Ausstellung 29.04.2011, 19:53 Uhr

Geschichte geschrieben

Die Ausstellung „Vom Gänsekiel zum iPad – Schreibwerkzeuge im Wandel der Zeit“ im Sächsischen Industriemuseum in Chemnitz stellt die Geschichte des Kulturguts Schreiben anhand der Entwicklung von Schreibwerkzeugen, Schreibmedium und Tinte dar und lenkt den Blick auf die Entwicklung in der Region.

Anlass für die Ausstellung ist der 175. Geburtstag der TU Chemnitz. Dies hat das Sächsische Industriemuseum Chemnitz veranlasst, der Frage nachzugehen, wie die Studenten einst schrieben und wie sie heute in den Vorlesungen mitschreiben. „Eine gute Handschrift ist immer noch eine gute Visitenkarte“, betonte Museumsdirektor Jörg Feldkamp bei der Eröffnung. Er bedauert, dass Bewerbungen heute keine handschriftlichen Lebensläufe mehr enthalten. „Noch können wir schreiben, aber es wird uns von der Technik abgewöhnt. Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt.“

Im Rahmen einer klösterlichen Bildungsreform unter Karl dem Großen – selbst Analphabet – lernten viele Mönche Lesen und Schreiben, und sie wurden dazu verpflichtet, Handschriften systematisch zu sammeln und Bücher zu kopieren. Letzteres hatte erheblichen Einfluss auf die Schrift: Die Einführung einer vereinfachten einheitlichen Schriftart – der karolingischen Minuskel – erleichterte das Lesen und Schreiben.

Mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg in der Mitte des 15. Jahrhunderts entfiel das mühsame Kopieren von Hand. Aber die Verbreitung des Papiers als neues Schreibmedium wurde beschleunigt. „Als die ersten Zöglinge an der Königlichen Gewerbeschule begannen, schrieben sie noch auf Papier, das aus Hadern, aus Baumwoll- und Leinenlumpen bestand“, erläutert Rita Müller, die Kuratorin der Ausstellung. „Mit der Industrialisierung und dem zunehmenden Bedarf an Papier wurde dieser Rohstoff knapp.“

Die Suche nach einem Ersatzstoff begann, um Papier billiger und in größeren Mengen produzieren zu können. Friedrich Gottlob Keller aus Hainichen gelang es, ein entsprechendes Verfahren zu entwickeln. Anfang 1844 baute er seinen ersten Holzschleifer. Den Holzschliff mischte er mit Fichtenrindenbast. Müller erinnert: „Im Oktober 1845 erschien eine Teilauflage des ,Intelligenz- und Wochenblatts für Frankenberg mit Sachsenburg und Umgebung’ auf seinem Papier – der weltweit erste Druck auf Holzschliffpapier. Keller legte damit den Grundstein für die Entwicklung der polygrafischen Industrie und des modernen Zeitungswesens.“

Nach Recherchen des Dresdner Sammlers Hagen Kreisch wurden um 1800 allein in Deutschland jährlich 50 Mio. Gänsekiele gebraucht. „Das heißt, täglich mussten 13 700 Gänse ihre Federn lassen. Denn es konnten immer nur fünf Federn vom rechten und fünf vom linken Flügel verwendet werden“, so Kreisch. 1803 wurde die Stahlfeder erfunden. Die erste Fabrik entstand in Birmingham. Die Gebr. Nevoigt, spätere Begründer der Diamant-Fahrradwerke, nahmen 1889 in Reichenbrand bei Chemnitz ihre Schreibfederproduktion auf.

Bald wurden weltweit mindestens zehntausend Modelle von Stahlfedern hergestellt. Es gab sie in Längen von 4 mm bis zu 14 cm. Es existierten Federn für unterschiedliche Schriften, für Skizzen und Karten und sogar solche „für Korrespondenz auf dünnem Papier oder für Linkshänder“, hebt Rita Müller hervor. Manche Federn waren regelrechte Kunstwerke, so trugen sie beispielsweise im Relief das Porträt einer bekannten Persönlichkeit.

Zum Schreiben mit der Stahlfeder gehörte ein Federhalter. Dieser wurde aus diversen Materialien gefertigt: Die preiswerten Ausführungen bestanden aus Holz, Knochen, Kork, schwarzem Hartgummi (seit 1853 von Goodyear in England hergestellt) und später aus Plastik – häufig schon mit Reklame. Die teuren Modelle waren aus Nussbaum, Rohr, Horn, Ebenholz, Perlmutt, Elfenbein, Gold, Silber, Glas, Porzellan oder Celluloid gefertigt.

Nach der Stahlfeder brachte die Erfindung des Tintenleiters durch den Amerikaner Lewis E. Waterman den Durchbruch bei der Entwicklung des Füllfederhalters. Sein weltberühmter „Waterman Ideal Fountain Pen“ enthielt einen Tintenbehälter und einen Tintenleiter, der so viel Tinte in die Feder einfließen ließ, wie Luft in den Tank eindrang. Dieses neue System ermöglichte es endlich, ohne Unterbrechungen und gleichmäßig zu schreiben.

Doch „was wären Gänsekiele, Schreibfedern, Füllfederhalter usw. ohne die entscheidende Flüssigkeit, die ihren Einsatz, ihre Funktionsfähigkeit erst möglich macht?“, fragt Jutta Aurich, Archivarin beim Stadtarchiv Chemnitz, das zahlreiche Exponate zur Ausstellung beisteuert.

„Tinte macht es uns erst möglich, unsere Gedanken zu Papier zu bringen“, fährt sie fort, „ob nun mit Gänsefedern oder mit teurem Markenfüllhalter. Ihre Herstellung war lange Zeit das Privileg Weniger.“ Im Jahr 1856 kaufte der Chemiker und Apotheker Eduard Leopold Beyer die Löwenapotheke in der Chemnitzer Klosterstraße. Bereits im Jahr seiner Niederlassung gelang ihm die Herstellung der ersten brauchbaren deutschen Blauholz-Kopiertinte, die nach einer zeitgenössischen Beschreibung „…in angenehm röthlicher Farbe aus der Feder floss, bald in Schwarzblau überging und eine dunkel veilchenblaue Copie lieferte, während die Originalschrift in tiefes Schwarzblau überging“. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Siegeszug des Kugelschreibers, der im Englischen den Namen biro trägt – nach seinem Erfinder, dem Ungarn Lászlo Biró. Das Problem des Klecksens bekam der Franzose Marcel Bich in den Griff. Unter dem Namen BIC läutete er 1950 das Zeitalter des Kulis als Massenprodukt ein.

Die Einführung der Schreibmaschine revolutionierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Arbeit in den Büros. Seit den 1930er-Jahren versuchten die Schreibmaschinenhersteller, auch die Studenten für ihr modernes Schreibgerät zu begeistern: „Hinweg mit Tint’ und Feder, mit ,Erika’ schreibt jeder!“ Doch schon nach einer Lebensdauer von nur knapp 100 Jahren wurde die Schreibmaschine zu Beginn des Jahres 2003 aus dem Verbraucherpreisindex gestrichen, nachdem der Personal Computer sie fast vollständig verdrängt hatte, dem nun das gleiche Schicksal durch den iPad droht? ECKART PASCHE

Ein Beitrag von:

  • Eckart Pasche

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