Anzeige

Alstom: Warum sechs deutsche Zugprojekte in der Krise stecken

03. November 2026

Ein Zug vom Typ Coradia Max steht in einer Produktionshalle des Zugherstellers Alstom.
Ein Zug vom Typ Coradia Max steht in einer Produktionshalle des Zugherstellers Alstom. Derzeit verzögert sich die Auslieferung an deutsche Regionalbahngesellschaften durch noch ausstehende Zulassungen. Foto: picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte
Der französische Zughersteller Alstom muss seine Planungen für den Doppelstockzug Coradia Max überarbeiten: technische Probleme, stockende Zulassungen und Verluste bei allen sechs deutschen Aufträgen. Die erste Zulassung wird erst für 2028 erwartet. Auch die Fahrgäste bekommen die Folgen zu spüren.
Anzeige
Anzeige


Eigentlich sollten die neuen Doppelstockzüge längst Fahrgäste befördern. Im Expresskreuz Bremen/Niedersachsen waren die ersten Coradia-Max-Triebzüge bereits für Dezember 2024 vorgesehen. Doch auch knapp zwei Jahre später warten die Verkehrsunternehmen auf die Fahrzeuge. Inzwischen hat Hersteller Alstom die Auslieferung erneut verschoben – auf das Jahr 2028. Es ist bereits die siebte Verschiebung für dieses Projekt.

Was zunächst wie ein regionales Beschaffungsproblem aussah, hat sich zu einer Krise für den französischen Bahnkonzern entwickelt. Am 2. November 2026 musste Alstom seine Ergebnisprognose drastisch senken. Im Mittelpunkt stehen sechs deutsche Coradia-Max-Verträge mit einem Gesamtvolumen von rund 5 Mrd. €. Nach Angaben des Managements sind inzwischen alle sechs Aufträge verlustbringend. Die technischen Probleme treffen damit nicht nur den Hersteller. Sie verzögern die Modernisierung des deutschen Regionalverkehrs und zwingen die Auftraggeber, vorhandene Fahrzeuge länger einzusetzen oder Ersatzkonzepte zu entwickeln.

Anzeige
Anzeige

Inhaltsverzeichnis

Warum die Zulassung der Coradia-Max-Züge stockt

Der Coradia Max ist eine Plattform für elektrische Doppelstocktriebzüge. Die Fahrzeuge kombinieren ein- und doppelstöckige Wagen und werden für die Anforderungen verschiedener Verkehrsnetze konfiguriert. Dazu gehören unterschiedliche Zuglängen, Innenausstattungen und technische Ausrüstungen.

Alstom hatte die sechs deutschen Projekte so geplant, dass die Zulassung des ersten Fahrzeugtyps auch für die folgenden Varianten genutzt werden kann. Dieses Konzept setzt voraus, dass wesentliche technische Nachweise übertragbar sind.

Anzeige
Anzeige

Hier hakt es. Eine interne Überprüfung offenbarte technische Schwierigkeiten, Defizite bei der Projektabwicklung und einen höheren Erprobungsbedarf als ursprünglich vorgesehen. Bereits produzierte Fahrzeuge müssen nachgearbeitet werden. Alstom unterbrach deshalb zeitweise die Fertigung.

Die erste Zulassung wird nach aktuellen Angaben erst für März 2028 erwartet. Da die nachfolgenden Projekte auf gemeinsamen technischen Nachweisen aufbauen sollten, wirkt sich diese Verzögerung auf das gesamte Programm aus. Welche konkreten Komponenten betroffen sind, hat Alstom bislang nicht öffentlich erläutert. Ob die Probleme beispielsweise Fahrzeugsteuerung, Bremsentechnik, elektrische Ausrüstung oder andere Baugruppen betreffen, lässt sich deshalb derzeit nicht belastbar feststellen.

Anzeige
Anzeige

Niedersachsen wartet seit zwei Jahren auf neue Züge

Besonders deutlich werden die Folgen in Niedersachsen und Bremen. Die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) bestellte 34 Coradia-Max-Züge für das Expresskreuz Bremen/Niedersachsen. Vorgesehen sind sie unter anderem für Regionalexpressverbindungen zwischen Hannover, Bremen, Oldenburg, Bremerhaven und der Nordseeküste.

Der ursprünglich für Dezember 2024 geplante Einsatz wurde mehrfach verschoben. Noch im Oktober 2026 musste die LNVG eine weitere Verzögerung bekannt geben. Dabei sind bereits zahlreiche Fahrzeuge produziert. Nach Angaben aus Bremen waren Mitte Oktober 17 Züge fertiggestellt, weitere fünf befanden sich im Rohbau. Für den Fahrgastbetrieb fehlen jedoch weiterhin die erforderlichen Zulassungen.

Die Fahrzeuge stehen damit beispielhaft für ein grundlegendes Problem der Bahnindustrie: Ein gebauter Zug ist noch kein zugelassener Zug. Erst nach erfolgreich abgeschlossenen Prüfungen und dem Nachweis sämtlicher sicherheitsrelevanter Anforderungen darf er regulär Fahrgäste befördern.

Auch Baden-Württemberg muss umplanen

Noch größer ist der Auftrag in Baden-Württemberg. Die landeseigene Schienenfahrzeuggesellschaft SFBW hat insgesamt 156 Coradia-Max-Züge bestellt. Die vierteiligen Fahrzeuge sollen bis zu 200 km/h erreichen und unter anderem im Regionalverkehr rund um Stuttgart eingesetzt werden.

Ursprünglich war der schrittweise Einsatz ab Dezember 2026 vorgesehen. Ende Oktober teilte Alstom jedoch mit, dass die Auslieferung erst 2028 beginnen soll. Für das Land hat die Verzögerung erhebliche Folgen. Verkehrsleistungen müssen ohne die vorgesehenen Neufahrzeuge organisiert werden. Alstom und die SFBW arbeiten deshalb an einem Ersatzkonzept. Das baden-württembergische Verkehrsministerium reagierte ungewöhnlich deutlich. Das Vertrauen in Alstom als zuverlässigen Lieferanten sei erheblich beeinträchtigt, erklärte ein Sprecher.

Neben Niedersachsen und Baden-Württemberg gehören auch Aufträge für den norddeutschen Regionalverkehr zum Coradia-Max-Programm. DB Regio bestellte beispielsweise 18 Fahrzeuge für das Teilnetz Ostsee-Alster. Auch Schleswig-Holstein hat entsprechende Doppelstockzüge geordert. Eine vollständige, von Alstom bestätigte Zuordnung sämtlicher sechs betroffenen Einzelverträge liegt bislang allerdings nicht vor.

Was Alstom die technischen Probleme kosten

Die Schwierigkeiten schlagen inzwischen unmittelbar auf die Konzernbilanz durch. Für die erste Hälfte des Geschäftsjahres 2026/27 meldete Alstom eine bereinigte operative Marge von rund minus 4 %. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum waren es plus 6,4 %. Die Prognose für das Gesamtjahr wurde von ursprünglich 6,5 % auf etwa 1 % gesenkt. Zugleich erwartet Alstom einen negativen freien Cashflow von rund 1,5 Mrd. €. Zuvor hatte der Konzern mit einem positiven Wert gerechnet.

Die sechs deutschen Verträge mit einem Gesamtvolumen von etwa 5 Mrd. € sind nach Angaben des Managements mittlerweile allesamt verlustbringend. Das Vertragsvolumen ist allerdings nicht mit dem entstandenen Verlust gleichzusetzen. Hinzu kommt ein finanzieller Verstärkungseffekt: Bei großen Schienenfahrzeugaufträgen sind Zahlungen häufig an vertraglich vereinbarte Meilensteine gebunden. Verschieben sich Zulassung und Auslieferung, können auch entsprechende Zahlungseingänge später erfolgen. Alstom kündigte deshalb einen Plan zum Schuldenabbau im Umfang von rund 2 Mrd. € an.

Was Siemens Mobility (nicht) anders macht

Die Schwierigkeiten bei Alstom werfen eine grundsätzliche Frage auf: Wie beherrschbar ist die Entwicklung moderner Zugplattformen, wenn verschiedene Auftraggeber unterschiedliche technische Anforderungen stellen?

Siemens Mobility verfolgt mit seiner Mireo-Familie ebenfalls einen Plattformansatz. Die Fahrzeuge werden mit unterschiedlichen Antriebstechnologien angeboten, darunter elektrische Triebzüge sowie batterie- und wasserstoffbetriebene Varianten.

Über die jüngsten Aufträge haben wir bereits im Artikel Diesel-Aus in Westfalen, Tempo 350 in Spanien: Was Siemens jetzt auf die Schiene bringt berichtet. Siemens soll 61 Batteriezüge für Westfalen liefern und hat einen Auftrag über 30 Hochgeschwindigkeitszüge für Spanien erhalten. Doch auch hier ist zwischen Auftragseingang, technischer Entwicklung, Zulassung und tatsächlichem Fahrgasteinsatz zu unterscheiden. Das gilt insbesondere für neue Fahrzeugkonzepte. Wie vielfältig die technologischen Entwicklungen derzeit sind, zeigt unser Überblick über die Neuheiten der InnoTrans 2026.

Für einen direkten technischen Vergleich mit Alstom wäre allerdings weniger der Mireo als der Siemens Desiro HC geeignet. Auch bei diesem Fahrzeug handelt es sich um einen elektrischen Doppelstocktriebzug, der für unterschiedliche Regionalverkehrsnetze angepasst wird. Der entscheidende Unterschied zwischen einer erfolgreichen Beschaffung und einem problematischen Projekt lässt sich jedoch nicht allein aus der Fahrzeugplattform ableiten. Dafür müssten unter anderem die ursprünglichen Liefertermine, die Anforderungen an die Zulassung, die technischen Änderungen während der Entwicklung und die tatsächlich erreichten Betriebsaufnahmen verglichen werden.

Die aktuellen Alstom-Probleme sind deshalb noch kein Beleg dafür, dass Siemens vergleichbare Projekte grundsätzlich besser beherrscht.

Wenn eine gemeinsame Zugplattform zum Risiko wird

Die wirtschaftliche Idee hinter einer Fahrzeugplattform ist nachvollziehbar. Hersteller können einmal entwickelte Komponenten und technische Lösungen für mehrere Kunden nutzen. Das reduziert Entwicklungsaufwand, vereinfacht die Beschaffung und soll die Serienfertigung wirtschaftlicher machen. Allerdings entstehen neue Abhängigkeiten. Müssen grundlegende Komponenten nachträglich verändert werden, kann das nicht nur einzelne Fahrzeuge, sondern mehrere Varianten betreffen.

Hinzu kommt die Zulassung. Technische Nachweise für eine Fahrzeugvariante lassen sich nicht zwangsläufig vollständig auf andere Ausführungen übertragen. Unterschiede bei Fahrzeuglänge, Geschwindigkeit, Bremsverhalten, elektrischer Ausrüstung oder Zugbeeinflussung können zusätzliche Prüfungen erforderlich machen. Gerade bei grenzüberschreitend eingesetzten Fahrzeugen oder Zügen für besonders anspruchsvolle Infrastruktur steigt der Aufwand.

Bei Alstom stellt sich nun die Frage, ob die ursprüngliche Planung die Komplexität dieser Varianten ausreichend berücksichtigt hat. Die aktuellen Verzögerungen deuten darauf hin, dass Entwicklung, Erprobung und industrielle Fertigung nicht wie vorgesehen ineinandergreifen.

Die entscheidenden technischen Fragen bleiben offen

Alstom steht nun vor der Aufgabe, die festgestellten Mängel zu beseitigen, bereits gebaute Fahrzeuge nachzurüsten und die Zulassungsstrategie neu abzusichern. Offen bleibt, welche technischen Änderungen erforderlich sind und in welchem Umfang die Erprobung wiederholt werden muss. Ebenso ungeklärt ist, ob sich die Verzögerungen bei allen sechs Verträgen auf denselben technischen Ursprung zurückführen lassen.

Für die Auftraggeber ist vor allem entscheidend, wann die Fahrzeuge tatsächlich verfügbar sind. Für Alstom geht es darüber hinaus um die Frage, ob sich eine gemeinsame Zugplattform wirtschaftlich herstellen lässt, wenn Entwicklung, Fertigung und Zulassung nicht wie geplant ineinandergreifen.

Die Coradia-Max-Krise zeigt damit ein grundsätzliches Risiko moderner Schienenfahrzeugprojekte: Technische Probleme können sich über eine gemeinsame Plattform auf mehrere Aufträge übertragen – mit Folgen für Hersteller, Verkehrsunternehmen und Fahrgäste.

Quellen und weiterführende Links

https://www.alstom.com/press-releases-news/2026/11/alstoms-preliminary-first-half-202627-results – Gewinnwarnung, Prognosekorrektur, Probleme bei den deutschen Coradia-Max-Projekten.

https://www.lnvg.de/spnv/fahrzeuge-fahrzeugpool/neue-doppelstockzuge-fur-niedersachsen-und-bremen – Bestellung der 34 Doppelstockzüge, Fahrzeugkonzept und Verzögerungen.

alstom.com/de/press-releases-news/2024/1/fuer-mehr-gruene-mobilitaet-im-norden-alstom-liefert-moderne-doppelstockzuege-db-regio – Bestellung von 18 Coradia-Max-Fahrzeugen für DB Regio.↗



Ein Beitrag von:

Anzeige
Anzeige

Top Stellenanzeigen

Kundenbetreuer Service Industrie (m/w/d)
Grünbeck AG

02.10.2026
Höchstädt an der Donau
Teamleitung operative Netzführung (w/m/d)
TransnetBW GmbH

02.10.2026
Wendlingen am Neckar
300mm Metrology Expert (all genders)
AIXTRON SE

02.10.2026
Herzogenrath
Qualitätsprüfer (m/w/d)
Horn Hartstoffe GmbH

02.10.2026
Tübingen
Inbetriebnahme- & Applikationstechniker Drive-by-Wire (m/w/d)
Arnold NextG GmbH

02.10.2026
Pfronstetten-Aichelau
Projektleitung Hafenausbau und Hafensanierung (m/w/d)
Stadt Hildesheim Der Oberbürgermeister

02.10.2026
Hildesheim
Sales Engineer / Vertriebsingenieur für Sortiersysteme und Intralogistik (m/w/d)
Dürkopp Fördertechnik GmbH

02.10.2026
Bielefeld
Application Engineer / Technischer Support (m/w/d) – Vermessung & Mobile Mapping
AllTerra Deutschland GmbH

02.10.2026
Schwarzach bei Würzburg
Projektleiter NNbS Mittelbereichsradar (w/m/d)
HENSOLDT

02.10.2026
Ulm
Projektleiter NNbS Project Office (w/m/d)
HENSOLDT

02.10.2026
Ulm
Senior Engineer – Funktionale Sicherheit (m/w/d)
Mi-Jack Europe GmbH

02.10.2026
Karlsruhe
Bauingenieur (m/w/d) Fachrichtung Tiefbau, Straßenbau oder Siedlungshydrologie
Gebäudemanagement Schleswig-Holstein AöR (GMSH)

03.10.2026
Eutin
Junior Projektingenieur Papierverarbeitung (m/w/d)
Fripa Papierfabrik Albert Friedrich KG

03.10.2026
Miltenberg
Teamleiter (m/w/d) Vertrieb und Kalkulation TGA
LIST AG

03.10.2026
Düsseldorf
Ingenieur:in Explosionsschutz als Fachleiter:in
TÜV NORD CERT GmbH

03.10.2026
Essen
Bauüberwacher (m/w/d) Straßenverkehrsanlagen
Bundesagentur für Arbeit - Vössing Ingenieurgesellschaft mbH

03.10.2026
Stuttgart
Bauingenieur/-in (m/w/d)
Bundesagentur für Arbeit - Landeshauptstadt Stuttgart

03.10.2026
Stuttgart
Technische/r Projektmitarbeiter/in (m/w/d) – Bauwesen / Projektkoordination
Bundesagentur für Arbeit - Dr. Kerner GmbH & Co. KG

03.10.2026
Stuttgart
Junior Bauüberwacher:in Oberbau / Konstruktiver Ingenieurbau (w/m/d)
DB InfraGO AG

03.10.2026
Köln
Senior Ingenieur:in Leit- und Sicherungstechnik im Großprojekt Rhein-Ruhr-Express (w/m/d)
DB InfraGO AG

03.10.2026
Duisburg

Weitere Artikel



Firmenprofile

Anzeige
Anzeige