
Der kalifornische Spediteur DTL Transport will 75 eigene Lkw mit dem autonomen Fahrsystem Kodiak Driver einsetzen. Für dessen Nutzung soll eine Gebühr je gefahrener Meile anfallen. Dahinter steht die Aussicht, die Fahrzeuge länger auszulasten, weil die Fahrzeit des Systems nicht durch die Lenk- und Ruhezeiten eines Fahrers begrenzt ist. Tankstopps, Wartung und Kontrollen bleiben dennoch erforderlich.
Die am 28. Oktober angekündigte Vereinbarung sieht eine Bezahlung je gefahrener Meile vor. Die Fahrzeuge sollen DTL gehören und von der Spedition betrieben werden. Kodiak verkauft damit den Zugang zum Fahrsystem innerhalb einer bestehenden Transportflotte. Der fahrerlose Betrieb dieser 75 Lkw ist allerdings noch keine belegte Realität. Kodiak kündigt seinen ersten fahrerlosen Autobahnverkehr mit Ikea zwischen Dallas und Houston für Ende 2026 an. Für den DTL-Vertrag nennt die Pressemitteilung keinen Starttermin.
Der Fernverkehr in Texas beschäftigt auch andere Anbieter. Über Auroras damalige Pläne für fahrerlose Frachttransporte zwischen Dallas und Houston berichteten die VDI nachrichten bereits im April 2024.
Welche Strecken DTL automatisieren will
Für DTL sind zunächst zwei Verbindungen vorgesehen: Dallas–El Paso und Dallas–Atlanta. Für seinen bisherigen Atlanta-Verkehr bezifferte Kodiak die einfache Strecke auf knapp 800 Meilen, rund 1290 km. Diese Transporte liefen mit einem Sicherheitsfahrerteam an Bord.
Bei El Paso ist die neue Mitteilung geografisch ungenau: Sie nennt die Interstate 10 als Verbindung von Dallas nach El Paso. Die I-10 führt jedoch nicht durch Dallas. Der naheliegende Autobahnkorridor verläuft zunächst auf der I-20 nach Westen und anschließend auf der I-10. Welche Terminals und Zufahrten DTL konkret nutzen wird, bleibt offen.
Solche Korridore erleichtern die Automatisierung gegenüber dichtem Stadtverkehr. Dennoch müssen die Systeme mit Einfädelungen, Überholmanövern, Baustellen und wechselnden Verkehrsverhältnissen umgehen. Auch die Übergänge zwischen Autobahn und Logistikstandort gehören zur Aufgabe.
Kodiak stellte 2023 einen östlichen Umschlagpunkt vor: Er liegt in Villa Rica, westlich von Atlanta. Dort beschreibt das Unternehmen eine Arbeitsteilung: Autonome Lkw übernehmen den Fernverkehr, menschliche Fahrer die erste und letzte Meile. Ob DTL genau diese Infrastruktur nutzt, ist nicht veröffentlicht. „Dallas–Atlanta“ bedeutet deshalb nicht automatisch eine fahrerlose Lieferung bis zur letzten Laderampe in der Großstadt.
Was die Meilengebühr abdeckt
Den konkreten Preis des DTL-Vertrags nennt Kodiak nicht. Im allgemeinen Geschäftsmodell „Driver as a Service“ stellt das Unternehmen nach seinem Börsenbericht neben dem Autonomiesystem auch Softwareupdates, Systemintegration, Fernüberwachung sowie operative Unterstützung und Fernunterstützung bereit. Möglich sind fahrzeug- oder meilenbezogene Lizenzgebühren, gegebenenfalls mit Mindestfahrleistungen.
Unternehmenschef Don Burnette nannte bei einer Investorenveranstaltung im September rund 0,85 US-Dollar pro Meile als angestrebtes Gebührenniveau für den Fernverkehr. Das entspricht etwa 0,53 Dollar/km. Burnette erklärte außerdem, Kodiak trage derzeit die Kosten der Autonomiehardware und ihrer Integration und verteile diese über die Betriebsdauer.
Für die Spedition verschwinden die übrigen Fahrzeugkosten damit nicht. Ob sich das Modell rechnet, hängt auch von der tatsächlich möglichen Auslastung und dem Betreuungsaufwand ab. Nicht offengelegt ist, wie der DTL-Vertrag Leerfahrten, manuelle Abschnitte oder Ausfallzeiten behandelt.
Wer übernimmt das Tanken?
Auch ein autonomer Diesel-Lkw muss versorgt werden. Ob auf den vorgesehenen Strecken ein Tankstopp unterwegs nötig ist, lässt sich aus der Ankündigung nicht ableiten: Tankgrößen, Verbrauch und Reservestrategie der DTL-Fahrzeuge sind unbekannt. Ob eine Tankfüllung für die einfache Fahrt reicht, hängt von der eingesetzten Zugmaschine und den Betriebsbedingungen ab.
Kodiak hat die Versorgung in sein Truckport-Konzept aufgenommen. In Villa Rica gehören Betankung, kleinere Wartungsarbeiten und Kontrollen vor Fahrtantritt zum beschriebenen Angebot. Eine Partnerschaft mit dem Raststättenbetreiber Pilot soll solche Dienstleistungen unterstützen. Wie die DTL-Fahrzeuge betankt werden sollen und ob dafür Zwischenstopps geplant sind, hat Kodiak nicht erläutert.
Bei Pannen muss zuerst der sichere Halt gelingen
Für technische Fehler beschreibt Kodiak eine vorbereitete Rückfallstrategie. Das System überwacht Fahrzeug und Autonomietechnik. Erkennt es einen kritischen Defekt, soll eine separate Sicherheitssteuerung einen kontrollierten Halt ermöglichen. Damit soll die Fähigkeit zum sicheren Anhalten auch bei einem Ausfall des Hauptsystems erhalten bleiben.
Einen gezielt ausgelösten Reifenplatzer hat Kodiak auf einer Teststrecke demonstriert. Nach Unternehmensangaben blieb der Lkw kontrollierbar und hielt in seiner Spur an. Für den Autobahnbetrieb beschreibt Kodiak einen Halt auf dem Seitenstreifen als vorgesehenes Rückfallmanöver. Der Versuch demonstriert das Verhalten im getesteten Szenario. Eine unabhängige Bewertung der gesamten Ausfallsicherheit lässt sich daraus nicht ableiten.
Zusätzlich setzt Kodiak auf Fernfahrtechnik des deutschen Unternehmens Vay. In bestimmten, klar begrenzten Situationen bei niedriger Geschwindigkeit können ausgebildete Fernfahrer den Lkw steuern, etwa beim Rangieren oder beim Umgang mit Handzeichen von Einsatzkräften. Die Autobahnfahrt soll das System selbstständig bewältigen.
Wie sich Lkw aus einem Leitstand fernsteuern lassen, erläuterten die VDI nachrichten 2023 am Beispiel von Fernride. Der Beitrag beschreibt einen anderen Anbieter und dient zur Einordnung der Teleoperation.
Ein geplatzter Reifen muss anschließend jedoch weiterhin gewechselt werden. Wer bei DTL Absicherung, Reparatur oder Abschleppen organisiert, welche Reaktionszeiten gelten und wer die Kosten trägt, ist nicht veröffentlicht.
Warum der Vergleich mit Deutschlands zehn Kilometern hinkt
Die bekannte MAN-Premierenfahrt auf der A9 im April 2024 war laut Autobahn GmbH elf Kilometer lang. Ein Sicherheitsfahrer saß an Bord. Die Strecke war für die Demonstration im Forschungsprojekt ATLAS-L4 gewählt. Aus ihrer Länge lässt sich keine maximale Reichweite des automatisierten Systems ableiten.
Auch in Europa sind längere automatisierte Fahrten dokumentiert: Scania nennt rund 300 km zwischen Södertälje und Jönköping in Schweden, ebenfalls mit Sicherheitsfahrer. Beim fahrerlosen Lieferbetrieb von Einride für Lidl in Edermünde sitzt dagegen niemand im Lkw. Nach dem Bericht von ingenieur.de vom 22. September fährt das Fahrzeug nachts eine wenige hundert Meter lange Strecke autonom mit höchstens 25 km/h. Ein Mitarbeiter begleitet es in einem zweiten Fahrzeug. Fahrerloser Betrieb bedeutet dort also weiterhin Personaleinsatz vor Ort.
Quellen und weiterführende Links
- Kodiak/DTL: Vereinbarung über 75 Lkw – Fahrzeugeigentum, Meilenabrechnung, geplante Korridore und angekündigter Ikea-Start.
- Kodiak: Quartalsbericht zum 30. Juni 2026 – Leistungsumfang und Abrechnungsformen des DaaS-Modells, insbesondere PDF-Seiten 31/32.
- Investorenveranstaltung: Aussagen von Don Burnette – Transkript mit angestrebter Meilengebühr und Finanzierung der Autonomiehardware; allgemeine Modellangaben, kein DTL-Vertragspreis.
- Kodiak/Forward: bisheriger Dallas–Atlanta-Verkehr – knapp 800 Meilen und Sicherheitsfahrerteam.
- TxDOT: I-20-Korridor – Anschluss der I-20 an die I-10 in Westtexas.
- Kodiak: Truckport Villa Rica – Umschlag, Betankung, Wartung und erste/letzte Meile.
- Kodiak: Rückfallstrategie – Systemüberwachung und kontrollierter Halt.
- Kodiak: Reifenplatzertest – Versuchsaufbau, Halt in der Spur und vorgesehenes Autobahnmanöver.
- Kodiak/Vay: Assisted Autonomy – Fernsteuerung für definierte Situationen bei niedriger Geschwindigkeit.
- Autobahn GmbH: MAN-Premierenfahrt – elf Kilometer am 18. April 2024 mit Sicherheitsfahrer.
- Scania: Hub-to-Hub-Pilot – rund 300 km mit Sicherheitsfahrer.
- Einride/Lidl: Edermünde – Lieferbetrieb ohne Fahrer oder Sicherheitsoperator an Bord.






























