Flugzeugtreibstoff aus Agrarabfällen 19.12.2025, 07:30 Uhr

Kerosin aus Tomatenabfällen soll 3 % des Bedarfs decken

Tomatenabfälle als Kerosin: EU-Projekt ToFuel entwickelt nachhaltigen Flugtreibstoff. Koordiniert von der TU Graz, mit Industriepartnern.

Tomatenreste im Labor

Tomatenreste im Labor, aus ihnen soll Biokerosin entstehen.

Foto: Helmut Lunghammer/TU Graz

Der Luftverkehr steht unter Druck. Die Branche soll ihre CO₂-Emissionen senken, ohne dass Flugzeuge am Boden bleiben. Ein zentraler Hebel sind Sustainable Aviation Fuels, kurz SAF. Diese Treibstoffe lassen sich in heutigen Flugzeugen einsetzen, verursachen über ihren Lebenszyklus aber deutlich weniger Treibhausgase. Genau hier setzt ein neues EU-Projekt an, das auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt. Abfälle aus der Tomatenverarbeitung sollen künftig zu Flugzeugtreibstoff werden. Die Koordination übernimmt die TU Graz.

Das Projekt trägt den Namen ToFuel. Dahinter steckt der Anspruch, Restbiomasse aus der Tomatenproduktion vollständig zu verwerten. Ziel ist ein Bioraffineriekonzept, das ohne Abfall auskommt, klimaneutral arbeitet und wirtschaftlich konkurrenzfähig ist. Neben Flugtreibstoff entstehen auch Dünger, Tierfutter und Speiseöl.

Tomatenabfälle als unterschätzte Ressource

Tomaten gehören weltweit zu den meistverarbeiteten Gemüsesorten. Nach Angaben der EU werden jährlich rund 17 Megatonnen geerntet. Ein erheblicher Teil davon landet in Fabriken, die Passata, Ketchup oder Konserven herstellen. Dort fallen große Mengen an Reststoffen an. Dazu zählen Schalen, Samen, Stängel, Blätter oder Früchte, die den Qualitätsanforderungen nicht genügen.

Bislang gelten diese Rückstände oft als Kostenfaktor. Sie werden verbrannt, kompostiert oder teuer entsorgt. Gleichzeitig sucht Europa nach nachhaltigen Rohstoffen für den Luftverkehr. Genau diese Lücke will ToFuel schließen.

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Projektleiterin Marlene Kienberger von der TU Graz erläutert: „Aus der EU-weit anfallenden Menge an sogenanntem Tomatentrester, also den Rückständen aus der Tomatenverarbeitung, ließen sich Schätzungen zufolge rund 3 % der bis 2030 in Europa benötigten Sustainable Aviation Fuels decken“.

So wird aus Tomatenresten Kerosin

Der Weg vom Tomatenabfall zum Flugtreibstoff ist komplex. Zunächst muss die Biomasse so aufbereitet werden, dass Mikroorganismen sie nutzen können. Das Projekt untersucht dafür zwei unterschiedliche Verfahren.

Beim ersten Ansatz kommt die Extrusion zum Einsatz. Dabei wird die Biomasse unter Druck und erhöhter Temperatur behandelt. Ein anschließender schneller Druckabfall bricht die Zellstrukturen auf. Das Ergebnis ist eine stark aufgeschlossene Masse. Sie eignet sich für die Fermentation, bei der Mikroorganismen Lipide erzeugen. Diese Fette bilden später die Grundlage für den Treibstoff.

Der zweite Weg ist die hydrothermale Verflüssigung. Hier wird die feuchte Biomasse direkt unter hohen Temperaturen und Drücken umgesetzt. Es entstehen Bioöl und Biokohle. Dieses Verfahren hat den Vorteil, dass keine energieintensive Trocknung nötig ist. Beide Ansätze werden im Projekt parallel entwickelt und verglichen.

Reinigung als kritischer Schritt

Bevor aus Bioöl oder Lipiden ein Flugtreibstoff werden kann, ist eine aufwendige Reinigung nötig. Tomatenreste enthalten viele stickstoffhaltige Verbindungen. Diese würden spätere Umwandlungsschritte stören oder Katalysatoren schädigen. Entsprechend groß ist der Fokus auf Reinigungsprozesse.

An diesen Schritten arbeiten mehrere Partner gemeinsam. Beteiligt sind unter anderem das Laboratório Nacional de Energia e Geologia in Lissabon, die TU Graz und die Universität Zagreb. Sie entwickeln biotechnologische und chemische Verfahren, um unerwünschte Stoffe gezielt zu entfernen.

HEFA-Prozess bringt Qualität auf Kerosin-Niveau

Die eigentliche Umwandlung in flugtauglichen Treibstoff erfolgt an der Montanuniversität Leoben. Dort kommt der sogenannte HEFA-Prozess zum Einsatz. Die Abkürzung steht für „Hydrierte Ester und Fettsäuren“. Dieses Verfahren ist in der SAF-Produktion etabliert. Es wandelt Fette und Öle in Kohlenwasserstoffe um, die fossilem Kerosin sehr ähnlich sind.

Der Vorteil: Der resultierende Treibstoff erfüllt internationale Standards und lässt sich bestehenden Flugzeugen beimischen oder sogar vollständig nutzen. Genau darauf kommt es im Luftverkehr an. Neue Triebwerke oder Infrastrukturen sind nicht nötig.

Wirtschaftlichkeit im Fokus

ToFuel bleibt nicht im Labormaßstab stehen. Die entwickelten Prozesse sollen schrittweise hochskaliert und unter realistischen Bedingungen getestet werden. Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern auch um Kosten. Projektleiterin Kienberger formuliert das klar:
„Unser klares Ziel ist es, nachhaltigen Flugkraftstoff auf Basis von Tomatenresten um einen konkurrenzfähigen Verkaufspreis zu produzieren. Nachhaltige Flugzeugtreibstoffe müssen sich letztendlich einfach auch wirtschaftlich lohnen“ (Statement TU Graz).

Parallel analysiert das Konsortium ökologische, ökonomische und soziale Effekte. Für die Lebensmittelindustrie könnten neue Einnahmequellen entstehen. Abfälle würden zu Rohstoffen, Entsorgungskosten zu Wertschöpfung.

Europäische Zusammenarbeit mit Industriebezug

Der offizielle Start von ToFuel ist für den 1.1.2026 geplant. Insgesamt arbeiten elf Partner aus sieben Ländern zusammen. Neben mehreren Universitäten und Forschungseinrichtungen sind auch Industrieunternehmen beteiligt. Die Lebensmittelhersteller Mutti und Podravka liefern Tomatenreste und bringen ihre Erfahrung in der Verarbeitung pflanzlicher Rohstoffe ein.

Das Projektbudget liegt bei 3,5 Millionen Euro über vier Jahre. Rund eine Million Euro fließt an die TU Graz als Konsortialführerin. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Ausbildung und Wissenstransfer. Geplant sind mindestens sechs Promotionen sowie zahlreiche Abschlussarbeiten auf Master- und Bachelor-Ebene.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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