09.06.2014, 08:00 Uhr | 1 |

Gyroskop im Vorderrad Selbstbalancierendes Fahrrad macht Stützräder überflüssig

Uncoole Stützräder, unsicheres Kippeln und gebückte Joggingtouren der Eltern mit der Hand am Fahrradsattel könnten bald der Vergangenheit angehören: Das Jyrobike kippt auch bei geringen Geschwindigkeiten nicht um, weil es durch ein Gyroskop im Vorderrad stabilisiert wird. Hinter dieser Revolution des Fahrradfahrenlernens steckt ein achtköpfiges Team aus den USA. 

Das Jyrobike hilft Kindern beim Radfahren
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Derzeit sammelt das Jyrobike-Team über die Crowdfundingplattform Kickstarter Geld, um das Kinderrad serienreif machen zu können. Nächstes Jahr soll es dann für 249 US-Dollar auf den Markt kommen. 

Foto: Jyrobike

Wie er Fahrradfahren gelernt hat, weiß fast jeder noch: Wochenlang holperte man als Kind auf Stützrädern durch die Gegend, von denen mal das eine, mal das andere den Boden berührte, und gewöhnte sich dabei eine völlig falsche Haltung an. Oder Papa joggte Runde um Runde gebückt neben dem kippelnden Kind her, bis es endlich den Lenker gerade hielt und das Fahrrad sicher geradeaus fuhr. Wenn es nach dem achtköpfigen Jyrobike-Team aus den USA geht, werden sich zukünftige Generationen maximal an einen kippeligen Nachmittag erinnern können: Es will Fahrradfahrenlernen in wenigen Stunden ermöglichen.

Gyroskop im Vorderrad sorgt für Stabilität

Beim Jyrobike handelt es sich um ein auf den ersten Blick handelsübliches Kinderfahrrad, an dem lediglich das speichenlose, geschlossene Vorderrad auffällig ist. Genau hier sitzt der namensgebende Clou: Eine Schwungscheibe – ein Gyroskop – rotiert dort mit bis zu 2000 Umdrehungen pro Minute und stabilisiert so das ganze Fahrrad. Die Entwickler machen sich damit die Drehimpulserhaltung eines solchen rasch rotierenden, symmetrischen Kreisels in einem beweglichen Lager zunutze.

Dieser weist bei hohen Drehgeschwindigkeiten ein großes Beharrungsvermögen gegenüber Lageänderungen im Raum auf. Das heißt: Ist die Schwungscheibe erst einmal in Gang gebracht, wird es schwierig, sie aus ihrer Position herauszukippen.

Auch normale Fahrräder beruhen auf diesem Prinzip, das allerdings ein gewisses Tempo braucht, um den Effekt zu zeigen. Jyrobike überspringt die Hürde des Schnell-Fahren-Müssens, weil es die Geschwindigkeit mit Hilfe der Schwungscheibe simuliert: Das Vorderrad und damit auch das ganze Fahrrad bleiben auch bei geringen Geschwindigkeiten aufrecht, selbst wenn der kleine Fahrer sich etwas zu weit zur Seite lehnt oder kippelt.

Dasselbe Verfahren wird auch bei Helikoptern, Booten und sogar in Raumschiffen zur Stabilisierung verwendet. Den kleinen Pedalrittern hilft die Technik, sich auf das Lenken und Treten zu konzentrieren, ohne auch bei geringen Geschwindigkeiten die ganze Zeit Angst vorm Hinfallen haben zu müssen. Mit einer Fernbedienung mit einer Reichweite von 150 Metern können Eltern den Stabilisierungseffekt notfalls auch heimlich langsam senken, bis der Nachwuchsradler die Balance aus eigener Kraft halten kann.

Jyrobike soll 2015 für 249 US-Dollar auf den Markt kommen

Und noch einen weiteren Vorteil hat das Lernrad. Anders als sein Bruder mit den wackeligen Stützrädern sieht man dem Jyrobike die kleine Hilfe nicht an. Für weiteren Spaß sorgen Extras wie spezielle Huptöne – von der Sirene bis zum Dinosaurierbrüllen.

Wer seinem Kind die Stützräder ersparen möchte, kann das Jyrobike-Team bei seinem Projekt unterstützen. Beim Crowdfunding sammeln sie derzeit Geld vor allem für Material und Werkzeug, um das Rädchen bis spätestens Februar 2015 zur Marktreife zu bringen. Für 13 Dollar bekommen Unterstützer ein persönliches Dankeschön, ab 129 Dollar ein Vorderrad mit Jyrobike-Technik, das sich in ein Kinderrad einbauen lässt. Ein komplettes Fahrrad gibt es ab 249 US-Dollar –  für Schnellentschlossene sogar jeweils mit Fernbedienung. Und wer 5000 Dollar zuschießt, wird sogar eins von vier handgefertigten Prototypen mit den Unterschriften der Beteiligten sein Eigen nennen können.

Gyrowheel war schon im Jahr 2010 marktreif

Komplett neu ist die Idee übrigens nicht – bereits 2005 hatte eine Gruppe Studenten am Darthmoore College in den USA die Idee zu einem Lernrad auf Gyroskop-Basis. Als Gyrowheel kam es 2010 tatsächlich mit 10.000 Exemplaren auf den Markt, wurde dann aber eingestellt. Das heutige Jyrobike basiert auf den Plänen von damals. Robert Bodill, Gründer und Geschäftsführer von Jyrobike, hatte sie von den damaligen Erfindern gekauft und zwei Jahre lang gemeinsam mit Ingenieuren, Unterstützern und anderen Fachleuten auf der ganzen Welt weitergeforscht.

Herausgekommen ist eine die weiterentwickelte Version des Lernrads, das im Vergleich zum Vorgängermodell über vier zusätzliche Patente und Erfindungen verfügt. Für einen neuerlichen Markterfolg sieht es gut aus: Von den erhofften 100.000 Dollar sind bereits am dritten Tag knapp 60.000 Dollar zusammengekommen. Das Crowdfunding läuft noch bis zum 3. Juli 2014. 

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Von Judith Bexten
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kommentare
21.06.2015, 13:45 Uhr Progetti
Stabilisierungs-Kreisel-Systeme wären auch in Flugzeugen, Rennautos und Schiffen sehr interessant, wobei sogar lebensgefährliche lageverändernde Einflüsse von aussen ausgeglichen werden könnten. Solange ein leichter reibungsarm gelagerter Kreisel mit hoher Umdrehungszahl im Vakuum läuft, benötigt er nur wenig Energie für die Erhaltung der hohen Drehzahl und solange die Rotationsachse in einem Kugelraum nach jeder Richtung frei beweglich ist. Bei plötzlicher gefährlicher Lageänderung des Verkehrsmittels aus der Horizontalen wird die Rotationsachse aber automatisch aktiv in die passende Gegenrotation geführt, sodass z.B. eine Killer- Welle ein Schiff nicht zum Kentern bringen kann. Der störenden Präzession könnte mit computerunterstützten Mehrfach- Kreiselsystemen begegnet werden. Ein Rennauto könnte so in der Luft durch ein Gyroskop unterstützt wieder in die Horizontallage gebracht werden, bevor es wieder den Boden berührt.

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