Architektur im Wandel 03.08.2021, 09:12 Uhr

Städtische Nachverdichtung: „Wir müssen weg von der Bauordnung des dritten Reichs“

Städte wachsen und stehen vor der Herausforderung genügend Grün- und Versickerungsflächen zu schaffen. Die Architektur befindet sich in einem enormen Wandel. Nachverdichtung soll die Lösung sein. Doch Baupläne aus dem dritten Reich verhindern immer noch den Fortschritt.

Krank zwischen Häusern

Städtische Nachverdichtung kann mehr und vor allem bezahlbaren Wohnraum schaffen.

Foto: panthermedia.net/BalkansCat

Städtische Nachverdichtung nutzt freie Flächen im Bereich bereits bestehender Bebauung. Dächer werden ausgebaut oder leerstehende Gewerbehallen umgebaut. Bernd Dahlgrün von der HafenCity Universität Hamburg spricht sich klar für die städtische Nachverdichtung aus. Er wohnt und lehrt in Hamburg. Im Interview erklärt er, wie Städte grüner werden und Wohnraum bezahlbar bleiben kann. Ein neues Gesetz kann zudem die Wende bringen und veraltete Bauordnungen von 1938 nichtig machen.

ingenieur.de: Immer mehr Menschen wollen in der Stadt leben und auch arbeiten. Für die Zukunft wird erwartet, dass im Jahr 2050 rund zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Wie können Städte dabei grün bleiben?

Bernd Dahlgrün: Wir wissen, dass die Städte wachsen werden. Das ist ein globales Phänomen. Damit die Städte lebenswert bleiben, müssen wir die Grünflächen in der Stadt erhalten und neue schaffen. Das wird im Städtebau bereits berücksichtigt. Für die Stadtklimatisierung ist das enorm wichtig, aber auch für Starkregenereignisse wie wir sie jetzt in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz erlebt haben. Grünflächen müssen als Versickerungsflächen erhalten bleiben. Viel mit Grün zubauen, wird die Stadt von morgen ausmachen. Das können Gründächer sein oder eine Begrünung der Fassaden. Ganz wesentlich sind aber Bäume.

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Ausweitung der Stadt ist nicht der richtige Weg

Baut man bestehende Parks dann eher aus oder versucht man neue Alleen zu schaffen?

Zum einen gibt es die Ausweitung der Stadt. Zum Beispiel gibt es eine Grünfläche am Stadtrand und da baue ich dann neu. Bei der Konfiguration von neuen Straßenzügen müssen Bäume und Grünflächen mit eingeplant werden. Das ist das Gegenteil von dem, was ich städtische Nachverdichtung nenne. Langfristig halte ich die Ausweitung der Stadt nicht für das richtige Mittel.

Warum?

Da sind wir schon mitten im Thema der städtischen Nachverdichtung und genau dieser Begriff wird häufig völlig falsch verstanden.

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Städtische Nachverdichtung nutzt bebaute Flächen intensiver

Woran liegt das?

Wenn man nicht mit dem Thema vertraut ist, denken viele Menschen an eine Bebauung eben dieser Parks oder anderer Grünflächen. Ziel ist genau das Gegenteil. Bebaute Flächen werden verdichtet und intensiver genutzt. Eine Variante ist die Dachaufstockung. Oder anderes Beispiel: Es gibt ein Gewerbe im Hinterhof, das mäßig genutzt wird. Diese kann abgebrochen werden und dichter, beziehungsweise höher neugebaut werden. Grünes Bauland wird auf diese Weise gar nicht verbraucht. Die Aufgabe der Architekten und Architekten ist es, Formen des Lebensraums ohne zusätzlichen Baulandverbrauch zu kreieren.

In manchen Städten gibt es aber auch Grenzen wie hoch man bauen darf, zum Beispiel darf in Köln die Sicht auf den Dom nicht versperrt werden. Daher gibt es eine Auflage, dass Neubauten in der linksrheinischen Innenstadt nicht höher als 22,5 Meter sein dürfen. Ist das nicht extrem hinderlich für die städtische Nachverdichtung?

Tatsächlich ist es oftmals gar nicht die Kirche, die die Höhe des Baus bestimmt, sondern die Feuerwehrleiter. In Hamburg habe ich die Feuerwehr damit konfrontiert und sie wollten mich erstmal eine “kleine” Leiter hochjagen. Es ist einfach sehr anstrengend dort in voller Montur hochzukommen. Fakt ist aber auch, dass Bäume oftmals eine Aufstockung des Gebäudes verhindern. Die gewachsenen Bäume stehen der Feuerwehr bei den Lösch- und Rettungsarbeiten schlichtweg im Wege. Deswegen kann die Feuerwehr in vielen Häusern kaum noch löschen. Eine Gebäudeaufstockung hätte dann keinen zweiten Rettungsweg und wäre nicht genehmigungsfähig. Wir haben das mal grob überschlagen, welches baurechtliches Potenzial wir laut HBauO für neuen Wohnraum mittels Gebäudeaufstockung in Hamburg hätten. Da sind wir auf circa 70.000 Wohnungen gekommen. Ein immenses Baupotenzial. Das ist aber eine rein rechtliche Betrachtungsweise.

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Was ist städtische Nachverdichtung?

Aufgrund des steigenden Wohnraumbedarfs wird vor allem in den Großstädten nachverdichtet. Brachflächen werden genutzt, Dächer ausgebaut oder Baulücken geschlossen. Städtische Nachverdichtung, auch Innenverdichtung genannt, ist ein gelebtes Konzept in der Baubranche.

Nachverdichtung bietet sich an, um Bestandsflächen in der Stadt optimal zu nutzen. Das kann auch der Abriss vorhandener Bauten und ein Bau größerer Gebäude sein. Zudem werden bei dieser Bauweise weitere Flächenversiegelungen vermieden. Das wird in Zukunft immer wichtiger, um Starkregen besser abfließen zu lassen.

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Bezahlbarer Wohnraum ist eine kommunale Aufgabe

Schon jetzt ist Wohnraum in Metropolen wie Berlin, Düsseldorf und Hamburg kaum noch bezahlbar. Wie kann er es wieder werden?

In Hamburg ist der Wohnraum für viele Menschen seit einigen Jahren nicht mehr bezahlbar. Das sind komplexe Situationen, denn es hat viel mit der Niedrigzinspolitik zu tun. Mal ein rudimentäres Beispiel: Immobilien im Stadtgebiet erreichen seit einigen Jahren Wertsteigerungen von circa acht Prozent pro Jahr. Diese Wertsteigerung wird primär durch die Grundstückspreise absorbiert. Diese sind in den letzten Jahren kolossal gestiegen. Frei finanzierte Mietwohnungen sind auf diesen teuren Grundstücken kaum noch wirtschaftlich zu realisieren. Ein Investor setzt daher lieber auf Eigentumswohnungen. Für eine Stadt ist es aber lebensnotendig, dass die Menschen die die Stadt am Laufen halten, zum Beispiel Feuerwehrleute und Pflegerinnen und Pfleger dort wohnen können, wo sie arbeiten. Sonst arbeiten sie dort wo sie wohnen! Hier liegt eine kommunale Aufgabe vor.

Porträt Bernd Dahlgruen

Prof. Dr.-Ing. Bernd Dahlgrün lehrt im Fachgebiet Baukonstruktion an der HafenCity Universität Hamburg (HCU).

Foto: HCU Hamburg

Eine dramatische Entwicklung.

Ja, das geht an die Substanz der Stadt. Hamburg hat das aber seit 2016 verstanden und ein Bündnis für Wohnen geschaffen, das sich verpflichtet pro Jahr 10.000 Wohnungen bauen. Davon sind zuerst 2.000 und später 3.000 Sozialwohnungen. Eine Glanzleistung! Das jüngst verabschiedete Baulandmobilisierungsgesetz eröffnet Hamburg weitere Möglichkeiten.


Was ist das Baulandmobilisierungsgesetz?

Das Baulandmobilisierungsgesetz beinhaltet das sogenannte „Umwandlungsverbot“ des § 250 BauGB (Baugesetzbuch). Das heißt, wer Mietwohnungen zu Eigentum umwandeln will, braucht eine Genehmigung. Das gilt auch für einzelne Wohnungen in Mehrfamilienhäusern. Das Umwandlungsverbot läuft zunächst befristet bis 2025.

Das Gesetz soll in erster Linie für Entspannung auf dem Wohnungsmarkt sorgen. Kommunen können die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen für Gebäude mit mehr als fünf Wohneinheiten untersagen. In Städten, in denen der Wohnungsmarkt angespannt ist und kaum noch bezahlbarer Wohnraum besteht, kann das Baulandmobilisierungsgesetz wie eine Bremse wirken und bezahlbare Mietwohnungen erhalten.


Hamburg erhält Rechtsrahmen für mehr bezahlbaren Wohnraum

Was hat es damit auf sich?

Es wird der Stadt Hamburg ermöglichen, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, da der Rechtsrahmen hierfür erweitert wird. Das kann das Problem an der Wurzel packen. Durch das Gesetz kann Hamburg an mehr kommunale Grundstücke gelangen. Denn die Grundstücke sind der Schlüssel. Und: Das Baulandmobilisierungsgesetz berücksichtigt auch die Aufstockung von Häusern.
Bis heute vereiteln Baustufenpläne aus den 50er Jahren, die maximal 4-geschossige Bebauung vorschreiben vielfach Nachverdichtungsmaßnahmen. Diese Baustufenpläne entsprechen der damalig geltenden Bauordnung von 1938, die im dritten Reich verabschiedet wurde. Faktisch entfaltet diese Bauordnung in Hamburg bis heute in Form der Baustufenpläne Ihre Rechtskraft.
Das neue Baulandmobilisierungsgesetz ermöglicht es, diesen veralteten Vorgaben auszusetzen.

Wie integrieren Sie all diese Entwicklungen in die Lehre an der HafenCity Universität (HCU)?

Ich vermittle meinen Studierenden immer, dass wir nicht in einer Welt des Wandels, sondern in einer Umwälzung leben. Wir müssen uns Zukunftsfragen stellen und diese beantworten. Es wird sich alles verändern. Ein ganz simples Beispiel: Meine Studierenden fragen mich, wie dick die Dämmung sein muss. Da kann ich kein Buch zum Nachschlagen angeben, denn die Literatur ist schon veraltet. Wenn unsere Studierenden die Uni verlassen, sind die Inhalte, die ich gelehrt habe, im Grunde wieder veraltet. Das sage ich aber auch klipp und klar. Ich erkläre die Zusammenhänge, die Studierenden müssen daraus etwas entwickeln. Als Professor bin ich heute nicht mehr der Vermittler ewiger Weisheiten.

Städtische Nachverdichtung: Architekten benötigen mehr Skills

Was heißt das für den Jobmarkt?

Wir haben in Hamburg die höchste Architektendichte in ganz Deutschland. Wir haben einen Architekten beziehungsweise eine Architektin auf 352 Einwohner. Sollte der Bauboom schlagartig enden, finden zahlreiche Architekten vielleicht keinen Job mehr. Dann sind Kompetenzen gefragt, die es den Architekten und Architektinnen erlauben, sich schnell zu orientieren und neue Tätigkeitsfelder zu finden.

Sie geben also mehr Skills als Fachwissen weiter?

Das hoffe ich. Ob uns das alles gelingt, sehen wir dann in fünf oder sechs Jahren.

Studierende schauen auf Blätter vor sich

Das Architektur-Studium ist im Wandel. Studierende an der HCU erhalten in der Lehre mehr Skills, um sich auf den flexiblen Arbeitsmarkt einzustellen.

Foto: HCU Hamburg

Bauingenieure und Architekten arbeiten enger zusammen

Wie darf man sich die Zusammenarbeit zwischen Bauingenieuren und Architekten praktisch vorstellen?

Die HCU ist ja sehr klein und familiär. Aber sie ist buchstäblich auch zu klein. Das hat zur Folge, dass wir uns kennen. Im universitären Bereich ist das etwas Besonderes. Inseln gibt es bei uns nicht. Da fehlt uns sprichwörtlich das Wasser. Enge Kontakte sind wichtig und auch Feedback von außen. Die Grundlagen für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit sind gelegt worden und das stärkt die HCU. Aufgrund der BIM-Technologie kommen wir ohnehin zu einer neuen Zusammenarbeit, die ich sehr begrüße. Bauingenieure und Architekten kommen viel früher zusammen und tauschen sich schon bei Entwürfen aus. Das wird unter einigen Architekten nicht gern gesehen…

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„BIM ist die Zukunft“

Woran liegt das?

Nachvollziehbar ist das, denn hier spielt der Werkgedanke eine Rolle, der auch rechtlich verankert ist. Der Architekt verantwortet ein Werk und ist dessen Urheber. Wenn wir BIM wirklich praktizieren, löst sich der Werkgedanke auf. Von wem ist denn dann der Entwurf? Und von wem sind die Fehler? Das ist ja nicht geklärt. Dennoch ist die Technologie so vielversprechend, dass sie sich durchsetzen wird. Ich gehe also davon aus, dass Ingenieure und Architekten von Anfang an einem Entwurf zusammenarbeiten. Heutige Absolventen und Absolventinnen sind da auch unvoreingenommener. Mag auch daran liegen, dass sie noch keine leidlichen Gerichtsverhandlungen hinter sich haben.

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Warum hat die Baubranche die Digitalisierung eigentlich so verschlafen?

Das hat sie ja eigentlich schon immer gemacht. Als ich studiert habe, kaufte ich mir einen Computer. Das wurde als Quatsch abgetan. Mit Hand könne man ja viel besser und schneller zeichnen. Diese Entwicklung konnte ich über die letzten 30 Jahre verfolgen. Die erste Etappe war: Brauchen wir einen Computer, oder nicht? Die Widersacher, die gesagt haben, dass alles per Hand besser ginge, sind bekehrt worden oder verschwunden. In der zweiten Etappe ging es um die Fragestellung, konstruieren wir zwei- oder dreidimensional. Hier haben Widersacher auch gesagt: Zweidimensional kann ich viel schneller. Auch hier sind die Widersacher verstummt und dasselbe wird bei BIM passieren. Wenn ich in Echtzeit beim Bauen meine CO2-Bilanz prüfen kann, dann ist die Antwort klar: BIM ist für die Zukunft die Lösung. Wir haben aber keine Zeit mehr, diese Entwicklung auszubremsen.

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Ein Beitrag von:

  • Sarah Janczura

    Sarah Janczura

    Sarah Janczura ist Content Manager und verantwortliche Redakteurin für ingenieur.de. Nach einem Volontariat mit dem Schwerpunkt Social Media war sie als Online-Redakteurin in einer Digitalagentur unterwegs. Sie schreibt über Technik, Forschung und Karrierethemen.

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