Ingenieurkunst als Wahrzeichen 30.06.2019, 10:00 Uhr

Das macht die Tower Bridge nach über 125 Jahren immer noch so besonders

Die Londoner Tower Bridge schmückt die Themse bereits seit 1894. Obwohl ihre Technik bereits modernisiert wurde, dient sie nach wie vor als Beispiel der Ingenieurkunst der Dampfmaschinen-Ära.

Tower Bridge bei Nacht

 

Foto: panthermedian.net/rihardzz

Im späten 19. Jahrhundert zählte der Londoner Hafen zu den weltweit Wichtigsten. Doch dieser Ruhm hatte auch seine Schattenseiten. Die Handelswege brauchten aufgrund des hohen Aufkommens eine Entlastung, auch wenn das Handelszentrum der Stadt Wohlstand verschaffte. Abhilfe versprach eine neue Brücke, die über die Themse führen soll. Der Haken an der Sache: Der Fluss musste weiterhin für Schiffe befahrbar bleiben, denn unweit flussaufwärts befand sich damals noch im Pool of London der Hafen und damit ein internationales ökonomisches Zentrum. Den Londonern gelang diese Unternehmung – nebenbei bauten sie ihrer Stadt ein neues Wahrzeichen.

Der Architekt erlebte die Eröffnung nicht mehr

Zu ihrer Eröffnung vor über 125 Jahren, am 30. Juni 1894, beschrieben viele die Tower Bridge als Meisterstück der Technik. Aber ihre Planung begann viele Jahre zuvor, 1877. Die Stadt bildete ein Komitee, das über die Zukunft der Tower Bridge entschied. Mehr als 50 Entwürfe wurden über die Jahre eingereicht, aber es setzte sich Sir Horace Jones durch, der auch im Entscheidungsgremium saß. Erst 1886 begannen die achtjährigen Arbeiten an der Tower Bridge. Jones verstarb kurz nach Baubeginn. Der Ingenieur des Projekts, Sir John Wolfe Barry, übernahm damit die Leitung der Baustelle.

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Zwischen den 2 Türmen der Tower Bridge liegen Stege, die für Fußgänger auch bei Verkehrsstopp zugänglich sind, wenn nämlich die Fahrbahnen, die sogenannten Baskülen, hochgezogen werden, damit Schiffe passieren können. Die Türme haben einen technischen Zweck: Ihre Aufgabe ist es, die entstehenden Kräfte günstig weiterleiten und dem kompletten Bauwerk Stabilität zu verleihen.

Die notwendige Kraft, um die jeweils über 1.000 Tonnen schweren Baskülen zu heben, kam aus einem hydraulischen System. Zwei 270 Kilowatt starke Kolbendampfmaschinen pumpten Wasser mit einem Druck von etwa 5,2 Megapascal in Druckbehälter, die hydraulischen Akkumulatoren. Dort wartete es auf die nächste Hebung der Brücke, die lediglich 2 Minuten dauerte.

Dieses System ersetzten britische Konstrukteure im Jahr 1974 im Zuge einer Modernisierung. Die jetzige Vorrichtung arbeitet elektrisch und nutzt Öl als hydraulische Flüssigkeit. Die alten Maschinenräume sind heute ein Museum, ebenso wie die Türme und Gehwege.

Glasboden trifft auf Wahrzeichen

Auch heute noch beeindruckt die 65 Meter hohe und 244 Meter lange Hänge- und Klappbrücke: Unzählige Touristen lassen sich täglich am Ufer der Themse mit Blick auf das Bauwerk im Stil der viktorianischen Neugotik ablichten. Sowohl der architektonische Stil als auch der Name verraten, dass sich die Tower Bridge am nahegelegenen Tower of London orientiert. Nicht namensgebend sind ihre beiden markanten Türme.

Seit 2014 verfügt die Tower Bridge auch über einen Glasboden. Besucher können die Gehwege 42 Meter über der Themse passieren und dabei den Verkehr von oben beobachten. Der Glasboden besteht aus jeweils 530 Kilogramm schweren und 8 Zentimeter starken Platten. Sie tragen bis zu 150 Personen – oder 5 Elefanten. Richard Smith, Fremdenführer der Tower Bridge, erklärte im Interview mit „Deutsche Welle“ jedoch, dass sich bisher keine Gelegenheit ergeben habe, den Glasboden auf seine Elefantentauglichkeit zu prüfen.

Als besonders sehenswert, egal ob vom Ufer oder vom Glasboden aus, gilt es, dabei zu sein, wenn der Verkehr auf der Brücke zum Erliegen kommt und die Baskülen sich langsam erheben, um Schiffen Platz zu machen. Um bis zu 86 Grad lassen sich die Fahrbahnen neigen, was aber für gewöhnlich nur noch bei großen Kreuzfahrtschiffen geschieht.

Die Tower Bridge öffnet sich seltener

Heute befahren vornehmlich kleinere touristische Schiffe und Boote die Themse, die problemlos unter der Tower Bridge Platz finden. Deshalb öffnen die Londoner die Arme ihrer berühmtesten Brücke seltener als zu ihren Hochzeiten. 2015 erhoben die Baskülen sich 777 Mal, was etwa 2 Öffnungen am Tag entspricht. Zum Vergleich: Im Jahr ihrer Eröffnung 1894 betätigten die Bediensteten die Tower Bridge 6.194 Mal. Da sie erst am 30. Juni öffnete, entspricht das einem Durschnitt von etwa 34 Öffnungen täglich.

Schiffe mussten noch nie für die Passage zahlen. Und doch haben sie weiterhin immer Vorfahrt: 1997 spaltete die planmäßige Durchfahrt einer Barke einen Autokonvoi. Zu den Insassen gehörte der damalige US-Präsident Bill Clinton auf Staatsbesuch. Berichten zufolge sei sein Chauffeur sehr nervös geworden, als der Wagen des Präsidenten als einziger von der restlichen Entourage abgeschnitten worden ist.

Dass die Tower Bridge 125 Jahre später nach wie vor in Betrieb und gleichzeitig eine der wichtigsten Landmarken einer historisch reichen Stadt ist, spricht für die Arbeit ihrer Ingenieure und Architekten.

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