Ursprung des Weltalls 20.08.2021, 14:50 Uhr

James-Webb-Weltraumteleskop soll zweite Erde finden – das birgt Risiken

Es ist ein Instrument der Superlative: In einer Entfernung von 1,5 Millionen Kilometern wird das James-Webb-Weltraumteleskop den Blick auf Dinge ermöglichen, die sich kaum jemand vorstellen kann. Das Projekt stellt die Raumfahrt allerdings vor ein Logistik-Problem.

Das James-Webb-Weltraumteleskop soll im Herbst seine Reise antreten: In einer Entfernung von 1,5 Millionen Kilometern beobachtet es die Ursprünge des Weltalls. Foto: Nasa

Das James-Webb-Weltraumteleskop soll im Herbst seine Reise antreten: In einer Entfernung von 1,5 Millionen Kilometern beobachtet es die Ursprünge des Weltalls.

Foto: Nasa

Das „James Webb Space Telescope“ (JWST) wird unseren Blick auf das Universum wohl für immer verändern – wörtlich und im übertragenden Sinne. Das jedenfalls ist die große Hoffnung, die Astronominnen und Astronomen in das spektakuläre Weltraumteleskop haben, das im Herbst an den Start gehen soll.

Mit dem James-Webb-Weltraumteleskop wollen die Wissenschaftler neue Erkenntnisse über die ersten Momente des Weltalls nach dem Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren gewinnen. Das Teleskop soll Bilder von Sternen liefern, die viel älter sind als unser Sonnensystem und vielleicht schon nicht gar mehr existieren. Manche spekulieren gar auf Hinweise auf eine zweite Erde, einen bewohnbaren Planeten. „Eines steht aber meiner Meinung nach schon fest und ist eine Erfahrung aus vielen anderen Meilensteinprojekten: Wir werden mit „JWST“ Entdeckungen machen, von denen wir jetzt noch nichts ahnen“, sagt Klaus Jäger vom Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, das Teile des neuen Weltraumteleskops mitentwickelt hat.

James-Webb-Weltraumteleskop: Viel weiter entfernt als Hubble

Das zehn Milliarden Dollar teure JWST-Projekt der amerikanischen und kanadischen Weltraumagenturen Nasa sowie der Esa war mehrfach verschoben worden. Im Herbst aber soll das Teleskop an Bord einer Ariane-Trägerrakete starten. Das James-Webb-Weltraumteleskop ist gewissermaßen ein Super-Hubble: Das seit mehr als drei Jahrzehnten eingesetzte Hubble-Teleskop befindet sich in 500 Kilometern über der Erde. Das „James Webb Space Telescope“ indes wird in einer unglaublichen Entfernung von 1,5 Millionen Kilometern operieren.

James-Webb-Weltraumteleskop soll zweite Erde finden – das birgt Risiken

Kryotechnische Tests am James-Webb-Weltraumteleskop.

Foto: Nasa

James-Webb-Weltraumteleskop soll zweite Erde finden – das birgt Risiken

Das Teleskop wird im All heruntergekühlt.

Foto: Nasa

James-Webb-Weltraumteleskop soll zweite Erde finden – das birgt Risiken

Ein Sonnensegel schützt das Weltraumteleskop.

Foto: Nasa

James-Webb-Weltraumteleskop soll zweite Erde finden – das birgt Risiken

Das Teleskop im zusammengefalteten Zustand.

Foto: Nasa

James-Webb-Weltraumteleskop soll zweite Erde finden – das birgt Risiken

Foto: Nasa

James-Webb-Weltraumteleskop soll zweite Erde finden – das birgt Risiken

So soll das James-Webb-Teleskop in Aktion aussehen.

Foto: Nasa

James-Webb-Weltraumteleskop soll zweite Erde finden – das birgt Risiken

In 1,5 Millionen Kilometern erforscht das Teleskop u.a. entferne Quasare.

Foto: Nasa

Das stellt die Weltraumforschenden vor gänzlich neue Herausforderungen und birgt Risiken. Schon mehrfach gab es Shuttle-Flüge zu Hubble, um das Teleskop zu warten und reparieren. Schon gleich zu Beginn musste etwa der Spiegel des Weltraumteleskops neu eingestellt werden, weil Hubble enttäuschend unscharfe und damit unbrauchbare Bilder geliefert hatte.  Beim „James Webb Space Telescope“ wird das nicht gehen, die Entfernung von 1,5 Millionen Kilometern ist viel zu groß.Hubble: Überraschende Entdeckung im frühen Universum

Empfindliche Geräte könnten Kerzenflamme auf Jupitermond nachweisen

Die Ausmaße des Teleskops sind gewaltig: Es verfügt über einen Tennisplatz-großen Sonnenschutz, der Spiegel misst 6,50 Meter. Rund 130 Einzelmechanismen sind nötig, damit sich das Konstrukt im All entfalten kann. Die Instrumente, die Funktionsweisen von Kamera und Spektograph verbinden, sind so empfindlich, dass eine brennende Kerze auf einem Jupitermond damit nachgewiesen werden könnten.

„Es wird einfach gigantische neue Fenster eröffnen und neue Möglichkeiten“, ist sich der Direktor für Wissenschaft bei der europäischen Raumfahrtbehörde Esa, Günther Hasinger, sicher.

Quasare: Blick in die ferne Vergangenheit des Weltalls

Kurz nach seinem Start wird ein Team von Wissenschaftlern das James-Webb-Weltraumteleskop der NASA auf sechs der am weitesten entfernten und hellsten Quasare ausbilden. Quasare sind aktive, extrem hell leuchtende Kerne von Galaxien. Die Forschenden wollen die Eigenschaften der weit entfernten Quasare und ihrer Wirtsgalaxien untersuchen und wie sie während der ersten Stadien der Galaxienentwicklung im noch sehr jungen Universum miteinander verbunden sind.

Mit dem James-Webb-Weltraumteleskop wollen die Forschenden unter anderem Quasare in den Fokus nehmen. Foto: NASA, ESA and J. Olmsted

Mit dem James-Webb-Weltraumteleskop wollen die Forschenden unter anderem Quasare in den Fokus nehmen.

Foto: NASA, ESA and J. Olmsted

Das ist ein Blick in eine weit entfernte Vergangenheit, eine optische Zeitreise: Denn das Licht der fernen Quasare, das das JWST auffangen wird, stammt aus einer Zeit, als das Universum noch sehr jung war –  es hat eine Milliarden Jahre dauernde Reise hinter sich. „Alle diese Quasare, die wir untersuchen, existierten sehr früh, als das Universum weniger als 800 Millionen Jahre alt war. Diese Beobachtungen geben uns also die Möglichkeit, die Galaxienentwicklung und die Entstehung und Entwicklung supermassereicher Schwarzer Löcher zu diesen sehr frühen Zeiten zu untersuchen“, erklärt Santiago Arribas, Professor an der Abteilung für Astrophysik des Zentrums für Astrobiologie in Madrid. Arribas ist außerdem Teil des Teams, das das Near-Infrared-Spectrograph-Instrument (NIRSpec) des James-Webb-Teleskops entwickelt hat.

James-Webb-Weltraumteleskop: „Das erste kalte Teleskop“

Das Ziel, zu dem das Teleskop im Herbst gebracht wird, hat besondere Eigenschaften, wie Günther Hasinger erklärt: „Es gibt im Sonnensystem fünf Punkte, an denen sich die Schwerkraft gegeneinander aufhebt.“ Der Zielort sei einer davon: Webb wird zum Lagrange-Punkt L2 gebracht. Die Lagrange-Punkte sind fünf Punkte im System zweier Himmelskörper (Sonne und Erde), an denen ein leichter Körper wie zum Beispiel ein Asteroid oder eben eine Raumsonde, antriebslos den massereicheren Himmelskörper umkreisen kann. Dabei hat er dieselbe Umlaufzeit wie der masseärmere Himmelskörper (in diesem Fall die Erde). Die relative Ausrichtung zu den beiden Himmelskörpern bleibt gleich. Am Langrangepunkt L2, mit Erde und Sonne im Rücken und mit dem Sonnensegel geschützt vor Wärmeeinstrahlung, sollen die Instrumente mit ihren Messungen in unterschiedlichen Infrarotwellen beginnen. Dafür werden sie runtergekühlt. „Es wird das erste kalte Teleskop. Wenn man Infrarotstrahlen messen will, das ist ja Wärmestrahlung, dann muss das Teleskop selber sehr kalt sein“, erklärt Hasinger.

Ingenieure testen das James-Webb-Weltraumteleskop. Foto: Nasa

Ingenieure testen das James-Webb-Weltraumteleskop.

Foto: Nasa

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Erste Bilder sollen voraussichtlich im Juli 2022 zu sehen sein. „Dichte Molekülwolken mit viel Staub und Gas sind die Entstehungsgebiete neuer Sterne und Planeten. Der Staub absorbiert jedoch das uns vom Sehen her vertraute sichtbare Licht, und wir könnten deshalb deren innere Regionen nur schwer oder überhaupt nicht detailliert studieren“, sagt Klaus Jäger vom Max-Planck-Institut für Astronomie. Für das längerwellige Infrarotlicht ist Staub ein viel geringeres Hindernis. „Beobachtungen im Infrarot erlauben uns daher, quasi in diese Bereiche hineinzusehen beziehungsweise die Infrarotstrahlung aus dem Inneren zu empfangen.“

Suche nach einer zweiten Erde

Mit dem Teleskop ist eine Tiefendurchmusterung des frühen sich ausbreitenden Universums und auch eine Absuche der Sternenentstehungsgebiete geplant, sowie eine genauere Beobachtung von Exoplaneten. Das Teleskop soll die Atmosphäre solcher Planeten, die außerhalb des Sonnensystems liegen, auf Moleküle untersuchen, die möglicherweise auf biologische Aktivität hinweisen.

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Das James-Webb-Teleskop bietet der Wissenschaft mehr als reine Bildinformationen. Die Stärke liegt in der Spektroskopie. „Ein Bild ist ja wunderschön anzuschauen. Was wir mit „James Webb“ bekommen ist eben, in jedem einzelnen Bildelement können wir auch noch 1000 andere Informationen ablesen“, sagt Hasinger. Etwa ob irgendwo Wasser überhaupt möglich sei. Interessant seien natürlich erdnahe Planeten. „Man möchte ja irgendwann mal einen Planeten finden, der möglichst erdähnlich ist und wo Wasser existiert und der nah genug ist, dass vielleicht zukünftige Generationen auch mal dahin fliegen können.“ So könnte möglicherweise eine zweite Erde gefunden werden.

Benannt ist das Teleskop nach James Webb, der in den 60er Jahre Chef der Nasa war und die Weltraumbehörde von einer eher losen Ansammlung von Forschungsinstituten zu der klar strukturierten Institution machte, die sie bis heute ist. (mit dpa)

Ein Beitrag von:

  • Peter Sieben

    Peter Sieben ist Content Manager und verantwortlicher Redakteur für ingenieur.de. Nach einem Volontariat bei der Funke Mediengruppe war er mehrere Jahre als Redakteur und Politik-Reporter in verschiedenen Ressorts von Tageszeitungen und Online-Medien unterwegs. Er schreibt über Forschung, Politik und Karrierethemen.

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