Wirkung der Schwerkraft verändert 26.05.2017, 07:29 Uhr

Rotierende Bäume wachsen waagerecht

Haben Sie schon einmal Bäume gesehen, die in Pflanzkübeln an Gebäudefassaden montiert werden? Und dann auch noch waagerecht weiterwachsen? Wohl kaum. Es sei denn, sie kommen gerade aus der Lutherstadt Wittenberg. Denn dort werden sie bei der Weltausstellung Reformation präsentiert. Als Weltpremiere.

Erstmals bekommt die Öffentlichkeit aktuell im Rahmen der Weltausstellung Reformation in Wittenberg waagerecht wachsende Bäume zu sehen. Waagerecht wachsende Bäume

Foto: Visioverdis

Die Gründer der Visioverdis GmbH – Alina Schick und Christoph Mandl – forschen seit Jahren an der Universität Hohenheim über die unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten von Pflanzen in derFassadenbegrünung.

Foto: Visioverdis

Das System GraviPlant ist zum Patent angemeldet.

Foto: Visioverdis

So könnten in Zukunft Fassaden begrünt werden: mit Bäumen in einem speziellen Pflanzkübel namens GraviPlant. Er dreht sich um die eigene Achse und ist mit Sensoren ausgestattet, die den Wasserhaushalt kontrollieren. Vernetzt mit einem Computer lässt sich über diesen die Wasserversorgung steuern.

Foto: Visioverdis

In Kürze gsoll es den GraviPlant auch in einer kleineren Innenraumvariante geben. Als dreidimensionale Wandgestaltung eignet sich das rotierende System laut Visioverdis sowohl für repräsentative Fassaden als auch für Innenräume in Hotels, Kongresshallen oder Einkaufszentren. 

Foto: GraviPlant

Visiioverdis-Installation: An einer Seilkonstruktion wachsen in 80 aufgeschnittenen Weinflaschen Reben.

Foto: Visioverdis

Die Bioinstallation stammt von Vioverdis, eine Ausgründung der Frankfurter Universität Hohenheim. 

Foto: Visioverdis

Die speziellen Pflanzkübel namens GraviPlant drehen sich computergesteuert um die eigene Achse. 

Foto: Visioverdis

Die Geschwindigkeit variiert zwischen 0,3 und 2 Umdrehungen pro Minute. 

Foto: Visioverdis

Durch die Rotation verlieren die Pflanzen die Orientierung und wachsen statt nach oben parallel zum Boden nach vorne. 

Foto: Visioverdis

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Warum die Bäume horizontal wachsen? Weil die speziellen Pflanzkübel über einen Computer gesteuert werden und sich waagerecht um die eigene Achse drehen. Den Bäumen wird dabei quasi schwindelig, die Wirkung der Schwerkraft verändert sich. Die Pflanzen verlieren die Orientierung nach oben und wachsen stattdessen parallel zum Boden geradeaus.

Orientierungslose Pflanzen? „Denen schadet das nicht“, versichert Dr. Alina Schick. Die Drehung der Bäume lässt sich variieren. Die Geschwindigkeit liegt zwischen 0,3 und 2 Umdrehungen pro Minute. Mit ihrem Start-up Visioverdis, eine Ausgründung der Universität Hohenheim bei Stuttgart, will die Biologin Fassaden auf diese ungewöhnliche Weise begrünen. Und ist zuversichtlich: „Der erste Ligusterbaum, den wir in einen solchen rotierenden Kübel gesetzt haben, dreht sich nun schon seit drei Jahren und ist nach wie vor gesund“, betont Schick.

GraviPlant versorgt die Pflanzen

Seit 2011 arbeitet Schick an den waagrecht wachsenden Pflanzen. Und tritt damit in die Fußstapfen von Naturforschern, die bereits im 19. Jahrhundert mit der Schwerkraftwahrnehmung bei Pflanzen experimentiert haben. Wie der Botaniker Julius von Sachs. Er erfand 1880 den ersten Klinostat.

Das war eine Vorrichtung, mit deren Hilfe Pflanzen horizontal befestigt und mittels eines Uhrwerks entlang ihrer Achse gedreht werden konnten. Visioverdis hat die Idee über 100 Jahre später aufgegriffen und auf dieser Basis den GraviPlant entwickelt.

Wesentliches Merkmal des GraviPlant ist neben der Rotation die Langzeitversorgung der Pflanzen. Sensoren in den Pflanzgefäßen messen beständig den Feuchtigkeitsgehalt der Erde und geben die Daten an einen Computer weiter, der daraus die nötige Wasserzufuhr ermittelt. Pro Baum gibt es eine Leitung, die mit einem Wasseranschluss verbunden ist. Eine Bewässerung über aufgefangenes Regenwasser ist angedacht, muss aber noch getestet werden. „Wir können mit unserem GraviPlant völlig neue, bislang ungenutzte Räume zur Begrünung erschließen“, erklärt Schick. Und bequem vom Computer aus überwachen, ob es den Pflanzen gut geht.

Dazu ist der GraviPlant an ein Stromkabel und zudem über ein Lankabel an einen Industrierechner angeschlossen. Über ihn werden auch die Beleuchtung und die Rotationsgeschwindigkeit bestimmt. Die Temperatur der Umgebung wird heute schon gemessen, künftig sollen zudem Daten über die den Baum umgebende Luftqualität erhoben werden. Ebenfalls ist für eine spätere Projektreihe die Energieversorgung mit Solarzellen geplant.

Fassadenbegrünung für bessere Luft

In ihren waagerecht wachsenden Pflanzen sieht Schick die Chance, für mehr Grün in Großstädten zu sorgen, wo es kaum noch Grünflächen gibt: „Pflanzen können die Luftqualität verbessern und die Luft von Schadstoffen befreien. Es ist deshalb dringend nötig, neuen Raum für Pflanzen in den Städten zu schaffen. Hier setzt unsere Technologie zur Fassadenbegrünung an.“

Bislang nahezu ungenutzte vertikale Flächen könnten durch waagerecht wachsende Pflanzen sinnvoll genutzt werden. Dabei denkt Schick auch an Vertical Farming.

Erster waagerechter Baum

Jetzt aber ist zunächst einmal der erste waagerechte Baum vom Gewächshaus an der Universität Hohenheim in Stuttgart in die Lutherstadt Wittenberg umgezogen. Entlang der Außenwand einer ehemaligen Schmiedehalle, die von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg als Ausstellungsfläche genutzt wird, wächst nun auf 54 m2 senkrechter Fläche ein Park. In den Pflanzkübeln der Bäume (80 l Volumen) befindet sich eine Mischung aus Erde und Lavagranulat. Ein bewässerter GraviPlant ist eine gewichtige Sache: Er bringt inklusive Pflanze rund 230 kg auf die Waage.

Hängender Weinberg

Bei der Ausstellung in Wittenberg gibt es auch noch einen von Visioverdis gestalteten und installierten Weinberg zu sehen: An einer Seilkonstruktion wachsen in 80 aufgeschnittenen Weinflaschen Reben einer eigens gezüchteten Sorte.

Zwischen den Reben angebrachte LED-Lampen sorgen für stimmungsvolles Licht. Und an manchen Tagen führt Dr. Schick persönlich durch die Installation.

Ein Beitrag von:

  • Martina Kefer

    Diplom-Medienpädagogin und Ausbildung zur Journalistin beim Bonner General-Anzeiger

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