Ballistische Rakete von deutscher Fregatte: Was hinter dem LORA-Test steckt
Die Deutsche Marine testet erstmals LORA von einer F125-Fregatte. Wie die ballistische Rakete funktioniert und warum ihre Reichweite Fragen aufwirft.
Die Fregatte „Sachsen-Anhalt“ (F224): Von ihrem Flugdeck feuerte die Deutsche Marine erstmals ballistische LORA-Raketen ab.
Foto: picture alliance/dpa | Hauke-Christian Dittrich
Zwei Startcontainer stehen auf dem Flugdeck der Fregatte „Sachsen-Anhalt“. Dann steigen nacheinander zwei Raketen in den Nachthimmel über dem Nordatlantik. Für die Deutsche Marine ist das eine Premiere: Erstmals hat sie ballistische Raketen von einer Fregatte aus erprobt.
Bei den Flugkörpern handelt es sich um Naval LORA des israelischen Herstellers Israel Aerospace Industries (IAI). Der Versuch fand in der Nacht zum 2. September 2026 statt. Nach Angaben von IAI wurden zwei Einsatzszenarien erfolgreich durchgespielt. Die Raketen folgten ihren vorgegebenen Flugbahnen und trafen die Ziele.
Was der Test nicht bedeutet: Die vier deutschen Fregatten der Klasse F125 sind damit noch nicht mit ballistischen Raketen bewaffnet. Für den Versuch wurde zusätzliche Start- und Führungstechnik an Bord gebracht. Gerade das macht die Erprobung technisch interessant.
Inhaltsverzeichnis
- Zwei LORA-Raketen von der „Sachsen-Anhalt“
- Warum stehen die Raketen auf dem Flugdeck?
- Was kann die LORA-Rakete?
- Fliegt LORA 430 oder mehr als 500 km?
- Was unterscheidet LORA von Taurus?
- Von 80 auf mehr als 400 km gegen Landziele
- „Maritime Strike“ steht längst im Zielbild der Marine
- Warum testet die Marine die Rakete, bevor sie sie kauft?
Zwei LORA-Raketen von der „Sachsen-Anhalt“
Abschussplattform war nach Informationen des Fachportals Hartpunkt die F224 „Sachsen-Anhalt“, eine der vier Fregatten der Klasse F125. Auf Aufnahmen der Marine sind zwei LORA-Startcontainer auf dem Flugdeck zu erkennen. Aus jedem Container startet eine Rakete.
IAI spricht von einem „dual operational firing trial“, also einer Erprobung mit zwei Schussszenarien. Der Hersteller nennt keine Details zu Zielentfernung, Flugzeit oder Art der Ziele.
Für den Versuch waren zwei deutsche Fregatten in ein Seegebiet zwischen Irland und Island verlegt worden. Die Aktion war vorher nicht öffentlich angekündigt. Vollständig geheim war sie dennoch nicht: Wegen der Sicherheitszone wurden Luft- und Schifffahrt bereits 45 Tage vorher vor dem Testgebiet gewarnt.
Warum stehen die Raketen auf dem Flugdeck?
Für den Versuch wurde LORA nicht fest in die F125 eingebaut. Stattdessen kamen zusätzliche Startcontainer und eine eigene Kommandoeinheit an Bord. Die Container standen sichtbar auf dem Flugdeck.
Das ist auch deshalb interessant, weil die F125 kein großes Senkrechtstartsystem besitzt, aus dem sich verschiedene Flugkörpertypen verschießen lassen. Zur regulären Bewaffnung gehören unter anderem das 127-mm-Hauptgeschütz, Harpoon-Seezielflugkörper und RAM-Flugabwehrraketen.
Für den Test wählte die Marine deshalb eine pragmatische Lösung: Startgerät und Führungstechnik wurden zusätzlich auf dem Schiff installiert. So ließ sich LORA unter realistischen Bedingungen erproben, ohne die Fregatte vorher grundlegend umzubauen.
Für einen dauerhaften Einsatz wäre deutlich mehr nötig. Feuerleitung, Gefechtsführung, Kommunikation, Stromversorgung, Lagerung und Sicherheitskonzept müssten fest aufeinander abgestimmt und in das Schiff integriert werden.
Was kann die LORA-Rakete?
LORA steht für „Long Range Artillery“. IAI entwickelt das System für Präzisionsangriffe auf weiter entfernte Ziele an Land. Die Rakete kann von mobilen Fahrzeugen oder von Schiffen aus gestartet werden.
Die technischen Eckdaten der Naval LORA:
- Länge: 5,2 m
- Durchmesser: 624 mm
- Masse: rund 1600 kg
- Antrieb: einstufiger Feststoffraketenmotor
- Navigation: GPS und Trägheitsnavigation
- angegebene Treffgenauigkeit: 10 m CEP
- offizielle Reichweite laut IAI: 90 bis 430 km
Die Rakete bleibt bis zum Einsatz in einem geschlossenen Startcontainer. Ein Feststoffmotor hat dabei einen praktischen Vorteil: Anders als bei flüssigkeitsgetriebenen Raketen muss der Flugkörper vor dem Start nicht betankt werden. IAI wirbt mit einer Reaktionszeit von wenigen Minuten.
Die Angabe von 10 m CEP wird häufig missverstanden. Sie bedeutet nicht, dass jeder Flugkörper maximal zehn Meter neben dem Ziel einschlägt. CEP steht für „Circular Error Probable“: Statistisch liegt die Hälfte der Treffer innerhalb eines Kreises mit diesem Radius.
Fliegt LORA 430 oder mehr als 500 km?
Bei der Reichweite passen die derzeit veröffentlichten Angaben nicht zusammen. IAI nennt für Naval LORA aktuell 90 bis 430 km. Diese Zahl steht sowohl auf der Produktseite für Naval LORA als auch in den allgemeinen technischen Angaben zur Raketenfamilie.
Aus Kreisen der Deutschen Marine ist dagegen von mehr als 500 km die Rede. Die Deutsche Presse-Agentur berichtet, dass nun Beschaffungspläne für eine Waffe dieser Reichweitenklasse vorangetrieben werden sollen. Reuters nennt für das getestete System bis zu 500 km.
Was unterscheidet LORA von Taurus?
LORA wird häufig mit dem deutschen Marschflugkörper Taurus verglichen. Beide können weit entfernte Ziele präzise bekämpfen, technisch unterscheiden sie sich jedoch erheblich.
Taurus wird von einem Kampfflugzeug gestartet. Ein Strahltriebwerk hält den Marschflugkörper über einen großen Teil der Strecke in der Luft. Taurus kann dabei tief fliegen und dem Gelände folgen.
LORA besitzt dagegen einen Raketenmotor und folgt einer quasiballistischen Flugbahn. IAI spricht von einer gezielt geformten Flugbahn und nennt für den Anflug auf das Ziel einen Winkel zwischen 60° und 90°. Der Flugkörper erreicht Überschallgeschwindigkeit.
„Ballistisch“ bedeutet dabei nicht automatisch, dass eine moderne Rakete nach dem Start ungesteuert einer einfachen Wurfparabel folgt. LORA verfügt über GPS- und Trägheitsnavigation und kann ihre Flugbahn gezielt steuern.
Wie ballistische Raketen sich technisch von anderen Flugkörpern unterscheiden und weshalb ihre Abwehr schwierig ist, haben wir bereits am Beispiel der russischen Oreschnik erklärt: Angriff nahe Kiew: Was Russlands Oreschnik technisch so gefährlich macht
Für die Marine liegt der wesentliche Unterschied zu Taurus ohnehin bei der Startplattform: LORA würde weitreichende Angriffe auf Landziele direkt von einem Schiff aus ermöglichen. Ein Kampfflugzeug wäre dafür nicht notwendig.
Von 80 auf mehr als 400 km gegen Landziele
Für die F125 wäre das ein erheblicher Reichweitensprung. Die 127-mm-Geschütze der Fregatten können präzisionsgelenkte Vulcano-Munition verschießen. Die Bundeswehr nennt dafür eine Reichweite von bis zu 80 km gegen Punktziele.
LORA würde Landziele dagegen über mindestens mehrere Hundert Kilometer erreichen. Selbst mit den offiziell von IAI genannten maximal 430 km wäre die Reichweite damit mehr als fünfmal so groß wie bei Vulcano.
Die ebenfalls auf der F125 vorhandenen Harpoon-Flugkörper kommen als Vergleich nur bedingt infrage. Sie erreichen nach Bundeswehrangaben mehr als 220 km, sind aber in erster Linie für die Bekämpfung von Schiffen vorgesehen. LORA schließt dagegen auf große Distanz eine Lücke beim Angriff von See auf Land.
Das ist bemerkenswert, weil die F125 ursprünglich vor allem für lang andauernde Stabilisierungs- und Überwachungseinsätze entwickelt wurde. Die 149,5 m langen Schiffe verdrängen rund 7.200 t und können bis zu zwei Jahre im Einsatzgebiet bleiben.
„Maritime Strike“ steht längst im Zielbild der Marine
Der LORA-Test kommt nicht aus dem Nichts. Die Deutsche Marine hat bereits in ihrem „Zielbild Marine 2035+“ festgelegt, dass sie ihre Fähigkeit zu Angriffen von See auf Land ausbauen will.
Dort verwendet sie ausdrücklich den Begriff „Maritime Strike“. Gemeint sind weitreichende Angriffe auf Ziele wie Führungseinrichtungen, Sensoren, Waffenstellungen oder Logistikzentren. Die Marine verweist selbst darauf, dass ihre bisherige Zahl landzielfähiger Lenkflugkörper begrenzt ist.
Auch andere Bereiche der Flotte werden derzeit technisch aufgerüstet. Mit dem NH-90 Sea Tiger erhält die Marine beispielsweise einen neuen Hubschrauber für U-Boot- und Überwasserbekämpfung. Parallel läuft der Aufbau der neuen Fregattenklasse F126, deren Beschaffungsprogramm zuletzt allerdings mit erheblichen Verzögerungen zu kämpfen hatte. Beim F126-Projekt wurde deshalb Anfang 2026 die operative Führung neu geordnet.
LORA betrifft einen anderen Bereich dieser Modernisierung: die Fähigkeit, von einem Überwasserschiff aus weit entfernte Ziele an Land zu bekämpfen.
Warum testet die Marine die Rakete, bevor sie sie kauft?
Die Erprobung läuft im Rahmen von „Operational Experimentation“, kurz OPEX. Damit will die Marine neue Technik unter möglichst realistischen Bedingungen testen, bevor sie viel Zeit und Geld in eine vollständige Integration steckt.
Genau das ist beim LORA-Test passiert: Die zusätzliche Start- und Führungstechnik kam auf ein einsatzfähiges Schiff und wurde dort praktisch erprobt. So lässt sich früh erkennen, ob ein System grundsätzlich funktioniert, wo technische Hürden liegen und ob sich eine weitere Entwicklung lohnt.
IAI bestätigt, dass die beiden Schüsse Teil dieses OPEX-Programms waren. Der erfolgreiche Test zeigt also, dass sich LORA von einer F125 aus verschießen lässt. Ein einsatzreifes und dauerhaft integriertes Waffensystem ist daraus aber noch nicht geworden.
Auch eine Beschaffung ist bislang nicht beschlossen. Nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur will die Marine die Planungen nach dem erfolgreichen Versuch jedoch weiterverfolgen. Offen ist unter anderem, welche Schiffe LORA erhalten könnten, wie viele Flugkörper benötigt würden und wie eine dauerhafte Integration an Bord aussehen soll.
Quellen
- Israel Aerospace Industries: Erfolgreicher LORA-Test der Deutschen Marine
- Israel Aerospace Industries: Technische Daten Naval LORA
- Bundeswehr: Fregattenklasse F125 – Technik und Bewaffnung
- Bundeswehr: Zielbild Marine 2035+ und „Maritime Strike“
- Bundeswehr: Operational Experimentation (OPEX)
- Bundeswehr: Vulcano-Munition für die F125
- Hartpunkt: LORA-Test auf der Fregatte „Sachsen-Anhalt“
- Reuters: Bericht zum deutschen LORA-Test
Ein Beitrag von: