Ausstellung 13.01.2012, 12:02 Uhr

Alan Turing dechiffrieren

In einer Sonderausstellung widmet sich das HeinzNixdorfForum (HNF) in Paderborn dem Mathematiker Alan Turing. Allerdings in ungewohnter Form

Es gibt einen ganz banalen Grund dafür, dass im Jahr des 100. Geburtstags von Turing das HNF eine gestückelte Ausstellung zeigt: Es ging schlichtweg nicht anders. Zum einen gibt es so gut wie keine Exponate, die in unmittelbarem persönlichen Zusammenhang mit Turing gezeigt werden können, er hinterließ nur eine Reihe von schwer zugänglichen Schriften und Kompendien. HNF-Chef Norbert Ryska: „Wir haben in Cambridge nachgefragt, da gab es noch einen Löffel, und wir haben eine Nichte von Turing ausfindig gemacht, die noch einen Teddybär hatte, aber mit diesen beiden Exponaten lässt sich schwerlich eine Ausstellung machen.“

So haben sich die Ausstellungsmacher überlegt, welche Themenfelder beleuchtet werden sollen und welche Exponate zur Illustration dienen könnten. Dabei stellte sich allerdings heraus, dass die meisten ausgewählten Exponate nicht über einen monatelangen Zeitraum ausleihbar waren.

HNF zeigt weltweit umfangreichste Alan Turing-Ausstellung

Die Idee, Turing in zehn Etappen zu zeigen, wurde geboren. Ryska betont, dass es sich zusammengesehen um die umfangreichste Turing-Ausstellung weltweit handelt. Bislang sind laut Ryska im Turing-Jahr weitere kleine Schauen im Science Museum London sowie kleine Ausstellungen in Brasilien und Jerusalem geplant.

Die Etappen-Darstellung im HNF ist zwar wegen der zeitlichen Zerrissenheit auf der einen Seite eine Geduldsprobe für wissbegierige Besucher, andererseits ist die mediale Aufbereitung im Netz ein Trost, wenn die ein oder andere Etappe einem zu weiten Anreiseweg zum Opfer fällt. Wer ständig kommt, kann bei einem Gewinnspiel gewinnen. Der Turing-Pavillon jedenfalls soll auch in die Dauerausstellung locken, um gewonnenes Wissen zur Informations- und Computertechnik im Allgemeinen und der Person Turing in der Galerie der Pioniere zu vertiefen.

Das Konzept könnte aufgehen, denn die erste Etappe, die bis zum 14. 2. zu sehen ist, macht in jedem Fall neugierig auf mehr. Zur Illustration haben die Museumsmacher für die Etappe „Enigma und die Atlantikschlacht“ das Originalmodell des U-Boots aus dem Film „Das Boot“ von der Bavaria organisiert, ein bisschen Schau muss sein, und es stimmt auf den Film ein, der die Besucher mit der Situation auf und im Atlantik während des Zweiten Weltkriegs vertraut macht.

Alan Turing knackt 1942 den Funkcode der deutschen U-Boote

Turing, der überzeugter Pazifist gewesen sein soll, wird 1939 verpflichtet, für den Chiffrierdienst „Government Code and Cypher School“ zu arbeiten, in Bletchley Park, 70 km von London entfernt. Dort sollen die abgehörten Funknachrichten des deutschen Kriegsgegners entschlüsselt werden, Operation „Ultra“ beginnt. Zuvor hatten bereits polnische Mathematiker erste Entschlüsselungserfolge. Während bereits 1939 die Luftwehrkodes geknackt sind, tun sich Turing und Co. schwerer mit dem U-Bootfunk. Turing entwickelt mit Gordon Welchman einen Spezialcomputer, die „Turing-Welchman-Bombe“ und knackt 1942 den Code. Jetzt wissen die Briten, wo die deutschen U-Boote im Atlantik sind.

Neben dem U-Boot-Modell zeigt das HNF in der ersten Etappe eine 4-Walzen-Enigma der Kriegsmarine und auch ein Funktionsmodell, an dem das Prinzip der Enigma deutlich wird. „Wir zeigen hier die geheime Kommunikation zwischen deutschen U-Booten und der Kommandoebene in Berlin, wo sie mit der Enigma verschlüsselt wurden. Britische Abhörstationen fingen die Nachrichten ab und leiteten sie zur Entschlüsselung zu Turing und den anderen in den Bletchley Park“, sagt Kurator Jochen Viehoff.

Alan Turing war einer die wichtigsten Computer-Pioniere

Ab Mitte Februar geht es um die „Codebrecher von Bletchley Park“, wo unter der Ägide von Turing bis zu 10 000 Menschen an der Entschlüsselung der deutschen Funksprüche arbeiteten. Als Exponate hat das HNF erstmals Bauteile einer Original US-„Bombe“ aus dem Bestand der NSA sowie Leihgaben einer funktionstüchtigen „Checking Machine“ und „Bomben“-Rotoren aus Bletchley Park zusammengetragen. „Für den Besucher eröffnet sich hier die gesamte Kommunikationskette vom deutschen U-Boot-Funker bis zum Klartext beim britischen Premierminister“ sagt Viehoff. Für ihn ist Turing einer der wichtigsten Computer- und Informationstechnik-Pioniere, denn Turing habe die Idee des Speichers aufgebracht.

Nach dem Krieg entwirft Turing im Alleingang die Automatic Computing Machine (ACE), neu an dem Röhrenrechner sind die Laufzeitspeicher, sehr schnelle Speicher für digitale Daten und Programme. Auch diesem Kapitel ist eine Etappe gewidmet (26. 9. bis 21. 10.). Vor zwei Jahren zeigte das HNF eine Ausstellung zu Claude Shannon, die überaus erfolgreich war und die Museumsmacher dazu anspornte, erneut einer einzelnen Person eine Ausstellung zu widmen. Turing und Shannon kannten sich und arbeiteten 1942 gemeinsam an einer sicheren Verschlüsselungstechnik für Telefonate.

Das Leben von Alan Turing endete in einer Tragödie

Auch dem Menschen Alan Turing versucht die Ausstellung näherzukommen. Das Leben des genialen Mathematikers Alan Turing endete in einer Tragödie. Turing, ein Mann, der sich wenig um Konventionen scherte und Zeitgenossen als sonderbar galt, war homosexuell, das war strafbar. Nach dem Krieg wurde ihm das zum Verhängnis, Turing wurde angeklagt, er hatte die Wahl zwischen einem Jahr Gefängnis und einer Hormontherapie.

Zwei Jahre danach wurde er tot aufgefunden, er hatte einen vergifteten Apfel gegessen (sein Lieblingsfilm war „Schneewittchen“). Eine unglaubliche Geschichte, und tatsächlich plant Hollywood angeblich die Verfilmung seines Lebens mit Leonardo di Caprio. Erst 2010 entschuldigte sich der damalige britische Ministerpräsident Gordon Brown aufgrund einer Petition stellvertretend für das britische Volk bei Alan Turing. „He deserved so much better!“ 

Ein Beitrag von:

  • Claudia Burger

    Claudia Burger

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Karriere, Management, Arbeitsmarkt, Bildung, Gesellschaft, Arbeitsrecht

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