Angriff nahe Kiew: Was Russlands Oreschnik technisch so gefährlich macht
Mach-10-Geschwindigkeit, mehrere Wiedereintrittskörper, begrenzte Präzision: Was die russische Oreschnik technisch kann – und warum sie keine Wunderwaffe ist.
Im Krieg gegen die Ukraine hat Russland am 9. Januar die ballistische Mittelrakete Oreschnik zum Einsatz gebracht. Wir schauen auf die Technik.
Foto: picture alliance / CHROMORANGE | MICHAEL BIHLMAYER
Fenster flogen aus den Rahmen, Wände stürzten teilweise ein, Technik wurde zerstört. Der russische Großangriff auf Kiew in der Nacht zum 24. Mai 2026 traf auch das ARD-Auslandsstudio. Verletzt wurde niemand. Doch der Angriff zeigt, dass Russland seine neue Mittelstreckenrakete Oreschnik inzwischen deutlich offensiver einsetzt.
Nach Angaben aus Moskau kam die Rakete bei den Angriffen nahe der ukrainischen Hauptstadt erneut zum Einsatz. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem Einschlag nahe Bila Zerkwa südlich von Kiew. Russland bestätigte den Einsatz später selbst. Es war erst das dritte bekannte Mal, dass die Oreschnik im Krieg verwendet wurde.
Das allein macht die Sache bemerkenswert. Noch wichtiger ist aber etwas anderes: Die Rakete taucht inzwischen nicht mehr nur als symbolische Drohkulisse auf. Russland integriert sie zunehmend in reale Angriffswellen gemeinsam mit Marschflugkörpern, Drohnen und anderen ballistischen Systemen.
Inhaltsverzeichnis
- Russland kombiniert Geschwindigkeit, Höhe und Masse
- Keine revolutionäre Superwaffe
- Warum „Hyperschall“ technisch wenig aussagt
- Der eigentliche Vorteil liegt im Abfangproblem
- Mehrere Gefechtsköpfe machen die Lage komplizierter
- Auch ohne Sprengstoff kann die Rakete enorme Schäden verursachen
- Europa beobachtet die Entwicklung mit Sorge
- Viel Propaganda, aber nicht nur
- Fazit: Gefährlich wird vor allem die Kombination
Russland kombiniert Geschwindigkeit, Höhe und Masse
Der jüngste Angriff auf die Ukraine gehörte zu den massivsten Luftangriffen seit Monaten. Nach ukrainischen Angaben feuerte Russland rund 90 Raketen und etwa 600 Drohnen ab. Neben der Oreschnik kamen auch Iskander-, Kinschal- und Zirkon-Systeme zum Einsatz.
Militärisch ergibt diese Kombination durchaus Sinn. Drohnen zwingen die Luftabwehr dazu, Radar- und Abfangkapazitäten zu binden. Marschflugkörper fliegen tief und greifen aus unterschiedlichen Richtungen an. Ballistische Raketen wie die Oreschnik kommen dagegen extrem schnell aus großer Höhe. Genau diese Mischung macht moderne Luftverteidigungssysteme verwundbar.
Denn die Verteidigung muss gleichzeitig:
- langsame Drohnen verfolgen,
- tief fliegende Marschflugkörper erkennen,
- und binnen Sekunden auf ballistische Ziele reagieren.
Das kostet Zeit, Munition und Abfangkapazitäten.
Keine revolutionäre Superwaffe
Russland bezeichnet die Oreschnik gerne als Hyperschallrakete der neuen Generation. Technisch wirkt das deutlich weniger spektakulär.
Nach Einschätzung westlicher Analysten handelt es sich wahrscheinlich um eine Weiterentwicklung der RS-26 Rubezh. Diese wiederum basiert in Teilen auf Technik der Interkontinentalrakete RS-24 Jars. Vieles spricht dafür, dass Russland vorhandene Feststofftriebwerke, bekannte Steuerungssysteme und bestehende mobile Startplattformen kombiniert hat.
Gerade das ist typisch für moderne Raketenprogramme. Neue Systeme entstehen oft nicht komplett neu. Stattdessen übernehmen Entwickler vorhandene Komponenten und passen sie an neue Einsatzprofile an. Das spart Entwicklungszeit und Produktionskapazitäten. Die Oreschnik dürfte deshalb eher ein evolutionärer als ein revolutionärer Schritt sein.
Warum „Hyperschall“ technisch wenig aussagt
Besonders häufig verweist Russland auf die extreme Geschwindigkeit der Rakete. Die Wiedereintrittskörper sollen beim Anflug auf das Ziel Geschwindigkeiten von mehr als Mach 10 erreichen. Das klingt spektakulär, ist bei ballistischen Raketen allerdings normal.
Sobald ein Gefechtskopf aus großer Höhe wieder in die Atmosphäre eintritt, beschleunigt ihn die Gravitation auf hypersonische Geschwindigkeiten. Das gilt auch für viele ältere Mittel- und Langstreckenraketen. Der Begriff „Hyperschall“ sagt deshalb zunächst wenig über die tatsächlichen Fähigkeiten aus. Entscheidend ist vielmehr die Flugbahn.
Die Oreschnik folgt offenbar weitgehend einer klassischen ballistischen Kurve. Sie steigt nach dem Start steil auf, verlässt die Atmosphäre teilweise und fällt anschließend auf das Ziel zurück. Das unterscheidet sie von echten Hyperschall-Gleitflugkörpern, die flacher fliegen und während des Fluges stark manövrieren können.
Trotzdem bleibt die Rakete gefährlich. Denn selbst eine klassische ballistische Flugbahn erzeugt enorme Probleme für die Luftverteidigung.

Der eigentliche Vorteil liegt im Abfangproblem
Die Oreschnik wird oft als „unabfangbar“ beschrieben. Das ist technisch überzogen. Moderne Systeme können grundsätzlich auch ballistische Raketen bekämpfen. Das Problem liegt vielmehr im Zeitfenster.
Während Marschflugkörper oft mehrere Minuten im Radar sichtbar bleiben, rasen ballistische Raketen mit mehreren Kilometern pro Sekunde auf ihr Ziel zu. Für die Luftverteidigung bleiben dann teilweise nur wenige Sekunden.
Hinzu kommt die Flughöhe. In der Mittelphase bewegt sich die Rakete außerhalb der Atmosphäre. Systeme wie Patriot oder SAMP/T sind dafür nur eingeschränkt optimiert. Eigentlich wären dafür spezialisierte Systeme wie THAAD oder SM-3 besser geeignet.
Die Ukraine verfügt darüber bislang aber nicht in ausreichender Zahl. Dazu kommt ein weiterer Punkt: Russland setzt offenbar auf mehrere Wiedereintrittskörper.
Mehrere Gefechtsköpfe machen die Lage komplizierter
Bereits beim ersten bekannten Einsatz gegen Dnipro im November 2024 fiel ein ungewöhnliches Einschlagsmuster auf. Beobachter registrierten mehrere Hauptkörper und zahlreiche kleinere Einschläge innerhalb eines größeren Zielgebiets.
Das deutet darauf hin, dass die Oreschnik mehrere Wiedereintrittskörper freisetzen kann. Unklar bleibt allerdings, wie präzise diese gesteuert werden.
Möglich wären klassische MIRV-Systeme mit unabhängig steuerbaren Gefechtsköpfen. Wahrscheinlicher erscheint derzeit allerdings eine technisch einfachere Variante mit mehreren Körpern ohne echte Einzelzielsteuerung.
Für die Luftabwehr macht bereits das einen großen Unterschied. Denn statt nur ein Ziel verfolgen zu müssen, entstehen plötzlich mehrere schnell anfliegende Objekte. Radar, Feuerleitung und Abfangraketen werden dadurch massiv belastet.
Auch ohne Sprengstoff kann die Rakete enorme Schäden verursachen
Schon früh fiel auf, dass manche Oreschnik-Einsätze ein ungewöhnliches Schadensbild hinterließen. Teilweise gab es Einschläge ohne große Explosionen.
Analyst*innen vermuten deshalb, dass Russland zumindest bei einzelnen Tests auf Sprengladungen verzichtete und stattdessen nur die kinetische Energie der einschlagenden Körper nutzte. Das reicht bereits für erhebliche Zerstörungen.
Ein mehrere hundert Kilogramm schwerer Körper, der mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit einschlägt, setzt enorme Energiemengen frei. Gebäude, Infrastruktur oder befestigte Anlagen können dadurch massiv beschädigt werden – selbst ohne klassische Sprengladung.
Europa beobachtet die Entwicklung mit Sorge
Die politischen Reaktionen auf den jüngsten Angriff fielen entsprechend scharf aus. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sprach von einer Einschüchterungstaktik. Bundeskanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul warnten vor einer weiteren Eskalation.
Der Grund liegt vor allem in der Reichweite der Rakete. Je nach Flugprofil könnte die Oreschnik Ziele in mehreren tausend Kilometern Entfernung erreichen. Große Teile Europas liegen damit theoretisch im möglichen Einsatzradius. Noch wichtiger ist allerdings die politische Botschaft.
Russland demonstriert mit jedem Einsatz, dass es bereit ist, moderne Mittelstreckenraketen sichtbar in den Krieg einzubinden – und zwar nicht nur als Testobjekte, sondern als Bestandteil realer Angriffswellen.
Viel Propaganda, aber nicht nur
Trotz aller Aufmerksamkeit bleibt die Oreschnik bislang eine selten eingesetzte Waffe. Genau das ist auffällig.
Denn entweder produziert Russland die Rakete nur in kleinen Stückzahlen oder Moskau setzt sie bewusst sparsam ein, um maximale psychologische Wirkung zu erzielen. Wahrscheinlich treffen beide Punkte zumindest teilweise zu.
Die Oreschnik soll Stärke demonstrieren, Unsicherheit erzeugen und den Westen unter Druck setzen. Gleichzeitig sammelt Russland mit jedem Einsatz neue Daten über Flugverhalten, Zielwirkung und die Reaktion westlicher Luftverteidigungssysteme.
Fazit: Gefährlich wird vor allem die Kombination
Die Oreschnik ist keine technische Wunderwaffe. Viele ihrer Grundlagen stammen aus bekannten ballistischen Raketenprogrammen. Neu ist vor allem die Art, wie Russland das System einsetzt.
Die Kombination aus hoher Geschwindigkeit, mehreren Wiedereintrittskörpern und massiven kombinierten Angriffswellen macht die Rakete gefährlich. Dazu kommt die politische Signalwirkung.
Der Angriff vom 24. Mai 2026 zeigt deshalb vor allem eines: Russland nutzt die Oreschnik zunehmend nicht mehr nur als Symbol, sondern als realen Bestandteil seiner Eskalationsstrategie gegen die Ukraine – und indirekt auch gegenüber Europa.
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