Ausstellung 16.04.2010, 19:46 Uhr

Verlorene Kunstwerke kehren ins Museum Folkwang zurück

Ein Highlight in diesem Jahr: „“Das schönste Museum der Welt“ – Museum Folkwang bis 1933″, so heißt die erste Sonderausstellung im neuen Folkwang-Museum in Essen. Sie zeigt Werke, die bis zur Konfiszierung durch die Nationalsozialisten im Besitz des damals weltweit bedeutendsten Museums für moderne Kunst waren und nun mit den vorhandenen Beständen des Museums kombiniert wurden.

Im Jahre 1937 konfiszierten die Nationalsozialisten aus dem Museum Folkwang in Essen, das zu dieser Zeit die umfangreichste und bedeutendste Sammlung der Moderne beheimatete, 1456 Werke als „entartet“, die später verkauft oder zerstört wurden. Andere gelten als verschollen. Für vier Monate bringt die erste, rund 350 Exponate umfassende Sonderausstellung des neuen Museums Folkwang (VDI nachrichten vom 29. 1. 10) die wichtigsten Kunstwerke, die einst zu seinem Eigentum zählten, aus aller Welt zurück an ihren ehemaligen Standort und vereint sie mit den Hauptwerken aus dem heutigen Bestand, die den Zweiten Weltkrieg überdauert hatten oder nach 1945 zurückerworben werden konnten.

Ergänzt durch Meisterstücke alter und außereuropäischer Kunst, entfaltet diese Schau eine großartige Strahlkraft und vermittelt dem Besucher einen einprägsamen Eindruck des einstigen Reichtums dieses Museums. Ermöglicht wurde sie, die einen Markstein in der 25 Jahre währenden Zusammenarbeit darstellt, durch E.on Ruhrgas als Partner des Museums Folkwang.

Der Titel der Ausstellung ist dem Sammler, Kunst- und Museumswissenschaftler Paul J. Sachs (1878-1965) zu verdanken, Professor in Harvard und 1920 Mitbegründer des Museums of Modern Art (MoMa) in New York, der bei seinem Besuch im Jahre 1932 das Museum Folkwang als „das schönste Museum der Welt“ bezeichnet hatte.

Kunstsinnige Essener hatten die ursprünglich in Hagen beheimatete Sammlung unter Mitwirkung des ansässigen Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats für 15 Mio. Mark im Jahr 1922 übernommen, wo sie mit dem von Ernst Gosebruch (1872-1953) geführten Kunstmuseum verschmolzen wurde. Da die beiden der städtischen Kunstsammlung von der Familie Goldschmidt – Eigner eines internationalen Chemieunternehmens – geschenkten Villen an der Bismarckstraße den in Umfang und Wert angewachsenen Beständen nicht mehr gerecht wurden, wurden beide Gebäude vereint und am heutigen Standort zum Museum Folkwang ausgebaut. Dort konnte sich die Sammlung in ihrer einzigartigen Vielfalt darstellen: Meisterwerke von Braque, Cézanne, Chagall, Feininger, Gauguin, van Gogh, Monet und Matisse verbanden sich mit bedeutenden Arbeiten des Expressionismus, der Neuen Sachlichkeit sowie mit Bildern der frühen abstrakten Malerei, unterstützt von Plastiken und Skulpturen der Moderne.

Die erfolgreiche Arbeit Gosebruchs, unter der das Museum Folkwang zu einem der bedeutendsten Museen der Moderne avancierte, endete jäh mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten. Ernst Gosebruch wurde zum Rücktritt gezwungen. Seine Nachfolge trat Klaus Graf von Baudissin an, unter dessen Regie das Museum im Jahre 1937 mit 1456 Kunstwerken des bedeutendsten Teils seiner Gemäldesammlung „beraubt“ wurde.

Nach den Worten des Gastkurators dieser ersten großen Sonderausstellung im neuen Gebäude ““Das schönste Museum der Welt“ Museum Folkwang bis 1933″, dem ehemaligen Leiter der Hamburger Kunsthalle, Uwe Schneede, „wird das Folkwangmuseum neu erfunden“.

Zu einem „großen Moment der Wiederentdeckung“ geriet Hartwig Fischer, der Direktor des Museums Folkwang, die Hebung des Schatzes der alten und außereuropäischen Kunst, die ab 1960 zunehmend in den Depots verschwunden war. So werden kostbare „Gaben für das Jenseits“, Skulpturen, Gefäße, Amulette und koptische Textilien aus Ägypten, islamische Kunstwerke, Keramiken und Lackarbeiten aus China und Japan, japanische Theatermasken, javanische Spielfiguren und Ozeanische Zeremonialobjekte in geheimnisvoller Aura präsentiert. Einzig die Lesbarkeit der Beschriftungen bereitet dem Museumsbesucher Mühe.

Gleichrangig zu sehen mit der Farbenpracht der Klassischen Moderne, allen voran das Gemälde „Weidende Pferde IV (Die roten Pferde)“ von Franz Marc, zu Gosebruchs Zeiten schon das „Aushängeschild“, aus dem Busch-Reisinger-Museum in Cambridge, Massachusetts, sind Paul Gauguins „Bretonische Tangsammlerinnen“, seine poetischen Südseeträume, unter anderem „Barbarische Erzählungen“ im Besitz des Essener Museums, Vincent van Goghs gold leuchtende „Die Ernte. Kornfeld mit Schnitter“, Paul Cézannes skulpturaler, erdfarbener „Steinbruch Bibémus“, den das Museum 1964 zurückerwerben konnte, ebenso wie die pointillistische „Mondnacht im Hafen von Boulogne“ von Theo van Rysselberghe und Kandinskys „Improvisation 28 (zweite Fassung)“, um nur einige der Glanzlichter der Moderne zu nennen, die von Plastiken und Skulpturen von Rodin bis Hoetger begleitet werden.

Grafiken finden sich nur vereinzelt. Dafür gibt es eine fotografische Kostbarkeit fernab aller farbenprächtigen Eindrücke mit Albert Renger-Patzschs Schwarz-Weiß-Dokumentation der Architektur und der Sammlungspräsentation des Museums um 1930, die durchaus Assoziationen zu den heutigen Räumlichkeiten zulässt. Diese Fotopräsentation ist als Reminiszenz an den großen Fotokünstler der Neuen Sachlichkeit, besonders mit seiner herausragenden Industriefotografie – auch der Zeche Zollverein –, zu verstehen, der in enger Verbindung zum Museum Folkwang stand. Die Fotografien stehen stellvertretend für die bedeutende Fotosammlung des Hauses, die seit 1979 aufgebaut wurde.

Eine große weiße Wand zum Schluss der Ausstellung mit allen namentlich genannten Künstlern und Künstlerinnen, deren Werke im Jahre 1937 aus dem Museum Folkwang beschlagnahmt wurden, entlässt den Besucher betroffen und nachdenklich. Denn berauscht von all der Farbenpracht und dem Glanz geriet die Kunstbarbarei der Nationalsozialisten fast außer Acht, und damit erfüllt sich der „Vereinigungsgedanke“ der Kuratoren für die nächsten vier Monate.

ECKART PASCHE

Von Eckart Pasche

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