Beratung 10.06.2016, 00:00 Uhr

Work-Life-Balance contra Karriere

Karriere und Arbeitsauffassungen unterliegen historisch gesehen einem steten Wandel. Lebens- und Berufsmuster sind nicht ohne weiteres von einer Generation auf die nächste übertragbar. Vorgelebtes wird nicht unkritisch adaptiert sondern verändert oder ignoriert. Die Diskussion um die Work-Life-Balance ist immer noch aktuell und Erkenntnisse sollten verstärkt bei Arbeitgebern Berücksichtigung finden.

Work-Life-Balance steht immer mehr im Fokus.

Work-Life-Balance steht immer mehr im Fokus.

Foto: iStock / Thinkstock

Ich war schon erstaunt, als mir kürzlich eine 19jährige angehende Abiturientin über ein Workcamp mit Jugendlichen in Schweden berichtete. Es ging darum, Gymnasiasten aus 20 europäischen Ländern für neue Lebensmuster zu sensibilisieren, weil sie eben über kurz oder lang nicht mehr aus unendlichen Ressourcen, insbesondere, was Umwelt und Finanzen betrifft, schöpfen können. Zudem werden die sozialen Systeme schlanker. Zu den neuen Lebensmustern wird es auch gehören, drastischer darüber nachzudenken, wie viel Lebenszeit muss, kann und will ich dem Beruf widmen, wie sieht meine Work-Life-Balance aus? Die demografische Entwicklung kommt der jungen Generation bei ihren Überlegungen dabei sicherlich entgegen.
Es ist gerademal 70 bis 80 Jahre her, dass Arbeit die gesamte Lebenszeit in Anspruch nahm und eine notwendige Voraussetzung zum Überleben war. Private Wünsche gab es kaum oder konnten sich nur die wenigen Wohlhabenden erfüllen. Work-Life-Balance gab es schlicht nicht. Erst im Zuge der sozialen Marktwirtschaft und großen wirtschaftlichen Erfolge der Nachkriegszeit wurden persönliche Bedürfnisse entdeckt. An Mitteln, diese zu befriedigen, mangelte es nicht, wohl aber vielfach an Zeit. Das Bett wurde damals sprichwörtlich mit in die Werkhalle genommen. Konstrukteure fertigten noch sonntags am Küchentisch technische Zeichnungen und führten statische Berechnungen durch.

Work-Life-Balance war ein Fremdwort

Für Unternehmensführungen waren neben dem nackten Streben nach Profit moralische, soziale und wirtschaftliche Verantwortung nicht nur Leerformeln, bedingt allerdings durch starke Gewerkschaften und eine Politik, die rein wirtschaftliche Interessen in Schach hielt. Die Menschen waren stolz auf ihre Arbeitgeber und fortlaufende Steigerungen des Bruttosozialproduktes führten zu nationalen Glücksgefühlen – an Work-Life-Balance wurde kein Gedanke verschwendet. Zu tief saßen noch die Kriegsenttäuschungen in den Gliedern und die Wirtschaftswunderjahre taten der Generation gut. Zunehmender und vorzeigbarer Wohlstand und die Familie mit Kindern, denen es einmal besser gehen sollte, waren die Lebenserfüllung. Der Begriff „neureich“ (allerdings durch Arbeit) machte die Runde. „Arbeiten bis der Arzt kommt“, so könnte die Berufsauffassung dieser Generation heute charakterisiert werden.
Der darauf folgenden Generation mangelt es wenig. Sie konnte und kann im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Vollen schöpfen, sich dem Konsumwünschen oder anderen individuellen Zielsetzungen gänzlich hingeben, sich schlichtweg ausleben. Rollenbilder der Familie wurden in Frage gestellt, andere werden vorgelebt. Der vielfach vorhandene hohe Bildungsstand vereinfacht für die Generation einiges. Erleichternd kommt hinzu, dass sie sich als Erbengeneration den Ersparnissen der Eltern bedienen kann. Schneller, weiter, höher gilt nicht nur für den Sport sondern für viele berufliche Karrieren. Geblieben ist, dass im Regelfall, freiwillig oder gezwungenermaßen, berufliche Belange meist vor die privaten gestellt werden. Die Loyalität von Arbeitnehmern und Arbeitgebern wechselt jedoch immer mehr in eine gegenseitige Mittel zum Zweck-Beziehung – häufig ohne tiefere Bindung. Jetzt kommt die Work-Life-Balance ins Spiel.

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Work-Life-Balance ist heute wichtiger denn je

Die junge Ingenieurgeneration verfolgt nicht mehr ohne weiteres vorrangig berufliche Interessen, sondern setzt auch auf Work-Life-Balance. Sie tritt selbstbewusst auf, was sich an den Karriere- und Gehaltsansprüchen recht gut ablesen lässt. So schaffte ein junger Elektroingenieur nach vielen Bewerbungsversuchen vor drei Jahren endlich den Berufseinstieg. Als er im Job war, dauerte es nicht lange, bis er seine Karriereambitionen klar auf den Tisch legte. Schnell wurde er Projekt- und Teamleiter und erfuhr in dem bekannten Großunternehmen eine schöne Gehaltsentwicklung.
Als erfahrener Coach war ich von seiner Entwicklung angetan, mir fehlten allerdings Verbindlichkeiten des Ingenieurs gegenüber seinem Arbeitgeber wie Dankbarkeit, Loyalität, Beweise, das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen etc – denn auch das gehört zur Work-Life-Balance. Auch schielte er immer wieder danach, ob es in einer anderen Spur noch etwas schneller vorangeht. Vorübergehend war der Ingenieur bereit, für seine Ziele hart zu arbeiten. Schließlich sollte er für seinen Arbeitgeber als Projektleiter in einem Schlüsselprojekt die Kastanien aus dem Feuer holen.

Work-Life-Balance beeinflusst Entscheidungen

Hierzu äußerte er klare Vorstellungen, unter welchen Umständen er dies tun wolle und trat an. Abschließend kam es zum Roll-out des Projektes – aber ohne dem Projektleiter! Der Ingenieur hatte sich beim Arbeitgeber abgemeldet, um die ersten Wochen nach der Geburt seines Kindes mit seiner Familie zuzubringen. Es kam zu einem klaren Prioritätenwechsel in der Work-Life-Balance, bei dem der Ingenieur zeigte, was ihm wirklich im Leben wichtig ist. Trotz großer Probleme, die sein Arbeitgeber und insbesondere sein Vorgesetzter durch sein Fernbleiben hatten, verdient der Ingenieur weiterhin im gleichen Unternehmen sein Geld.
Ein anderer Ingenieur stand kürzlich vor einer schwierigen Entscheidung. Weil sein Unternehmen nicht zu den Arbeitgebern gehört, die Rekordgewinne einfahren, wurden viele Kollegen aus dem operativen Bereich entlassen. Da er zur Führungscrew gehört und für das Unternehmen als Fachmann von hohem Nutzen ist, bot man ihm an, unter erheblichen Gehaltseinbußen zu bleiben. Trotz des guten Arbeitsmarktes akzeptierte der Ingenieur, weil er sich ohnehin zukünftig mehr um Frau und Kinder kümmern möchte und vor Ort gerade erst sein „Traumhaus“ bezogen hat. Ob das karrieretechnisch sinnvoll ist oder nicht, interessiert ihn erst an zweiter Stelle. Auch das ist eine Frage der Work-Life-Balance.

Auch ältere Semester sollten auf Work-Life-Balance achten

Dies sind nur zwei Beispiele, die zeigen, wohin der Zug für die jüngeren Ingenieure geht. Sicherlich gab es solche Fälle auch in der Vergangenheit. Heute wird aber von den jungen Ingenieuren viel stärker und immer häufiger zwischen beruflichen und privaten Interessen abgewogen. Auch ältere Semester sind aufgerufen, über Prioritäten in ihrer Work-Life-Balance nachzudenken und sich in die Gedankenwelt junger Menschen hineinzuversetzen. Schließlich wird die junge Generation mehr und mehr das Ruder übernehmen und in die Unternehmen vorrücken.

Gut beraten ist daher, wer sich sowohl beruflich als auch privat mit den neuen Gedanken arrangieren oder diese zumindest nachvollziehen kann. Unter den speziellen Bedingungen des Arbeitsmarktes und unter Beachtung des demographischen Wandels müssen sich hier Unternehmen und Personalabteilungen auf eine ganz neue Ingenieurgeneration einstellen und die bislang von Mitarbeitern erwartete hohe Flexibilität selbst unter Beweis stellen, um vakante Stellen zu besetzen. Das eine oder andere Unternehmen bewegt sich in Sachen Work-Life-Balance ja bereits in die richtige Richtung.

Tipp:
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