Ungewöhnlicher Praxistest 29.08.2026, 08:01 Uhr

40-Fuß-Container werden zu Windkraftanlagen, jetzt beginnt der Test auf See

Windstrom aus 40-Fuß-Containern: Die Helgafell testet eine ungewöhnliche Retrofit-Lösung aus Windturbinen und Photovoltaik.

Die Helgafell von Samskip bei schwerer See

Die Helgafell von Samskip bei schwerer See. Auf dem mehr als 20 Jahre alten Containerschiff werden derzeit zwei Windturbinen in umgebauten 40-Fuß-Containern sowie Photovoltaikmodule getestet.

Foto: Gothenburg Port Authority

Zwei 40-Fuß-Container an Deck der Helgafell transportieren keine Ladung. In ihren offenen Rahmen drehen sich Windturbinen, auf den Dächern liegen Solarmodule. Vier planmäßige Fahrten lang soll sich zeigen, wie viel Strom das System unter realen Bedingungen liefert.

Die beiden Container wurden im dänischen Aarhus auf das Containerschiff Helgafell verladen. Unmittelbar danach begannen die Seetests. Am 24. August 2026 erreichte das Schiff Island. Nun folgen insgesamt vier reguläre Fahrten innerhalb von drei Monaten.

Hinter dem Versuch steht das europäische Forschungsprojekt WHISPER. Es untersucht, wie sich Wind- und Solarenergie nachträglich auf bestehenden Frachtschiffen nutzen lassen. Die Windtechnik stammt vom isländischen Unternehmen SideWind, die Photovoltaikmodule vom italienischen Hersteller Solbian.

Ausgediente Frachtcontainer werden zu Windgeneratoren

Für die SideWind-Anlagen werden 40-Fuß-Container verwendet, die laut Samskip nicht mehr für den normalen Gütertransport geeignet sind. Die Seitenwände werden entfernt, anschließend kommen Windturbine und Generator in den offenen Containerrahmen.

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Das Ergebnis lässt sich mit der üblichen Containerlogistik handhaben. Die Module können auf vorhandene Schiffe gebracht werden, ohne dass dafür umfangreiche Umbauten am Rumpf oder an den Aufbauten notwendig sind.

Dieser Retrofit-Ansatz ist ein wichtiger Teil des Projekts. Die Helgafell wurde 2005 gebaut und ist damit ein passender Versuchsträger. Das 137,53 m lange Schiff kann 909 Standardcontainer transportieren. Die Hauptmaschine leistet nach Angaben der Reederei Samskip 8400 kW.

Auch das Containerdach erzeugt Strom

Die Windturbinen sind nur ein Teil der Anlage. Auf den Dächern der beiden Container befinden sich speziell angepasste Solarmodule von Solbian.

Sie wurden laut Hersteller für die Form der Container und die Bedingungen auf See entwickelt. Während des Versuchs erzeugen Windturbinen und Photovoltaikanlage parallel elektrische Energie.

Ein ähnliches Prinzip verfolgt bereits ein anderes Projekt, über das ingenieur.de berichtet hat. Das Küstenschiff Vertom Tula nutzt 44 Solar-Flatracks mit insgesamt 79 kWp Leistung, die ebenfalls Strom für das Bordnetz liefern. Bei SideWind kommt nun die Windenergie hinzu.

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Windkraft aus dem Frachtcontainer: Das SideWind-System lässt sich auf bestehenden Schiffen nachrüsten und kombiniert Windturbinen mit Solarmodulen.

Der Windstrom treibt nicht direkt den Propeller an

Das unterscheidet die Anlage von vielen anderen Windtechniken für Frachtschiffe. Flettner-Rotoren und moderne Flügelsegel erzeugen aerodynamische Kräfte, die unmittelbar zum Vortrieb des Schiffes beitragen. Wie solche Systeme funktionieren, zeigt unser Überblick über Rotorsegel, Wing Sails und andere Windantriebe für Frachtschiffe.

Die SideWind-Turbinen treiben dagegen Generatoren an. Deren Strom fließt ins Bordnetz und soll den Bedarf der Hilfsmaschinen reduzieren. Samskip nennt Kühl- und Gefriercontainer als mögliche Verbraucher. Die Hauptmaschine der Helgafell treibt den Propeller weiterhin konventionell an.

Fahrtwind ist keine kostenlose Energiequelle

SideWind will vor allem den seitlich am Schiff anströmenden Wind nutzen. Bei einem fahrenden Schiff setzt sich dieser sogenannte scheinbare Wind aus dem natürlichen Wind und der Bewegung des Schiffes zusammen.

Dabei gibt es einen physikalischen Haken. Fährt ein Schiff bei Windstille durch ruhende Luft, entsteht aus Sicht des Schiffes ebenfalls ein Luftstrom. Würde eine Turbine daraus elektrische Energie gewinnen, erhöht sie gleichzeitig den aerodynamischen Widerstand. Die Hauptmaschine müsste zusätzliche Leistung aufbringen, um die Geschwindigkeit zu halten. Aus dem allein durch die Schiffsbewegung erzeugten Luftstrom lässt sich deshalb kein kostenloser Strom gewinnen.

Interessant wird das System vor allem dann, wenn natürlicher Wind einen nutzbaren Anteil am scheinbaren Wind liefert. Wie groß der elektrische Nettoertrag unter wechselnden Kursen und Wetterbedingungen tatsächlich ist, müssen die Messungen auf See zeigen.

Wie viel Leistung liefern die Windcontainer?

Ausgerechnet diese naheliegende Frage lassen die Projektpartner bislang offen. Weder Samskip noch WHISPER nennen in den aktuellen Mitteilungen die elektrische Nennleistung der beiden installierten Windturbinen. Auch für die Photovoltaikanlage auf der Helgafell wird keine installierte Leistung angegeben.

Die Seetests sollen unter anderem Daten zu Betrieb, Steuerung und Leistung des Systems liefern. Für die Bewertung der Technik werden außerdem Zuverlässigkeit und Integration in den laufenden Schiffsbetrieb eine Rolle spielen. WHISPER peilt für den Containerschiff-Demonstrator 15,3 % Kraftstoffeinsparung an. Ob die aktuelle Anlage auf der Helgafell das schafft, sollen die Seetests zeigen.

Erste Ergebnisse im September

Neben dem Stromertrag interessiert, wie zuverlässig sich das System in den normalen Schiffsbetrieb integrieren lässt. Offen ist zudem, wie sich eine größere Zahl solcher Module auf Frachtkapazität und Wirtschaftlichkeit auswirken würde. Angaben zu Kosten oder möglichen Stellplatzverlusten machen die Projektpartner bislang nicht.

Erste Betriebserfahrungen wollen sie bereits im September 2026 auf der Schifffahrtsmesse SMM in Hamburg vorstellen. Die vollständige Auswertung folgt nach Abschluss der Testkampagne.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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