382 m, 95 MW 02.09.2026, 14:30 Uhr

17.000 t auf einen Schlag: So zerlegt das größte Bauschiff der Welt die Nordsee

17.000 t hebt die Pioneering Spirit auf einmal aus der Nordsee. So funktioniert das größte Arbeitsschiff der Welt – und es schafft sogar 60.000 t.

Die Pioneering Spirit im Hafen von Rotterdam

Die Pioneering Spirit im Hafen von Rotterdam: Mit 382 m Rumpflänge und 124 m Breite gehört das Spezialschiff von Allseas zu den größten Bauschiffen der Welt. Gut zu erkennen sind die gewaltigen Hubsysteme, mit denen es komplette Offshore-Plattformen aufnehmen kann.

Foto: picture alliance / imageBROKER | Arnulf Hettrich

Mehr als 17.000 t Stahl in einem Hub: Ende August hat die Pioneering Spirit den kompletten Oberbau einer alten Öl- und Gasplattform aus der Nordsee gehoben. Dabei liegt diese Last weit unter dem, was das riesige Spezialschiff inzwischen bewältigen kann. Als ingenieur.de 2014 erstmals über den damals noch unfertigen Koloss berichtete, musste die ungewöhnliche Technik ihren Praxistest erst noch bestehen.

17.000 t verlassen die Nordsee in einem Stück

Mehr als vier Jahrzehnte lang gehörte North Cormorant zum Bild der nördlichen Nordsee. Die Plattform wurde 1981 installiert, ein Jahr später begann die Förderung. Rund 113 km nordöstlich der Shetlandinseln stand sie in etwa 160 m tiefem Wasser. Getragen wurde der Oberbau von einem achtbeinigen Stahlgerüst, dem sogenannten Jacket.

Ende August 2026 rückte die Pioneering Spirit an. Das Spezialschiff hob die kompletten Topsides – also den Oberbau mit den früheren Produktionsanlagen – in einem Stück vom Jacket. Mehr als 17.000 t nahm das Hubsystem dabei auf.

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Danach transportierte die Pioneering Spirit die Konstruktion nach Dales Voe auf den Shetlandinseln. Dort zerlegt Brown & Mason den Plattformoberbau. Für das gesamte Rückbauprogramm von TAQA und Allseas ist vorgesehen, mindestens 97 % der Materialien wiederzuverwenden oder zu recyceln.

Der spektakuläre Hub ist allerdings nur der sichtbare Abschluss einer langen Vorbereitung. Allein die Arbeiten auf See dauerten unmittelbar davor vier Monate. Hubpunkte mussten vorbereitet, Steigleitungen getrennt und die Topsides vom Jacket gelöst werden. Erst dann konnte die Pioneering Spirit übernehmen – und den mehr als 17.000 t schweren Oberbau innerhalb weniger Sekunden anheben.

Wie hebt ein Schiff eine komplette Ölplattform an?

Die Pioneering Spirit arbeitet anders als ein klassisches Kranschiff. Ihr Bug ist geteilt; zwischen den beiden Rumpfhälften liegt ein 122 m langer und 59 m breiter Schlitz. Für einen Hub fährt das Schiff so weit um die Plattform herum, bis deren Oberbau zwischen den beiden Rumpfteilen liegt. Dann übernimmt das Topsides Lift System.

Seine 16 horizontalen Hubträger greifen unter tragfähige Bereiche der Plattform. Zunächst wird die Last kontrolliert vom Jacket auf das Schiff übertragen. Sobald die Pioneering Spirit das gesamte Gewicht trägt, folgt der schnelle Hub.

Hydraulikzylinder heben die Topsides dabei um bis zu 4 m an. Das schafft genügend Abstand zum Unterbau. Denn auch ein Schiff dieser Größe bewegt sich mit dem Seegang. Würde der Oberbau nur langsam angehoben, könnten Topsides und Jacket durch die Wellen erneut aufeinandertreffen.

Wie schnell die Trennung tatsächlich erfolgen kann, zeigte 2020 der Rückbau von Brent Alpha. Die ebenfalls rund 17.000 t schweren Topsides löste die Pioneering Spirit mit einem sogenannten Fast Lift innerhalb von nur neun Sekunden vom Unterbau.

382 m lang und 124 m breit

Die Dimensionen der Pioneering Spirit sind außergewöhnlich. Der Rumpf misst 382 m in der Länge und 124 m in der Breite. Mit den zusätzlichen Einrichtungen für die Pipeline-Verlegung kommt das Schiff sogar auf eine Gesamtlänge von 477 m.

An Bord sind 95 MW Leistung installiert. Zwölf Azimut-Thruster mit jeweils 6050 kW sorgen für Vortrieb und halten das Schiff während der Arbeiten auf Position. Gesteuert werden sie von einem dynamischen Positionierungssystem, das die Pioneering Spirit auch ohne Verankerung möglichst exakt an Ort und Stelle hält.

Bis zu 571 Menschen können an Bord untergebracht werden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 14 kn. Allseas bezeichnet die Pioneering Spirit als größtes und vielseitigstes Bauschiff der Welt. Als „größtes Schiff der Welt“ sollte man sie dagegen nicht bezeichnen: Andere Schiffstypen sind länger. Moderne Containerschiffe erreichen beispielsweise rund 400 m Rumpflänge.

Welche Dimensionen dort inzwischen üblich sind, zeigt unser Überblick über die größten Containerschiffe der Welt.

Pioneering Spirit: Die wichtigsten technischen Daten

  • Rumpflänge: 382 m
  • Gesamtlänge mit Pipeline-Verlegeeinrichtung: 477 m
  • Breite: 124 m
  • Installierte Leistung: 95 MW
  • Azimut-Thruster: 12 × 6050 kW
  • Hubkapazität Topsides: bis 60.000 t
  • Hubkapazität Jackets: bis 20.000 t
  • S-Lay-Zugkraft: bis 2000 t
  • Rohrmaterial an Deck: bis 27.000 t
  • Unterbringung: bis 571 Personen
  • Höchstgeschwindigkeit: 14 kn

2014 war das alles noch Zukunft

Als ingenieur.de 2014 erstmals über das Spezialschiff berichtete, war die Pioneering Spirit noch nicht fertiggestellt. Damals trug sie noch den Namen Pieter Schelte. Der Rumpf war in Südkorea gebaut worden, die gewaltige Hubtechnik musste anschließend noch montiert und erprobt werden. Vorgesehen war zunächst eine maximale Hubkapazität von 48.000 t für Plattformoberbauten.

Im Februar 2015 erhielt das Schiff seinen heutigen Namen. Der erste kommerzielle Einsatz des Single-Lift-Systems folgte am 22. August 2016 vor Norwegen: Dort hob die Pioneering Spirit die rund 13.500 t schwere Yme-Förderplattform in einem Stück aus dem Meer.

Fast genau zehn Jahre später folgte mit North Cormorant der nächste markante Einsatz. Aus dem damals noch neuen Konzept ist längst bewährte Offshore-Technik geworden. Seit 2016 hat die Pioneering Spirit nach Angaben von Allseas mehr als 460.000 t Offshore-Anlagen gehoben und transportiert.

Aus 48.000 t wurden 60.000 t Hubkapazität

Seit den ersten Einsätzen ist die Pioneering Spirit noch leistungsfähiger geworden. Allseas hat die maximale Kapazität des Topsides Lift Systems von ursprünglich 48.000 auf heute 60.000 t erhöht. Der Ausbau war vor allem mit Blick auf besonders schwere Rückbauprojekte nötig. Dazu gehört die norwegische Statfjord-A-Plattform, deren Topsides rund 50.000 t wiegen. Auch sie sollen vom Arbeitsschiff entfernt werden.

Verglichen damit wirken die gut 17.000 t von North Cormorant fast schon moderat. Den bisherigen Rekord stellte das Schiff im Juli 2024 auf: Damals hob es die mehr als 31.000 t schweren Topsides von Brent Charlie aus der britischen Nordsee. Nach Angaben von Allseas war das der bislang schwerste einzelne Offshore-Topsides-Hub.

Brent Charlie war zugleich der Abschluss eines der bekanntesten Rückbauprogramme in der Nordsee. Zuvor hatte die Pioneering Spirit bereits Brent Delta, Brent Bravo und Brent Alpha entfernt. Zusammen kamen die vier Plattformoberbauten auf fast 100.000 t.

Am Heck der Pioneering Spirit ragt das gewaltige Jacket Lift System auf
Am Heck der Pioneering Spirit ragt das gewaltige Jacket Lift System auf. Die beiden rund 170 m langen Hubträger können Stahlunterkonstruktionen von Offshore-Plattformen mit einem Gewicht von bis zu 20.000 t aus dem Meer heben und für den Abtransport aufnehmen. Foto: picture alliance / imageBROKER | Arnulf Hettrich

Auch die Stahlfundamente kommen an Bord

Mit dem Abheben der Topsides ist der Rückbau noch nicht abgeschlossen. Zurück bleibt das sogenannte Jacket – das massive Stahlgerüst, auf dem der Plattformoberbau sitzt und das bis zum Meeresboden reicht.

Auch dafür ist das Bauschiff ausgerüstet. Am Heck befindet sich ein zweites Hubsystem, das Jacket Lift System. Zwei miteinander verbundene, jeweils 170 m lange Träger können Stahlkonstruktionen mit einem Gewicht von bis zu 20.000 t aus dem Wasser heben.

Zuvor wird das Jacket vom Meeresboden beziehungsweise von seinen Gründungspfählen getrennt. Anschließend nimmt das Hubsystem die Konstruktion auf und bringt sie für den Transport in eine waagerechte Position am Heck.

Erstmals kommerziell eingesetzt wurde das System 2022 an der Ninian-Northern-Plattform. Das dort entfernte Jacket wog rund 8100 t. Damit kann die Pioneering Spirit nicht nur den Oberbau einer Plattform entfernen, sondern auch große Teile ihrer stählernen Unterkonstruktion.

Die Pioneering Spirit verlegt auch Pipelines

Der Rückbau von Plattformen ist nur eine der Aufgaben der Pioneering Spirit. Das Schiff kann auch große Offshore-Pipelines verlegen und gehört dabei zu den leistungsfähigsten Einheiten weltweit. Zum Einsatz kommt ein S-Lay-System mit einer maximalen Zugkraft von 2000 t. Es hält die Pipeline beim Absenken zum Meeresboden kontrolliert unter Spannung und verhindert so, dass das Rohr übermäßig belastet wird.

Auf dem Hauptdeck kann die Pioneering Spirit bis zu 27.000 t Rohrmaterial mitführen. Verarbeiten lassen sich Rohre mit Außendurchmessern zwischen 6 und 68 Zoll. Damit vereint das Schiff zwei sehr unterschiedliche Aufgaben: Es hebt komplette Offshore-Plattformen und kann zugleich große Pipelines auf dem Meeresboden verlegen.

Warum ein Hub in Sekunden trotzdem jahrelange Vorbereitung braucht

Der eigentliche Hub dauert nur wenige Sekunden. Der Rückbau einer Offshore-Plattform ist deshalb aber noch lange kein schneller Vorgang. Bei North Cormorant gingen dem Einsatz mehrere Jahre Planung und vier Monate Vorbereitung auf See voraus. Noch aufwendiger war Brent Alpha: Bevor die Pioneering Spirit die rund 17.000 t schweren Topsides innerhalb von neun Sekunden vom Unterbau löste, waren 15 Monate Offshore-Arbeiten nötig.

Vor dem Hub muss eine Plattform außer Betrieb genommen und gesichert werden. Leitungen werden getrennt, Teile der Konstruktion verstärkt und die vorgesehenen Aufnahmepunkte vorbereitet. Der Vorteil des Single-Lift-Verfahrens liegt daher nicht darin, den gesamten Rückbau in wenigen Sekunden zu erledigen. Es verlagert vielmehr einen großen Teil der Demontage an Land.

Statt den Plattformoberbau auf See Stück für Stück zu zerlegen und viele Einzelteile abzutransportieren, nimmt die Pioneering Spirit die Konstruktion weitgehend komplett auf. Zerlegt wird sie anschließend im Hafen. Das verkürzt die Arbeiten auf See und reduziert die Zahl der wetterabhängigen Offshore-Einsätze.

Die Nordsee wird zum riesigen Rückbaugebiet

Für Schiffe wie die Pioneering Spirit gibt es noch lange genug zu tun. Viele Öl- und Gasplattformen in der Nordsee stammen aus den 1970er- und 1980er-Jahren und nähern sich dem Ende ihrer Betriebszeit.

Wie groß die Aufgabe ist, zeigen die Zahlen aus Großbritannien. Für den UK Continental Shelf veranschlagt die North Sea Transition Authority die noch ausstehenden Rückbaukosten 2026 auf 43,4 Mrd. £. Allein 2025 gab die Branche dort 2,6 Mrd. £ für Decommissioning aus – ein Rekordwert.

Mit dem Abbau der sichtbaren Plattformen ist es jedoch nicht getan. Auch Bohrlöcher, Pipelines und Anlagen auf dem Meeresboden müssen stillgelegt, gesichert oder entfernt werden. 2025 liefen im britischen Sektor Rückbauarbeiten an 257 Bohrlöchern. Mehr als 1000 weitere sollen in den kommenden fünf Jahren folgen. Der Rückbau der alten Öl- und Gasinfrastruktur wird die Nordsee daher noch über viele Jahre beschäftigen.

Das gleiche Schiff baut neue Offshore-Infrastruktur auf

Die Pioneering Spirit arbeitet gleichzeitig an jener Infrastruktur, die in der Nordsee neu entsteht. Das Single-Lift-Prinzip funktioniert nämlich auch in die andere Richtung. Große Offshore-Plattformen können weitgehend fertig an Land gebaut, zum Einsatzort transportiert und dort in einem Stück installiert werden.

Das wird zunehmend für die Stromnetze der Offshore-Windenergie interessant. Für die deutschen Netzanbindungen BalWin1 und BalWin2 soll die Pioneering Spirit zwei 2-GW-Konverterplattformen installieren. Die Topsides können je nach Ausführung bis zu rund 33.000 t wiegen, die Jackets bis zu 14.500 t. Solche Konverterplattformen sammeln den Strom großer Offshore-Windparks und bereiten ihn für die Übertragung zum Festland auf.

Welche Dimensionen inzwischen bereits ihre Unterkonstruktionen erreichen, zeigt auch BorWin6. Allein das Jacket der Konverterplattform BorWin kappa wiegt 5461 t. Über dessen aufwendigen Transport berichtet ingenieur.de im Beitrag „5461 t auf Reisen: BorWin6-Jacket erfolgreich verladen“.

Sogar über einen völlig anderen künftigen Einsatz der Pioneering Spirit wird inzwischen nachgedacht. Allseas arbeitet an kleinen modularen Kernreaktoren und betrachtet das eigene Spezialschiff als möglichen ersten maritimen Einsatzort. Mehr dazu lesen Sie bei ingenieur.de unter „SMR statt Schweröl: Renaissance der Atomfrachter“.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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