12 neue 300-km/h-Züge: Virgin fordert Eurostar im Kanaltunnel heraus
Virgin plant ab 2030 bis zu 20 tägliche Verbindungen nach Paris, Brüssel und Amsterdam. Zwölf neue Alstom-Züge sollen Eurostar Konkurrenz machen.
So soll der neue Virgin-Hochgeschwindigkeitszug aussehen. Ab 2030 will der Konzern mit Alstom-Zügen durch den Kanaltunnel nach Paris, Brüssel und Amsterdam fahren und Eurostar Konkurrenz machen.
Foto: Virgin
Virgin will Eurostar Konkurrenz machen – und hat dafür nun die Züge ausgewählt. Der britische Konzern hat mit Alstom Vereinbarungen über zwölf Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ Avelia Stream geschlossen. Ab 2030 sollen sie London mit Paris, Brüssel und Amsterdam verbinden. Die Züge erreichen bis zu 300 km/h und müssen für den Einsatz auf mehreren europäischen Bahnnetzen ausgerüstet werden.
Ganz abgeschlossen ist der Kauf allerdings noch nicht. Alstom weist darauf hin, dass der Auftrag erst nach den notwendigen regulatorischen Genehmigungen und dem Abschluss der Finanzierung endgültig verbucht wird.
Dennoch wird Virgins Plan damit deutlich konkreter. Der Konzern hat inzwischen nicht nur einen Zughersteller gefunden, sondern auch Zugang zur britischen Hochgeschwindigkeitsstrecke HS1 und zum wichtigen Wartungsdepot Temple Mills im Osten Londons gesichert.
Zwölf Züge mit 7,4 MW Leistung
Virgin setzt auf eine siebenteilige Version des Alstom Avelia Stream. Ein Zug ist rund 200 m lang und wiegt nach den beim britischen Bahnregulierer Office of Rail and Road (ORR) eingereichten Unterlagen etwa 420 t. Fünf der sieben Wagen werden angetrieben. Die maximale Leistung am Rad beträgt 7,4 MW, die vorgesehene Höchstgeschwindigkeit 300 km/h.
Im Eurotunnel selbst werden die Züge dieses Tempo allerdings nicht erreichen. Dort gelten niedrigere Geschwindigkeiten. Die 300 km/h können die Fahrzeuge auf dafür ausgelegten Hochgeschwindigkeitsstrecken ausfahren.
Technisch anspruchsvoll ist vor allem der grenzüberschreitende Betrieb. Auf der Fahrt von London nach Paris, Brüssel oder Amsterdam treffen unterschiedliche Strom- und Zugsicherungssysteme aufeinander. Die Avelia-Stream-Züge sollen deshalb mit 25 kV Wechselspannung sowie 1,5 und 3 kV Gleichspannung zurechtkommen.
Auch bei der Zugsicherung müssen mehrere Systeme an Bord sein. Vorgesehen sind unter anderem ETCS, das französische TVM430 und KVB sowie ATB für die Niederlande. Solche Mehrsystemfahrzeuge sind notwendig, wenn ein Zug ohne Lokwechsel über mehrere nationale Netze fahren soll.
Welche technischen Entwicklungen die Bahnbranche derzeit außerdem beschäftigen, zeigt unser Überblick zu den Bahntrends der InnoTrans 2026.
Bis zu 20 Hin- und Rückfahrten pro Tag
Virgin will den Betrieb am 1. Oktober 2030 aufnehmen. Der britische Regulierer ORR hat bereits einen Rahmenvertrag für die Nutzung der Hochgeschwindigkeitsstrecke HS1 zwischen London St Pancras und dem Kanaltunnel vorab genehmigt.
Er erlaubt bis zu 20 tägliche Hin- und Rückfahrten zwischen London und Paris, Brüssel oder Amsterdam. Die Zugangsrechte gelten zunächst bis Ende 2040.
Nach früheren Planungen sollen davon 13 Zugpaare auf London–Paris entfallen, vier auf London–Brüssel und drei auf London–Amsterdam. Virgin spricht von knapp 7,5 Mio. zusätzlichen Sitzplätzen pro Jahr.
Dass neue Anbieter etablierte Bahnunternehmen mit eigenen Hochgeschwindigkeitszügen angreifen, ist auch in Deutschland ein Thema. FlixTrain investiert beispielsweise in 65 neue Schnellzüge und fordert damit die Deutsche Bahn im Fernverkehr heraus.
Virgin darf Eurostars Depot nutzen
Eine der schwierigsten Fragen für neue Betreiber war bislang die Wartung der Züge. Dafür gibt es in unmittelbarer Nähe der britischen Hochgeschwindigkeitsstrecke nur wenige geeignete Standorte.
Virgin hat dafür inzwischen Zugang zum Temple Mills International Depot im Osten Londons. Die Anlage wird bislang von Eurostar genutzt. Der ORR hatte den Depotzugang angeordnet; der Vertrag zwischen Eurostar und Virgin wurde Anfang September 2026 geschlossen.
Für den künftigen Konkurrenten ist das ein wichtiger Schritt. Alstom soll die zwölf Züge dort über einen Zeitraum von 30 Jahren warten.
Virgin und Alstom kennen sich bereits aus früheren Bahnprojekten. Alstom baute die Pendolino-Züge der britischen Baureihe Class 390, mit denen Virgin Trains jahrelang auf der West Coast Main Line unterwegs war.
Bei der Bekanntgabe des neuen Geschäfts am 9. Oktober erinnerte Virgin-Group-Chef Josh Bayliss an diese Zusammenarbeit: „Wir freuen uns sehr, wieder mit Alstom zusammenzuarbeiten. Uns verbindet eine lange und erfolgreiche Geschichte – besonders in Erinnerung geblieben ist die Fertigung und Wartung unserer bekannten Pendolino-Flotte in Großbritannien.“
Bayliss sieht den Vertrag als wichtigen Baustein für den geplanten Start: „Diese Vereinbarung ist ein wichtiger Schritt für unsere Pläne, grenzüberschreitende Verbindungen durch den Kanaltunnel aufzunehmen. Alstom ist ein hervorragender Partner, um aus unseren Plänen Realität werden zu lassen.“
Virgin erwartet nach eigenen Angaben, dass das Projekt mehr als 1000 Arbeitsplätze in Großbritannien und Europa unterstützt. Diese Zahl stammt allerdings vom Unternehmen selbst.
Virgin will Bahn und Flugzeug miteinander verbinden
Der Konzern verfolgt mit den Zügen noch einen zweiten Plan. Virgin prüft, wie sich die Bahnverbindungen mit dem Flugnetz von Virgin Atlantic verbinden lassen. Denkbar wäre beispielsweise, dass Fluggäste nach ihrer Landung in London mit Virgin weiter nach Frankreich oder in andere europäische Länder reisen. Umgekehrt könnten Zugreisende Anschluss an Langstreckenflüge von Virgin Atlantic erhalten.
Wie eine solche Verknüpfung konkret funktionieren würde – etwa beim Ticketing, Gepäcktransfer oder bei Anschlussgarantien –, hat Virgin bislang nicht festgelegt.
Auch beim Innenraum will das Unternehmen auf Erfahrungen aus seinen anderen Geschäftsfeldern zurückgreifen. Nach Angaben von Virgin sollen unter anderem die Lounges von Virgin Atlantic sowie Gastronomie- und Hotelkonzepte des Konzerns als Vorbild dienen.
Eurostar rüstet ebenfalls auf
Virgin trifft auf einen Konkurrenten, der seine eigene Flotte bereits modernisiert. Eurostar hat 30 neue Doppelstockzüge vom Typ Avelia Horizon bei Alstom bestellt und Optionen für weitere 20 Fahrzeuge vereinbart.
Die ersten Züge sollen 2031 ausgeliefert werden. Sie sollen ebenfalls durch den Kanaltunnel fahren und wären dort die ersten doppelstöckigen Hochgeschwindigkeitszüge.
Eurostar bleibt zudem nicht Virgins einziger möglicher Konkurrent. Trenitalia France plant ebenfalls Verbindungen zwischen Paris und London und nennt bislang 2029 als Ziel für den Betriebsstart.
Ob Virgin tatsächlich 2030 fahren kann, ist deshalb noch offen. Zugang zu HS1 und zum Depot Temple Mills sind gesichert, die zwölf Züge sind ausgewählt. Virgin benötigt aber weiterhin Zugang zum Eurotunnel und zu den Schienennetzen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden sowie die notwendigen Sicherheitszulassungen.
Quellen
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Alstom, 9. Oktober 2026:
Virgin and Alstom join forces to support the growth of cross-Channel high-speed rail
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Office of Rail and Road:
Technische Angaben zu Virgins geplantem Avelia Stream
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Office of Rail and Road:
Genehmigung der geplanten internationalen Virgin-Verbindungen über HS1
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Office of Rail and Road:
Depotzugang für Virgin zum Temple Mills International Depot
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Alstom, 22. Oktober 2025:
Eurostar bestellt 30 Avelia-Horizon-Hochgeschwindigkeitszüge
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