Streit um Definition 15.12.2021, 08:58 Uhr

Pluto doch ein Planet: Forscher sorgt mit Studie für Aufsehen

Eigentlich ist Pluto offiziell kein Planet mehr. Doch ein US-Forscher stellt das nun infrage: Laut einer Studie könnten auch Monde und sogar Asteroiden eigentlich Planeten sein.

Ist Pluto doch ein Planet? Und vielleicht sogar auch unser Mond? Alles eine Frage der Definition. Foto: Panthermedia.net/Artandfunny

Ist Pluto doch ein Planet? Und vielleicht sogar auch unser Mond? Alles eine Frage der Definition.

Foto: Panthermedia.net/Artandfunny

Gerade hatten wir damit abgeschlossen und akzeptiert, dass Pluto kein Planet ist – da wirft eine Gruppe von Forschern alles über den Haufen.

Vor 15 Jahren hatte die Internationale Astronomischen Union (IAU) die Definition des Begriffs Planet angepasst – und plötzlich fiel Pluto aus dem Raster.

Was ist ein Planet?

Denn nach der Definition vom 24. August 2006 erhält das Prädikat Planet ein Himmelskörper nur, wenn er …

  • … um die Sonne kreist
  • … so viel Masse hat, dass er durch seine eigene Schwerkraft zu einer nahezu kugelähnlichen Form gepresst wurde
  • … seine Orbit-Umgebung von anderen Körpern gereinigt hat

Forscher: Definition ist unwissenschaftliche Folklore

Jetzt sagen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der University of Central Florida: Diese Definition beruht auf „Folklore“ und Annahmen aus der Astrologie und ist letztlich unwissenschaftliche Willkür. Das Team hat dazu eine Studie in der planetologischen Fachzeitschrift Icarus veröffentlicht. Schon der Titel deutet an: Hier geht es um Revolution. „Monde sind Planeten: Wissenschaftlicher Nutzen versus kulturelle Teleologie in der Taxonomie der Planetenwissenschaft“, heißt der Aufsatz.

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Forschung auf tönernen Füßen

Es sei grundlegend wichtig, genau jetzt über die Definitionsfrage zu sprechen, sagt Planetenwissenschaftler Philip Metzger, Hauptautor der Studie: „Die Zahl der Exoplaneten, die wir in den letzten zehn Jahren entdeckt haben, ist explodiert, und wird noch zunehmen, wenn wir bessere Teleskope in den Weltraum bringen.“ So wird noch in diesem Jahr etwa das James-Webb-Weltraumteleskop seinen Weg ins All starten, das in einer Entfernung von 1,5 Millionen Kilometern Entfernung unter anderem Bilder vom Ursprung des Universums liefern soll. Wenn Uneinigkeit über die Definition astronomischer Begriffe herrscht, könnte das künftige Forschungsergebnisse auf tönerne Füße stellen.

Das Beobachtungsgerät Miri (Mid Infrared Instrument) wird sogar aktiv gekühlt. Im Vorfeld wurde das Teleskop kryotechnischen Tests unterzogen.

Foto: Nasa

Das James-Webb-Teleskop soll im Infrarotbereich messen, es geht also um Wärmestrahlung. Damit die Ergebnisse nicht von der Wärmestrahlung des Teleskops und seiner Instrumente verfälscht werden, muss es selbst möglichst kalt sein.

Foto: Nasa

Ein Sonnensegel schützt das Weltraumteleskop vor Wärmestrahlung.

Foto: Nasa

Das Teleskop im zusammengefalteten Zustand.

Foto: Nasa

Mit seinem riesigen Spiegelsystem gelingen dem Teleskop hochauflösende Bilder.

Foto: Nasa

So soll das James-Webb-Teleskop in Aktion aussehen.

Foto: Nasa

In einer Entfernung von 1,5 Millionen Kilometern erforscht das Teleskop u.a. Quasare.

Foto: Nasa

„Wir werden mehr Motive haben, eine gute Taxonomie zu finden, und wir müssen das jetzt regeln, bevor wir in dieser Revolution mit Exoplaneten zu weit kommen. Wir wollen exzellente Wissenschaft betreiben, denn dieser große Datenfluss macht es umso wichtiger, unsere neuen Entdeckungen richtig zu definieren“, so Metzger.

Definition von Planet geht auf Galileo zurück

Fünf Jahre lang haben er und sein Team Forschungsliteratur der vergangenen 400 durchforstet. Dabei stellten sie fest, dass die von Galileo Galilei im 16. Jahrhundert aufgestellte Planeten-Definition sehr lange Gültigkeit besaß. Galileo etablierte eine geophysikalische Sicht auf Planeten: Demnach ist ein Planet ein Himmelskörper, der aus sich verändernden Elementen besteht – also ein geologisch aktiver Körper ist.

Forscher beobachten „seltsamen Stern“ – und finden Schwarzes Loch

Erst zwischen Anfang des 20 Jahrhunderts bis in die 1950er Jahre hinein habe es einen Wandel gegeben. In dieser Zeit gab es immer weniger wissenschaftliche planetenwissenschaftliche Arbeiten. „Wir haben durch Bibliometrie gezeigt, dass es eine Zeit der Vernachlässigung gab, in der Astronomen den Planeten nicht so viel Aufmerksamkeit schenkten“, so Metzger laut einem Bericht der University of Central Florida. „Und während dieser Zeit der Vernachlässigung wurde die Übertragung der pragmatischen Taxonomie, die von Galileo stammt, unterbrochen.“

Almanach-Trend wandelt Bild von Planeten

Der Studie zufolge wurde in dieser Zeit eine andere Art von Veröffentlichungen über Planeten populär: Almanache. Das Problem: Diese jährlich erscheinenden Publikationen enthalten häufig Informationen wie Wettervorhersagen, die unter anderem auf astrologischen Faktoren wie der Planetenposition beruhen. Diese wiederum erfordern eine geordnete und klar begrenzte Anzahl von Planeten. „Wir haben festgestellt, dass in England und in den USA genug Almanache verkauft wurden, dass jeder Haushalt jedes Jahr ein Exemplar bekommen konnte“, sagt Metzger. Während die Gesellschaft also längst erkannt und akzeptiert habe, dass die Erde um die Sonne kreist und nicht umgekehrt, habe sich zu dieser „großartigen wissenschaftlichen Erkenntnis“ eine Definition von Planeten gesellt, die aus der Astrologie stamme, so der Planetologe.

Diese vereinfachte Idee von Planeten habe die zentrale Definition, die über Jahrhunderte galt, nach und nach untergraben. „Planeten wurden nicht mehr dadurch definiert, dass sie komplex sind, eine aktive Geologie aufweisen und das Potenzial für Leben und Zivilisation haben. Stattdessen wurden sie dadurch definiert, dass sie einfach existierten und bestimmten idealisierten Bahnen um die Sonne folgten“, so Metzger.

Ist der Mond ein Planet?

Erst in den 60er Jahren habe es wieder deutliche mehr wissenschaftliche Arbeiten aus Planetologie gegeben. Allerdings tendierten manche Forscher in dieser Zeit zur geophysikalischen Definition von Planeten, während andere Monde und kleinere Himmelskörper eher nicht als Planeten ansahen – so wie letztlich auch die IAU.

Metzger und seine Kolleginnen und Kollegen sehen insbesondere für das dritte Kriterium der IAU-Definition keine Berechtigung und schlagen vor, es ganz zu streichen und stattdessen die geologische Aktivität in den Mittelpunkt zu rücken. Nach dieser Definition wäre Pluto ganz klar ein Planet – so wie viele weitere Zwergplaneten, Monde und unter Umständen sogar Asteroiden.

Ein Beitrag von:

  • Peter Sieben

    Peter Sieben schreibt über Forschung, Politik und Karrierethemen. Nach einem Volontariat bei der Funke Mediengruppe war er mehrere Jahre als Redakteur und Politik-Reporter in verschiedenen Ressorts von Tageszeitungen und Online-Medien unterwegs.

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