Angriff auf Russlands „Seebären“: Was die Tu-142MR so besonders macht
Ukrainische Drohnen sollen zwei seltene Tu-142 getroffen haben. Warum die Variante Tu-142MR für Russlands Atom-U-Boote bis heute unverzichtbar ist.
Die Tu-142MR ist kein gewöhnlicher Seeaufklärer. Das Spezialflugzeug hält per Langwellenfunk Kontakt zu Atom-U-Booten.
Foto: picture alliance / Stocktrek Images | Artyom Anikeev
Am Asowschen Meer sollen ukrainische Langstreckendrohnen zwei seltene russische Spezialflugzeuge getroffen haben. Nach Angaben aus Kiew wurden die Maschinen zerstört. Ob sie tatsächlich noch einsatzfähig waren, ist allerdings unklar. Satellitenbilder deuten darauf hin, dass zumindest einige dieser Flugzeuge seit Jahren auf dem Militärflugplatz Taganrog abgestellt waren.
Trotzdem sorgt der Angriff für Aufmerksamkeit. Denn bei den betroffenen Maschinen handelt es sich offenbar um Varianten der Tupolew Tu-142 – eines Flugzeugtyps, der seit mehr als fünf Jahrzehnten eine wichtige Rolle in der russischen Marine spielt. Besonders eine Version sticht dabei heraus: die Tu-142MR. Sie jagt keine U-Boote. Ihre Aufgabe ist deutlich ungewöhnlicher. Sie hält Kontakt zu ihnen.
Aus einem strategischen Bomber wurde ein Spezialist für die Meere
Die Wurzeln der Tu-142 reichen bis in die Zeit des Kalten Krieges zurück. Ende der 1960er-Jahre suchte die Sowjetunion nach einem Flugzeug, das riesige Meeresgebiete überwachen und gegnerische U-Boote aufspüren konnte.
Als Grundlage diente die Tupolew Tu-95. Die NATO gab ihr wegen ihres markanten Erscheinungsbildes den Namen „Bear“. Für den Einsatz über den Ozeanen wurde die Maschine umfassend umgebaut. Ingenieure verlängerten den Rumpf, integrierten zusätzliche Arbeitsplätze für Sensorbediener und statteten das Flugzeug mit neuer Elektronik aus.
1972 gingen die ersten Tu-142 in Dienst. Produziert wurden sie bis Mitte der 1990er-Jahre. Insgesamt entstanden rund 100 Exemplare.
Vier Triebwerke, die bis heute Rekorde halten
Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass die Tu-142 anders aussieht als moderne Militärflugzeuge. Statt Strahltriebwerken treiben vier gewaltige Propellerturbinen die Maschine an.
Dabei handelt es sich um Kusnezow-NK-12-Triebwerke. Jedes von ihnen entwickelt rund 15.000 Wellen-PS und treibt zwei gegenläufige Propeller an. Zusammen erreicht das Flugzeug eine Leistung von etwa 60.000 PS. Bis heute gelten die NK-12 als die stärksten Turboproptriebwerke, die jemals in Serie gebaut wurden.
Das Konzept wirkt altmodisch, hat aber einen entscheidenden Vorteil. Turboprops verbrauchen deutlich weniger Treibstoff als vergleichbare Strahltriebwerke. Für die maritime Fernaufklärung ist das ideal. Die Tu-142 kann je nach Einsatzprofil mehr als zehn Stunden in der Luft bleiben und enorme Distanzen zurücklegen.
Technische Daten der Tupolew Tu-142MR
- Typ: Langstrecken-Kommunikationsflugzeug auf Basis der Tu-142
- NATO-Codename: Bear J
- Ursprung: Weiterentwicklung der Tu-95 „Bear“
- Aufgabe: Funkverbindung zu strategischen U-Booten, vor allem über VLF-Signale
- Triebwerke: 4 × Kusnezow NK-12-Turboprop
- Leistung: jeweils rund 15.000 Wellen-PS
- Propeller: gegenläufige Propellerpaare
- Reisegeschwindigkeit: etwa 700 bis 750 km/h
- Fährreichweite: rund 12.000 km, abhängig von Version und Einsatzprofil
- Flugdauer: je nach Mission mehr als 10 Stunden
- Besonderheit: sehr lange Schleppantenne für niederfrequente Funkübertragung; teils mit mehreren Kilometern Länge angegeben
- Kommunikation: VLF-Signale für kurze codierte Befehle an getauchte U-Boote
- Produktionszeitraum Tu-142-Familie: 1970er-Jahre bis 1994
- Stückzahl Tu-142-Familie: rund 100 Exemplare
- Ersatzlage: keine laufende Produktion, keine direkt verfügbare moderne Nachfolgeplattform bekannt
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Wie findet man ein U-Boot, das niemand sehen soll?
Die klassischen Versionen Tu-142MK und Tu-142M3 wurden speziell für die U-Boot-Jagd entwickelt. Dafür nutzt das Flugzeug gleich mehrere Sensorsysteme.
Während eines Einsatzes wirft die Besatzung zahlreiche Sonarbojen ins Meer. Die kleinen Schwimmkörper lauschen auf Geräusche unter Wasser und senden ihre Daten zurück an das Flugzeug. Aus den Signalen vieler Bojen entsteht eine Art akustische Landkarte des Suchgebiets.
Hat die Besatzung einen Verdacht, kommt ein weiteres System ins Spiel: der Magnetische Anomaliedetektor, kurz MAD. Große Stahlkörper verändern das Magnetfeld der Erde geringfügig. Fliegt die Tu-142 in geringer Höhe über ein getauchtes U-Boot, kann dieser Sensor die Abweichung registrieren. Der markante Heckausleger vieler Tu-142-Versionen beherbergt genau diese Technik.
Ergänzt wird das Ganze durch leistungsfähige Suchradare, die Schiffe, Schnorchel oder Periskope aufspüren können.
Die Tu-142MR verfolgt eine ganz andere Mission
Besonders interessant ist jedoch die Variante Tu-142MR. Sie wurde nicht gebaut, um U-Boote zu jagen. Stattdessen sorgt sie dafür, dass die russische Marine mit ihren strategischen Atom-U-Booten in Verbindung bleibt. Das klingt zunächst unspektakulär, ist technisch aber eine echte Herausforderung.
Normale Funkwellen dringen kaum durch Meerwasser. Ein getauchtes U-Boot müsste auftauchen oder zumindest dicht unter die Oberfläche steigen, um herkömmliche Funksprüche zu empfangen. Genau das würde seine Tarnung gefährden.
Deshalb setzt die Tu-142MR auf extrem niederfrequente Funkwellen, sogenannte Very Low Frequency-Signale (VLF). Sie können einige Meter tief ins Wasser eindringen und auch getauchte U-Boote erreichen.
Ein fliegender Funkmast
Um diese Signale aussenden zu können, verfügt die Tu-142MR über eine ungewöhnliche Konstruktion. Während des Fluges wird eine sehr lange Schleppantenne ausgefahren. Verschiedene Quellen sprechen von mehreren Kilometern Länge.Im Grunde verwandelt sich das Flugzeug damit in einen fliegenden Langwellensender.
Dabei geht es nicht darum, große Datenmengen zu übertragen. VLF-Kommunikation ist extrem langsam. Übermittelt werden vor allem kurze codierte Befehle oder Signale, die ein U-Boot beispielsweise zum Auftauchen oder zum Wechsel auf einen anderen Kommunikationskanal auffordern.
Gerade für die russische Nordflotte besitzt diese Fähigkeit große Bedeutung. Unter dem arktischen Eis können strategische U-Boote wochenlang verborgen bleiben. Die Tu-142MR ermöglicht es, mit ihnen in Kontakt zu bleiben, ohne dass sie ihre Deckung aufgeben müssen.
Warum diese Flugzeuge kaum zu ersetzen sind
Schätzungen zufolge verfügt Russland heute noch über zwei bis drei Dutzend Tu-142 verschiedener Varianten. Wie viele davon tatsächlich einsatzbereit sind, ist öffentlich nicht bekannt.
Das eigentliche Problem ist aber ein anderes. Die Tu-142MR ist weit mehr als ein Flugzeug. Sie vereint leistungsstarke Triebwerke, spezielle Avionik, maritime Sensorik und hochkomplexe Langwellentechnik in einer einzigen Plattform.
Eine moderne Nachfolge gibt es bislang nicht. Deshalb wäre selbst der Verlust eines seit Jahren abgestellten Flugzeugs mehr als nur der Verlust einer alten Zelle. Ersatzteile, Spezialtechnik und erfahrene Besatzungen lassen sich nicht kurzfristig ersetzen.
Ob die in Taganrog getroffenen Maschinen tatsächlich noch einsatzbereit waren, wird sich möglicherweise erst in den kommenden Wochen klären. Der Vorfall zeigt aber bereits jetzt, wie wertvoll solche hochspezialisierten Systeme auch Jahrzehnte nach ihrer Entwicklung noch sein können.
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