Kultur 09.11.2001, 17:31 Uhr

Tradition wichtiger als Innovation

In der islamischen Kultur gilt Tradition mehr als die Produktion neuen Wissens. Das ist einer Gründe für die Konflikte mit dem Westen, so Peter Heine, Professor an der Humboldt-Universität und Autor des folgenden Artikels.

Ist der Islam technikfeindlich? Bis ins 15. Jahrhundert hinein waren die islamischen Länder dem Abendland geistig und technologisch weit überlegen. Seit dieser Zeit hat der Westen das Morgenland jedoch in vielerlei Hinsicht überholt.

Eine der Ursachen soll in der Ablehnung von Forschung, Experimenten und technischen Entwicklungen liegen, weil sich diese Neuerungen nicht mit den Vorstellungen vom Willen Gottes in Übereinstimmung befänden. Solche Haltungen fanden sich auch im neuzeitlichen Abendland. Es sei an den Fall Galileo Galilei erinnert, aber auch daran, dass katholische Geistliche wie auch katholische Religionslehrer an staatlichen Schulen noch bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts den so genannten ‘Antimodernisteneid’ zu leisten hatten.

Wie andere Menschen, standen auch Muslime allem Neuen und Fremden zunächst immer mit einer gewissen Distanz gegenüber. Sie hatten aber nie ein Problem damit, naturwissenschaftliche Erkenntnisse wie die des kopernikanischen Sonnensystems zu akzeptieren. Dies liegt an der Flexibilität ihrer dogmatischen Vorstellungen.

Da der Islam kein für alle verbindliches Lehramt kennt – der schiitische Islam ist hier die Ausnahme von der Regel -, konnten die Texte des Korans stets in einer Weise interpretiert werden, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit den Aussagen des Heiligen Buches der Muslime in eine gewisse Übereinstimmung brachten. Muslime nahmen die Tatsache, dass man bei einer entsprechenden Interpretation im Koran Hinweise auf die Bewegung der Planeten um die Sonne oder auf die Kernspaltung finden konnte, als Beleg für die göttliche Herkunft des Textes.

Der Koran wird auch heute von aufgeschlossenen Muslimen als göttliches Wunder gesehen, das auszuschöpfen der Mensch nicht in der Lage ist. Daher finden sich in ihm viele Aussagen auch zu Naturwissenschaft und Technik, die die Menschen noch nicht verstehen können und zu deren Erkenntnis sie unter Umständen zunächst auf dem Weg über naturwissenschaftliche Experimente gelangen. Aus theologischen Gründen steht der Islam daher technischen Neuerungen oder Erfindungen zunächst nicht kritisch gegenüber. Aber die Nutzung von technischen Neuerungen muss jeweils auf ihre Übereinstimmung mit dem Willen Gottes hin überprüft werden.

Solche Überprüfungen können durch islamische Rechtsgelehrte erfolgen, die sich heute bei technischen, medizinischen oder naturwissenschaftlichen Problemen durch kompetente Fachvertreter informieren lassen. In Rechtsgutachten (Fatwa) stellen sie dann fest, ob eine bestimme Technik oder wissenschaftliche Erkenntnis von Muslimen genutzt werden darf oder nicht.

Diese Verfahren können umständlich, kosten- und zeitaufwändig sein. Die Rechtsgelehrten unterscheiden zwischen erlaubten und ‘unstatthaften’ Neuerungen. In manchen Fällen, vor allem in der Medizin, lehnen sie bestimmte Möglichkeiten rundheraus ab, so z.B. Genmanipulationen. In anderen Fällen akzeptieren sie eine moderne Technik, z.B. in der neuen Kommunikationstechnik und untersagen lediglich den Gebrauch, der gegen die Normen des Islams verstoße, z.B. die Verbreitung von Pornographie durch das Internet. Schließlich erklären sie wissenschaftliche Bemühungen und damit verbundene Techniken wie die Weltraumforschung für erlaubt.

Auch bei solchen, von berühmten islamischen Rechtsgelehrten festgestellte Tatbeständen wirkt sich das Fehlen des verbindlichen Lehramtes für die überwiegende Mehrheit der Muslime aus. Kein sunnitischer Muslim (mehr als 80 % der Weltmuslimbevölkerung) ist verpflichtet, sich an ein entsprechendes Rechtsgutachten zu halten. Eine allgemeine Verbindlichkeit derartiger gutachterlicher Äußerungen gibt es nicht. Daher können die afghanischen Taliban Fernsehen oder Internet verbieten, auch wenn diese Technologien in der übrigen islamischen Welt weit verbreitet sind. Bei modernen Waffen haben sie dagegen keine Berührungsängste mit moderner Technik.

Mit muslimischer Technologiefeindlichkeit hat die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung in islamischen Kulturen und in der westlichen Welt also wenig zu tun. Einer von mehreren Gründen könnte in der unterschiedlichen Bewertung zentraler Normen zu finden sein. Muslime haben von jeher die Zeit, in der der Prophet Muhammad die Gemeinde seiner Anhänger leitete, als die glücklichste der islamischen Geschichte angesehen. Spätere Generationen der Muslime haben die Berichte über das Verhalten des Propheten, aber auch seiner Zeitgenossen aufbewahrt und an die Nachkommen weitervermittelt. Daraus hat sich eine ‘Kultur der Tradition’ entwickelt, die weit über Religion oder Ethik hinaus geht.

In dieser Kultur spielt die Bewahrung und Weitergabe alten Wissens jeder Art eine größere Rolle als die Produktion neuer Erkenntnisse. Als gebildet, ja als gelehrt gilt jemand, der besonders viel auswendig gelernt hat. Tradition ist wichtiger als Innovation. Denn bei der Tradition kann der Gläubige sicher sein, dass er sich in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes befindet. Bei Innovationen muss dies erst umständlich festgestellt werden.

Die meisten technischen Erfindungen und naturwissenschaftlichen Entdeckungen stammen heute aus der westlichen Welt. Sie verändern Kommunikations- und Sozialstrukturen, nehmen Einfluss auf das Wirtschaftsleben und auf das Freizeitverhalten. Wenn sich solche Veränderungen in islamischen Gesellschaften ergeben, sprechen Muslime neutral von ‘Verwestlichung’ oder deutlich kritisch von ‘Westoxikation’.

Dagegen wenden sich Muslime, die den Verlust der islamischen Identität des Einzelnen und ganzer Gesellschaften fürchten. Ihnen ist bewusst, dass sie in einer Welt leben, in der Innovationsfähigkeit und Kreativität die dominierenden Kriterien sind. Sie wissen, dass sie sich vor dieser Welt nicht verschließen können. Viele Muslime sind auf der Suche nach einer dritten Möglichkeit. Wie diese aussehen könnte, lässt sich aber noch nicht erkennen.

PETER HEINE

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