbunten Durcheinander in der Halle in Bonn ist allerdings auch nicht wirklich billig. Am günstigsten nächtigt man im Schlafwagen, der außen an der Halle klebt. Hier kann man auf einer Mini-Matratze vom Albtraum-Maß 70 Mal 185 Zentimeter versuchen, für 22 Euro in einem Vierbetten-Abteil seine Nachtruhe zu finden. Dann vielleicht doch lieber das Wagnis im braunen Dachzelt auf dem blauen Trabi. Da kostet die Nacht auch nur 22 Euro, dafür misst aber die Matratze „riesige“ 140 mal 200 Zentimeter.

Im Kleingedruckten auf der Homepage schreibt der Betreiber: „Wir gehen davon aus, dass ihr Euch bewusst seid, dass das BaseCamp durch die Halle und die darin stehenden Wohnwagen und Züge durch eine gewisse Camping-Platz-Atmosphäre besticht und ihr Euch die Halle bzw. die Aufenthaltsbereiche mit anderen Menschen teilen sollt. Weiter gehen wir davon aus, dass Euch die Bettenmaße bekannt sind.“ Das sollten sie.

Insgesamt 130 Schlafplätze bietet das Basecamp Bonn, das sich mit seinen kreativen Ideen auch aus dem Pool der Besucher speist. „Einer würde gerne in einem UFO schlafen, andere wünschen sich noch mehr Effekte mit Licht und Ton“, erzählt Campleiter Clemens Brecht. Dabei ist das Modell „Space Shuttle“ schon heute mit Schwarzlicht-Leisten rundum spacig illuminiert und leuchtet wie ein 50 Jahre alter Weltraumbonbon mit Anleihen von „Per Anhalter durch die Galaxis“. 

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Von Detlef Stoller
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