Technik des Barock 29.08.2013, 09:59 Uhr

Der Bär trommelt wieder

Nach sechsjähriger Generalsanierung ist der Mathematisch-physikalische Salon in Dresden wieder für Besucher zugänglich. Die Sammlung gibt einen Einblick in die Technik des Barock.

Die "Fünf-Minuten-Uhr" der Staatsoper aus dem Jahr 1896 gehört zu den Ausstellungsstücken (Modell) im Mathematisch-Physikalischen Salon.

Die "Fünf-Minuten-Uhr" der Staatsoper aus dem Jahr 1896 gehört zu den Ausstellungsstücken (Modell) im Mathematisch-Physikalischen Salon.

Foto: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Der sächsische Kurfürst August, der von 1553 bis 1586 regierte, weitete nicht nur sukzessive seine Staatsgrenzen aus, sondern wollte auch ganz genau wissen, über welche – und wie viele – Territorien er herrschte. In zahlreichen Ausfahrten mit der Kutsche vermaß er sein Land und fertigte auf der Grundlage seiner Ergebnisse Routenrollen und Karten an.

Dafür nutzte er modernste Technik. Noch zwei Jahre vor seinem Tod fertigte z. B. der Dresdner Instrumentenmacher Christoph Trechsler einen speziellen Wagenwegmesser aus vergoldetem Messing für den Kurfürsten an. Wie bei einem Kilometerzähler wurden die Radumdrehungen der Kutsche gemessen und auf einem Zifferblatt mit Zeigern angezeigt. Auf langen Rollen zeichnete der Kurfürst die Reisen maßstabsgetreu nach. Die Rolle seiner Reise von Mühlberg an der Elbe bis Dresden im Maßstab von etwa 1:25 000 ist ganze 13 m lang.

Sechs Jahre renoviert

Wagenwegmesser, Routenrollen und auch das Zeichengerät des Kurfürsten – dies alles ist überliefert und kann jetzt wieder im Mathematisch-physikalischen Salon im Dresdner Zwinger betrachtet und bestaunt werden. Nach sechs Jahren Renovierung und Umbau ist dieses bedeutende wissenschaftshistorische Museum an seinem barocken Originalstandort wieder der Öffentlichkeit zugänglich. Insgesamt 17 Mio. € kostete die Generalsanierung.

Die Präsentation der kostbaren Exponate ist durch neue Vitrinen mit doppelentspiegeltem Glas und einer sorgfältigen Beleuchtung stark aufgewertet worden. So nah und unmittelbar, wie der Besucher jetzt diese Sammlung an feinmechanischen wissenschaftshistorischen Instrumenten und Uhren aus fünf Jahrhunderten in Augenschein nehmen kann, konnten dies zuletzt wohl nur die barocken Fürsten.

Museum blieb auch immer Stätte der Forschung

Seine Wurzeln hat der Salon in der Kunstkammer, die Kurfürst August 1560 im Dresdner Residenzschloss einrichtete. Diese Wunderkammer versammelte Kunstwerke und wissenschaftliche Instrumente unter einem Dach und diente in erster Linie der Repräsentation von Macht. Als eigenen wissenschaftlichen Salon gliederte erst August der Starke 1728 die Instrumente und Uhren aus und richtete dafür das Museum im Zwinger ein – ein Museum, das immer auch Stätte der Forschung blieb. So wurde im Obergeschoss ein Observatorium zur Himmelsbeobachtung eingerichtet und im Salon wurde über 150 Jahre lang die offizielle Uhrzeit für Dresden und Sachsen ermittelt.

Die heutige Ausstellung ist in vier Kapitel untergliedert, was sich auch durch die räumlichen Gegebenheiten in diesem Eckpavillon der barocken Zwinger-Anlage ergab. So sind vier Wunderkammern entstanden, die zum Staunen über die Leistungen der Instrumentenbauer früherer Jahrhunderte einladen – vom „Kosmos des Fürsten“ um 1570 über die Sammlung von Globen, die bis in die heutige Zeit fortgeführte Uhrensammlung bis zu den „Instrumenten der Aufklärung“, die am Standort des ehemaligen Observatoriums im Obergeschoss des Pavillongebäudes gezeigt werden.

Die vier Wunderkammern

Zu den letzteren gehört etwa der riesige, hochpolierte Brennspiegel, den der aus der Oberlausitz stammende Naturforscher Ehrenfried Walther von Tschirnhaus 1686 gefertigt hat. Die gewölbte Oberfläche aus Kupfer konnte das Sonnenlicht so bündeln, dass unter optimalen Bedingungen Temperaturen von bis zu 1500° C erreicht wurden. Dies erlaubte Schmelzexperimente, die zur späteren Entwicklung der Rezeptur des europäischen Porzellans durch Johann Friedrich Böttger beitrugen.

Eine Ausstellung, die auch Kuriositäten umfasst. Ein echtes Schaustück ist etwa die Automatenuhr von 1625 in Form eines ausgewachsenen Bären (mit echtem Fell!) mit umgehängter Trommel.

Der trommelnde Bär, der bei Bedarf auch als Wecker eingesetzt werden konnte. 

Der trommelnde Bär, der bei Bedarf auch als Wecker eingesetzt werden konnte. 

Foto: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Wenn das Uhrwerk im Inneren des Bären läuft, rollen die Augen hin und her. Und wenn auf der Weckscheibe auf dem Zifferblatt eine Zeit eingestellt ist, beginnt der Bär zur Weckzeit zu trommeln, während sein Maul auf- und zuschnappt. Solche Dinge haben sich die Fürsten in absolutistischen Zeiten gern untereinander geschenkt – in diesem Fall war es ein Präsent des Herzogs von Sachsen-Lauenburg an den sächsischen Kurfürsten.

Der hessische Landgraf Wilhelm IV., ein Schwager von Kurfürst August, steht hingegen hinter der großartigen Planetenlaufuhr, die der Mechaniker Eberhard Baldewein von 1563 bis 1568 in Kassel für den sächsischen Hof konstruierte.

Die kostbare Uhr mit ihrem zweistöckigen Aufbau, der von einem Himmelsglobus gekrönt wird, zeigt den aktuellen Stand von Mond, Sonne und sieben Planeten im Tierkreis an.

Riesige Globen

Auch in der Sammlung der Globen kann sich der Besucher rasch verlieren. Die zum Teil riesigen Globen zeigen die Entwicklung der geografischen Kenntnisse und der Weltbilder über die Jahrhunderte – wobei der älteste Globus aus dem Arabien des 13. Jahrhunderts stammt.

In einer beeindruckenden Konsequenz und Beharrlichkeit arbeitet Dresden, die so schwer vom Zweiten Weltkrieg getroffene Stadt, daran, ein der Gegenwart angemessenes Abbild ihrer alten Pracht zu schaffen. Mit der Grundsanierung des Mathematisch-physikalischen Salons ist der nächste große Schritt getan – und auch er ist gelungen.  

Von Johannes Wendland Tags:

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