Musik gegen Pfeifen 17.09.2015, 12:48 Uhr

Krankenkasse bezahlt Musik-App gegen Tinnitus

Ein App auf Krankenschein: Die Techniker Krankenkasse bezahlt testweise eine Musik-App für Handy oder Tablet, die gegen Tinnitus helfen kann. Die Erfindung des Start-ups Sonormed kann helfen, Ohrgeräusche zu mindern oder gar zu beseitigen. Auch Geräte wie die Apple Watch will die Krankenkasse bezuschussen.

Rockkonzert der Rolling Stones in New York: Lieblingsmusik, bearbeitet mit einer Software, kann gegen Tinnitus helfen. Jetzt hat die Techniker Krankenkasse einen Versuch gestartet und finanziert Patienten in Hamburg eine Musik-App gegen Tinnitus.

Rockkonzert der Rolling Stones in New York: Lieblingsmusik, bearbeitet mit einer Software, kann gegen Tinnitus helfen. Jetzt hat die Techniker Krankenkasse einen Versuch gestartet und finanziert Patienten in Hamburg eine Musik-App gegen Tinnitus.

Foto: Andrew Gombert/dpa

Drei Millionen Menschen in Deutschland leiden an ständigen Geräuschen im Ohr, jeder fünfte davon so sehr, dass er regelmäßig deswegen zum Arzt geht. Doch der kann nicht immer helfen, denn Therapien gibt es zwar viele, aber die eine durchschlagende Behandlung gibt es nicht. Klar ist aber: Geräusche können gegen die Geräusche helfen. Nicht irgendwelche natürlich, sondern gezielt eingesetzte Töne in bestimmten Frequenzen, die das quälende Fiepen oder Brummen im Gehörgang überlagern. 

Die Wirkung solcher Sounds geht aber noch weiter. Wenn das Gehirn ausgiebig mit guten Tönen gefüttert wird, kann es die bösen nach einiger Zeit abschalten – oder jedenfalls leiser drehen. Denn die Geräusche sind nicht echt, sondern eingebildet, ausgelöst durch eine Überreaktion von Nervenzellen.

Diesen Effekt machen sich die Entwickler der App „Tinnitracks“ des jungen Unternehmens Sonormed zunutze, die mit ihrer Erfindung schon einiges Aufsehen erregt und Auszeichnungen abgeräumt haben.

Störende Frequenzen werden herausgefiltert

Inzwischen ist die Wirksamkeit der Methode offenbar so gut nachgewiesen, dass Versicherer sie ihren Kunden erstatten. Die Techniker Krankenkasse jedenfalls berichtet von nachhaltigen Erfolgen bei Menschen unterschiedlichen Alters mit Geräuschfrequenzen unterhalb von 8500 Hertz. Sie bietet Tinnitus-Patienten jetzt an, es mit der App zu versuchen. Dazu müssen sie sich von einem der rund 30 durch die TK dafür benannten Hamburger HNO-Ärzte untersuchen und die Frequenz ihres Ohrgeräusches bestimmen lassen.

Anschließend wird aus der persönlichen Lieblingsmusik des Patienten diejenige ausgesucht, die am besten passt. Störende Frequenzen werden durch die App noch entfernt, so dass die nervenberuhigende Wirkung sich voll entfalten kann. Die Betroffenen müssen allerdings Geduld haben: Zwölf Monate lang täglich 90 Minuten lang muss die Musik gehört werden. Ob sie so lange Lieblingsmusik bleiben kann, ist fraglich.

Die Tinnitus-App bearbeitet nicht nur Musikstücke so, dass sie gegen die Erkrankung wirken. Sie überwacht auch die täglichen Anwendungen. 

Die Tinnitus-App bearbeitet nicht nur Musikstücke so, dass sie gegen die Erkrankung wirken. Sie überwacht auch die täglichen Anwendungen. 

Foto: Sonormed

Die Versicherung aber setzt darauf, dass die Patienten gerade deshalb am Ball bleiben, weil die Methode der Firma Sonormed einfach und mit angenehmen Erfahrungen verbunden ist. „Mit Tinnitracks wird die App zum Therapeuten. Und sie kann eine Alternative zu den konventionellen Behandlungsmöglichkeiten sein“, sagt Klaus Rupp, Leiter des Versorgungsmanagements der TK.

Dass Musiktherapie grundsätzlich gegen Tinnitus helfen kann, ist längst nachgewiesen. Inzwischen verstehen Mediziner auch immer besser, wie das Gehirn Töne verarbeitet.

Immer mehr Apps für Patienten

Apps für Handy oder Tablet werden derweil immer häufiger in der Gesundheitsvorsorge eingesetzt. Die TK beispielsweise bietet ihren Versicherten bereits die Allergie-App „Husteblume“ an. Sie sagt nicht nur vorher, wann wo welche Pollen auftauchen, sondern gibt sogar Tipps zur medikamentösen Behandlung. Frauen können außerdem kostenlos den digitalen Schwangerschaftsbegleiter „Mommy App“ erhalten, der beispielsweise die Vorsorgeuntersuchungen und Geburtsvorbereitung organisiert.

Die TK will solche digitalen Zusatzangebote weiter ausbauen. So hat die Versicherung in ihr Bonusprogramm jetzt auch „Wearables und Fitnesstracker“ aufgenommen, darunter auch die Apple Watch. In dem Programm werden einzelne „Gesundheitsleistungen“ – und dazu zählt die Apple Watch mit ihren Funktionen als Trainingshelfer – mit jeweils bis zu 50 € bezuschusst. Dafür müssen die Versicherten allerdings nachweisen, dass sie etwas für ihre Gesundheit tun: durch Entspannungskurse, Rauchentwöhnung oder Krebsfrüherkennung zum Beispiel. Pro Jahr ist so ein Gesamtbetrag von 250 € möglich.

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