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Bau

Das Elbtower-Debakel in Hamburg geht einfach immer weiter

02. November 2026

Baustelle Elbtower in Hamburg
Seit fast drei Jahren steht der Elbtower still. Trotz neuer Investoren und 595 Mio. € aus Hamburg ist weiterhin kein Baustart in Sicht. Foto: picture alliance / www.neumayr.cc / picturedesk.com
Der Elbtower in Hamburg steht weiter still: Ein günstigeres Museumsangebot gefährdet den 595-Millionen-Euro-Rettungsplan und die Finanzierung.
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Seit über drei Jahren steht das gigantische Hochhaus-Projekt an den Elbbrücken als unfertiger Betonklotz in der Landschaft. Ein Naturkundemuseum sollte den Weiterbau durch ein Investorenkonsortium sichern. Doch jetzt bringt ein um 100 Millionen Euro günstigeres Konkurrenzangebot den Hamburger Senat mächtig unter Erklärungsdruck. Dazu kommt: Innerhalb der rot-grünen Regierungsfraktion fliegen bezüglich der Kosten die Fetzen.

Rund 100 m ragt der Stahlskelett-Rohbau derzeit an den Hamburger Elbbrücken in den Himmel. Eigentlich sollte hier längst eines der höchsten Bauwerke Deutschlands stehen. Stattdessen ruhen die Arbeiten seit Oktober 2023. Nach der spektakulären Insolvenz der Signa-Gruppe von René Benko fehlt dem Megaprojekt schlicht eine verlässliche Finanzierungsgrundlage für die Fertigstellung.

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Ein Investorenkonsortium will das Hochhaus nun übernehmen, deutlich stutzen und zu Ende bauen. Die Schlüsselrolle spielt dabei die Freie und Hansestadt Hamburg: Sie erwägt, für bis zu 595 Millionen Euro rund die Hälfte der Gebäude-Nutzfläche zu erwerben, um dort das geplante Naturkundemuseum („Evolutioneum“) unterzubringen.

Doch genau dieser Rettungsanker wackelt gewaltig. Im Oktober legte ein Mitbewerber überraschend ein spürbar günstigeres Immobilien-Angebot vor. Kurz darauf gingen die Hamburger Grünen auf Distanz zur teuren Museumslösung im Elbtower. Damit steht nicht nur der Standort des Naturkundemuseums wieder auf der Kippe – auch dem Elbtower bricht die entscheidende wirtschaftliche Grundlage für die Fertigstellung weg.

Inhaltsverzeichnis

100 Millionen Euro günstiger: Konkurrenzangebot setzt Senat unter Druck

Am 9. Oktober berichtete der NDR über ein Alternativangebot des Hamburger Projektentwicklers Büll & Liedtke. Die Hamburger wollen das Naturkundemuseum nicht im Elbtower, sondern in einer Bestandsimmobilie am Besenbinderhof nahe dem Hauptbahnhof realisieren.

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Der aufgerufene Festpreis: 495 Millionen Euro. Das sind rein rechnerisch satte 100 Millionen Euro weniger als die veranschlagten 595 Millionen Euro für die Flächen im Elbtower. Der Senat hat den Eingang des Angebots bestätigt und eine detaillierte Prüfung angekündigt.

Ob das Alternativangebot am Ende tatsächlich wirtschaftlicher ist, lässt sich allein an beiden Pauschalsummen natürlich nicht ablesen. Dafür müssen Nutzflächen, technische Gebäudeausstattung (TGA), Ausbaustandards, Baukostenrisiken und die vertraglichen Schnittstellen erst rigoros verglichen werden.

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Dennoch bringt der Preisunterschied die Stadtpolitik mächtig in Erklärungsnot. Bislang hatte die Stadt den Elbtower als alternativlose und wirtschaftlichste Lösung verkauft. Zum Hintergrund: Eigene Schätzungen der Stadt für einen isolierten Museumsneubau lagen zuvor bei astronomischen 824 Millionen Euro. Verglichen damit wirkte der Teilerwerb im Elbtower wie ein Schnäppchen. Das neue Angebot wirft diese Vergleichsgrundlage komplett über den Haufen.

Politisches Beben: Hamburger Grüne stellen sich quer

Kaum war das Konkurrenzangebot auf dem Tisch, krachte es in der Koalition. Die Bürgerschaftsfraktion der Hamburger Grünen stellte sich am 9. Oktober offen gegen ein Naturkundemuseum in der diskutierten Dreiviertel-Milliarden-Sphäre. Grünen-Fraktionschef Michael Gwosdz stellte klar, dass seine Partei selbst die günstigere Alternative krass hinterfragt.

In einer offiziellen Stellungnahme der Grünen hieß es unmissverständlich: „Wir können nicht bei Kitas, Schulen und Hochschulen um jeden Euro ringen und gleichzeitig knapp eine halbe Milliarde für ein großes Museumsprojekt ausgeben.“

Bei der SPD saß der Schock tief. SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf zeigte sich verärgert und erklärte gegenüber dem NDR: „Der Vorstoß der Grünen war mit uns nicht abgestimmt.“ Die Debatte ist längst keine reine Standortfrage mehr. Es geht um die Grundsatzfrage, ob öffentliche Gelder zur indirekten Subventionierung eines gescheiterten privaten Immobilien-Spekulationsobjekts herhalten dürfen.

Warum das Naturkundemuseum die Lebensversicherung des Elbtowers ist

Der geplante Flächenkauf durch die Stadt wäre keine reine Gefälligkeit, sondern das Fundament des gesamten Rettungsplans. Hamburg verhandelt über den Erwerb von rund 46.000 m² Mietfläche für das Museum und die dazugehörige Forschungsinfrastruktur des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB).

Vorgesehen sind die untersten zwölf Geschosse des künftigen Wolkenkratzers inklusive der Nutzung zentraler Gemeinschaftsflächen. Das entspricht fast der Hälfte der gesamten Nutzfläche des Gebäudes.

Für die Investoren ist die öffentliche Hand als Großmieter bzw. Käufer schlicht unersetzlich: Das Museum garantiert einen langfristigen, bonitätsstarken Ankerteilnehmer. Erst durch diese vertragliche Absicherung lässt sich die Gesamtfinanzierung der restlichen Büro- und Gewerbeflächen bei Banken darstellen.

Wie weit die Verhandlungen gediehen sind, deutete Projektentwickler Dieter Becken Mitte Oktober gegenüber dem Hamburger Abendblatt an. Demnach seien wesentliche Leitplanken zur Risikoverteilung bereits gezimmert – von der Schnittstellendefinition über Sicherheiten bis hin zu einem strengen Zahlungsplan nach Baufortschritt. Beckens Fazit: „Die Gespräche über das Naturkundemuseum im Elbtower sind weit fortgeschritten.“

Rechtsverbindlich unterschrieben ist jedoch bis heute nichts. Und vor allem: Ein vereinbarter Festpreis schützt die öffentliche Hand nicht automatisch vor allen Baurisiken. Bei derartigen Spezialimmobilien entscheiden im Kleingedruckten Haftungsklauseln bei Bauverzug, Nachbeforderungen im Ausbau und Mängelbeseitigungskonzepte.

Höchste Ansprüche an die TGA: Welche Anforderungen stellt das Museum?

Das wissenschaftliche Institut LIB betont, dass das ausgearbeitete Raumkonzept nicht starr an die Hochhaus-Hülle gebunden ist. Untersucht wurden prinzipiell auch Standorte in der HafenCity, in Bahrenfeld und am Besenbinderhof.

Ein Hochleistungs-Naturkundemuseum schüttelt man bauplanerisch allerdings nicht aus dem Ärmel. Es geht nicht nur um ein paar Stellwände für Exponate, sondern um hochkomplexe Gebäudetechnik und Statik:

  • Depots & Sammlungsräume: Sensible biologische Exponate erfordern eine hochpräzise, extrem ausfallversorgte Klimatechnik (Temperatur- und Feuchtekonstanz), UV-Schutz und hermetische Schädlingsprävention.
  • Forschungslabore: Nasslabor-Standards, spezielle Abluft- und Entsorgungssysteme, Schwingungsentkopplung für Hochleistungsmikroskope sowie streng geregelte Sicherheitszonen.
  • Ausstellung & Publikumsverkehr: Enorme Deckenlasten für schwere Großexponate, komplexe Entfluchtungskonzepte für hohe Besucherzahlen, Brandschutz und durchgängige Barrierefreiheit.
  • Logistik: Großzügig dimensionierte Anlieferungszonen, Schwerlastaufzüge und lichte Tür- und Gangmaße für den Transport wertvoller Exponate.

Ein fairer Vergleich zweier Immobilienangebote ist daher erst möglich, wenn die anspruchsvollen anlagentechnischen und statischen Vorgaben Eins-zu-Eins gegenübergestellt werden.

Wer will den Elbtower retten?

Hinter dem Konsortium für den Weiterbau steht Dieter Becken zusammen mit namenhaften Partnern: dem Versicherer Signal Iduna, Drogerie-Mogul Dirk Roßmann und dem Bauunternehmen Adolf Lupp (das als Rohbauunternehmer bereits den bisherigen Bau ausführte). Auch der im August 2026 verstorbene Logistik-Milliardär Klaus-Michael Kühne war als Geldgeber vorgesehen.

Das Bundeskartellamt gab das Joint Venture zwar frei, das ist aber reine Formalie und bedeutet keine gesicherte Finanzierung. Wie essenziell die öffentliche Hand für das Bündnis ist, stellte Signal-Iduna-Chef Torsten Uhlig bereits klar: Er knüpfte ein Investment seiner Gruppe ausdrücklich an das Zustandekommen des Museums-Deals.

Für die geplante Hotelnutzung gibt es immerhin operative Klarheit: Die Primestar Group soll ein Hilton Hamburg Elbtower mit 195 Zimmern betreiben. Ein Hotelbetreiber ersetzt jedoch keinen Eigenkapitalnachweis für ein Multimillionen-Projekt.

Ungeklärte Nachfolge: Was bedeutet der Tod von Klaus-Michael Kühne?

Der Tod von Klaus-Michael Kühne am 24. August 2026 im Alter von 89 Jahren bringt zusätzliche Unsicherheit in das Konsortium. Fehlt den Investoren nun ein zentraler Eigenkapitalgeber?

Schon im Frühjahr 2025 hatte sich Kühne skeptisch gezeigt und den zusätzlichen Kapitalbedarf für den Elbtower auf rund 400 Millionen Euro beziffert, wovon seine Holding maximal 100 Millionen Euro tragen wollte. Späteren Berichten zufolge sollte seine Beteiligung über die Kühne-Stiftung laufen – ein wasserdichter Nachweis der Verträge liegt jedoch nicht öffentlich vor. Ist das Kapital nach seinem Ableben gesichert flüssig? Das ist völlig unklar.

Dass Stiftungen solch gewaltige Kultur- und Bauprojekte stämmen können, zeigt das Engagement bei der geplanten neuen Hamburger Oper am Baakenhöft. Details zu Architektur, Trägerschaft und Finanzierung beleuchten wir im Artikel über die neue Hamburger Oper. Direkte Rückschlüsse auf die Risikoverteilung beim Elbtower lassen sich daraus aber nicht ziehen.

Rückbau in den Wolken: Aus 245 m werden knapp 199 m

Auch architektonisch muss der Elbtower abspecken. Der ursprüngliche Entwurf von David Chipperfield Architects sah eine imposante Höhe von 245 m vor. Nun planen die Investoren nur noch mit rund 199 m – zwölf Bürogeschosse fliegen ersatzlos raus. Das Gebäude schrumpft also um gut 46 m.

Merkmal Ursprüngliche Planung Überarbeitete Planung
Gebäudehöhe 245 m ca. 199 m
Bürogeschosse Ursprünglicher Entwurf 12 Geschosse weniger
Naturkundemuseum Nicht vorgesehen Untere 12 Geschosse geplant
Bauzustand – Rohbau ca. 100 m hoch
Nutzungsmix Vorwiegend gewerblich Büros, Hotel und geplantes Museum

12 Stockwerke wegzulassen bedeutet tragwerksplanerisch und gebäudetechnisch einen enormen Eingriff: Die Wind- und Aussteifungslasten verändern sich, Aufzugsstränge müssen neu berechnet, Entfluchtungskonzepte angepasst und die gesamte HLSK-Trassierung überarbeitet werden.

Ein Etappensieg für die Investoren: Am 26. Februar 2026 erteilte die Stadt Hamburg einen positiven Bauvorbescheid für die reduzierte Gebäudeform und die Nutzung durch das Museum. Zudem wurde die bestehende Baugenehmigung bis zum 23. März 2029 verlängert.

Auch mit knapp 200 m Höhe bleibt das Hochhaus ein ingenieurtechnisches Schwergewicht. Welche immensen Anforderungen Bauwerke dieser Größenordnung an Tragwerk, Fassadenmechanik und Aussteifung stellen, zeigt auch unser Fachbeitrag über den 180 m hohen Wohnturm Danubeflats in Wien.

Jahrelanger Baustopp: Welche Schäden drohen dem Rohbau?

Seit dem 26. Oktober 2023 ruht die Baustelle sprichwörtlich. Das Bauunternehmen Lupp zog wegen ausstehender Millionenrechnungen die Reißleine. Seit über drei Jahren trotzt der unfertige Betonklotz nun Wind und Wetter.

Vor der Wiederaufnahme von Bewehrungs- und Betonierarbeiten stehen Prüfingenieure und Bauphysiker vor einer Mammutaufgabe:

  • Witterungsschutz: Waren freiliegende Bewehrungsanschlüsse, Koppelstellen und Deckenköpfe ausreichend gegen Karbonatisierung, Frost und Feuchtigkeit geschützt?
  • Temporäre Aussteifung: Entsprechen Behelfskonstruktionen, Kletterschalungen und Traggerüste noch den Sicherheitsanforderungen?
  • Soll-Ist-Abgleich: Lässt sich der Ist-Zustand des Rohbaus ohne teure Abbruchmaßnahmen mit den neuen Chipperfield-Plänen in Einklang bringen?

Eine lange Standzeit führt nicht zwangsläufig zu Mängeln an der Standsicherheit – setzt aber eine lückenlose substanzdiagnostische Prüfung voraus.

Geotechnisches Monitoring: Setzungsprobleme an den Bahnanlagen?

Ein extrem kritischer Punkt ist die Lage der Großbaustelle: Der Elbtower steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu den stark frequentierten Bahntrassen der Deutschen Bahn. Die Baugenehmigung verlangt daher ein permanentes geotechnisches Monitoring.

Während des Baustopps meldete die Hamburger Baubehörde Grenzwertüberschreitungen bei Differenzsetzungen, Verwindungen und Kantungen im Gleisbereich. Solche Schwellenwerte sind Warnindikatoren, um Schadensbilder an den Bahnkörpern rechtzeitig abzufangen.

Gutachter entwarfen vorerst Entwarnung: Die gemessenen Bodenbewegungen seien hinsichtlich der Standsicherheit und Gebrauchstauglichkeit der Gleisanlagen vorerst unkritisch, Substanzschäden gab es laut Behörde nicht. Allerdings fehlten mit Stand April 2026 noch immer die behördlich geforderten Nachweise für etwaige Nachgründungs- oder Kompensationsmaßnahmen. Ohne diese Freigabe wird an den Elbbrücken kein Kran mehr anfahren.

Checkliste: Was muss passieren, damit wieder gebaut werden kann?

Damit am Elbtower die Motoren wieder anspringen, müssen vier zentrale Hürden übersprungen werden:

  1. Eigentumsübertragung finalisieren: Das Konsortium um Dieter Becken muss den Kaufvertrag mit Insolvenzverwalter Torsten Martini rechtsverbindlich abschließen.
  2. Finanzierung wasserdicht schließen: Die Banken verlangen harte Eigenkapitalnachweise und Mietverträge für den Erwerb, den Fertigbau und den Betrieb.
  3. Museumsstreit beilegen: Hamburgs Politik muss entscheiden, ob das Naturkundemuseum in den Elbtower einzieht oder die günstigere Standort-Alternative am Besenbinderhof den Zuschlag bekommt.
  4. Baurecht und Geotechnik klären: Die statischen und TGA-bezogenen Umplanungen benötigen eine finale Baugenehmigung, inklusive der geotechnischen Nachweise für die Bahn-Infrastruktur.

Der Zündstoff bleibt enorm. Ohne das Naturkundemuseum als städtischem Ankermieter droht das Elbtower-Projekt endgültig zu stranden – und Hamburg behielte auf Jahre hinaus eine der spektakulärsten Bauruinen der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Quellen



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