Gehalt 03.08.2015, 00:00 Uhr

Die Gefahr der Berufsunfähigkeit

Im Schnitt wird jeder vierte Berufstätige infolge eines Unfalls oder einer Krankheit vor Erreichen des Rentenalters berufsunfähig. Insbesondere das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben aufgrund psychischer Erkrankungen hat stark zugenommen (42 Prozent aller gesetzlichen Erwerbsminderungsrenten im Jahr 2013 beruhen auf psychischen Erkrankungen). Da die staatlichen Leistungen im Falle des Arbeitskraftverlustes zum einen nur schwer zu erhalten sind und zum anderen den finanziellen Verlust bei weitem nicht abdecken, ist eine private Vorsorge mit einer privaten Berufsunfähigkeitsversicherung für die meisten existentiell.

Eine Absicherung durch eine private Berufsunfähigkeitsversicherung ist notwendig.

Eine Absicherung durch eine private Berufsunfähigkeitsversicherung ist notwendig.

Foto: panthermedia.net/ridofranz

Den rund 42 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland stehen gerade einmal 3,6 Millionen reine Berufsunfähigkeitsversicherungen gegenüber (und 13,3 Millionen Zusatzpolicen, gekoppelt beispielsweise an eine Kapitallebensversicherung). Die Gründe für die unzureichende Absicherung gegen die Gefahr der Berufsunfähigkeit sind vielfältig. Häufig ist aus gesundheitlichen oder altersbedingten Gründen der Abschluss einer bezahlbaren Berufsunfähigkeitsversicherung nicht möglich. Gerade junge Menschen, die in das Berufsleben einsteigen, haben die Gefahr einer Berufsunfähigkeit nicht vor Augen geschweige denn beschäftigen sich mit der potentiellen Möglichkeit, krankheits- oder unfallbedingt vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden zu müssen.

Was leistet der Staat?

Echten Berufsunfähigkeitsschutz aus der gesetzlichen Rentenversicherung genießen nur noch Versicherte, die vor dem 2. Januar 1961 geboren wurden (§ 240 Sozialgesetzbuch VI). Alle anderen erhalten als staatliche Hilfe lediglich eine Erwerbsminderungsrente. Die volle Erwerbsminderungsrente erhält, wer auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt auf nicht absehbare Zeit weniger als drei Stunden täglich irgendeiner Arbeit nachgehen könnte. Wer noch zwischen drei und sechs Stunden täglich arbeiten kann, erhält eine teilweise Erwerbsminderungsrente. Ein Bauingenieur etwa, der noch sieben Stunden täglich als Pförtner arbeiten kann, erhält keinerlei staatliche Rente. Zudem liegt die durchschnittliche Erwerbsminderungsrente bei 613 Euro (Quelle Deutsche Rentenversicherung). Dieser Betrag kann im Leistungsfall den finanziellen Ausfall nicht decken, sodass eine private Vorsorge unumgänglich ist.

Sonderfall Ingenieure?

Ingenieure sind zum Teil in berufsständischen Versorgungswerken rentenversichert und erhalten darüber auch bei Berufsunfähigkeit eine Rente. So sind etwa Mitglieder der Ingenieurkammer-Bau NRW im Versorgungswerk der Architektenkammer NRW. Allerdings ist der Schutz der Versorgungswerke unzureichend.

In § 11 der Satzung der Architektenkammer NRW heißt es: „Jedes Mitglied des Versorgungswerks, das infolge eines körperlichen Gebrechens oder wegen Schwäche seiner körperlichen oder geistigen Kräfte dauerhaft zur Ausübung der Berufsaufgaben des Architekten bzw. des Ingenieurs unfähig ist (Berufsunfähigkeit) und aus diesem Grund seine Tätigkeit als Architekt bzw. Ingenieur eingestellt hat, hat Anspruch auf Berufsunfähigkeitsrente, sofern dieses Mitglied vor Eintritt der Berufsunfähigkeit mindestens eine monatliche Versorgungsabgabe entrichtet hat.“

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass der Berufsunfähigkeitsbegriff der Versorgungswerke zum einen nicht an die individuelle berufliche Tätigkeit anknüpft. Zum anderen erfolgt eine Rentenzahlung erst bei 100-prozentiger Berufsunfähigkeit. Zudem muss, um eine Rente zu beziehen, die Tätigkeit vollständig eingestellt werden.

Absicherung durch private Berufsunfähigkeitsversicherung notwendig

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass selbst bei Mitgliedschaft in einem Versorgungswerk eine zusätzliche private Vorsorge äußerst wichtig ist. Eine umfassende Absicherung bietet einzig und allein eine private Berufsunfähigkeitsversicherung.

Die Beiträge einer Berufsunfähigkeitsversicherung sind abhängig vom Eintrittsalter, Gesundheitszustand und vor allem vom ausgeübten Beruf und dessen Risikoeinstufung durch den Versicherer. Allgemein gilt, dass Ingenieure als Akademiker von den Versicherern in einer günstigen Berufsgruppe eingestuft werden. Damit ist grundsätzlich mit vergleichsweise günstigen Beiträgen zu rechnen. Als Rentenhöhe sollte idealerweise 2/3 bis 3/4 des Nettoeinkommens vereinbart sein.

In der Regel leisten die Versicherer bereits ab einer Berufsunfähigkeit in Höhe von 50 Prozent. Idealerweise erfolgt die Rentenzahlung, wenn der Versicherte aus gesundheitlichen Gründen ununterbrochen für voraussichtlich sechs Monate außerstande sind, seinem zuletzt ausgeübten Beruf nachzugehen.

Zudem sollte darauf geachtet werden, dass keine sogenannte abstrakte Verweisung vereinbart ist. Abstrakte Verweisung bedeutet, dass der Versicherer nicht zu leisten braucht, wenn der Versicherte aus medizinischen Gründen aufgrund der Ausbildung und Fähigkeiten theoretisch noch eine andere Tätigkeit ausüben könnte, die der bisherigen Lebensstellung entspricht.

Es gibt noch zahlreiche weitere wichtige Kriterien, die in guten Bedingungen enthalten sein sollten. In Stichworten sind dies:

  • Sechs-Monats-Prognose 
  • Rückwirkende Leistungen in den ersten sechs Monaten 
  • Rückwirkende Leistung für mindestens drei Jahre 
  • Nachversicherungsgarantie 
  • Dynamisierung 

Stolpersteine auf dem Weg zum Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung

Es existieren circa 50 Anbieter am Markt, die jeweils mehrere Tarife mit unterschiedlichen Bedingungen und Leistungen anbieten. Hier den Überblick zu behalten, ist ohne professionelle Hilfe kaum machbar.

Vorerkrankungen: Die Zahl der Menschen, die Vorerkrankungen haben, steigt Jahr für Jahr an. Auch bereits junge Menschen sind betroffen. Der Zugang zur Berufsunfähigkeitsversicherung ist für Menschen mit Vorerkrankungen bestenfalls mit Risikoausschlüssen oder -zuschlägen möglich, überwiegend aber ganz verwehrt. Deshalb ist es wichtig, bereits in jungen Jahren, idealerweise schon mit Beginn der Ausbildung, spätestens aber beim Berufseinstieg mit einer privaten Berufsunfähigkeitsversicherung vorzusorgen.

Gefährliche Hobbys: Bestimmte Hobbys führen mindestens zu einem Beitragszuschlag. So kann etwa die Ausübung von Bergsport zu einem 50 %-igen Zuschlag führen.

Gesundheitsfragen/vorvertragliche Anzeigepflichtverletzung: Die vor Abschluss des Vertrages gestellten Gesundheitsfragen werden regelmäßig nicht vollständig vom Antragsteller beantwortet. Aufgrund der Fragestellungen sowie optischen Gestaltung des gesamten Fragebogens kann der Verbraucher nicht einschätzen, in welcher Tiefe er die Fragen beantworten muss. Eine Obliegenheitsverletzung ist mehr oder weniger vorprogrammiert und kann schlimmstenfalls zur Anfechtung des Vertrages führen.

Patientenakten: Im Versicherungsfall erfolgt regelmäßig eine Einsichtnahme in die Patientenakten der behandelnden Ärzte. Sofern der Versicherungsnehmer nicht vor Vertragsschluss Einsicht nimmt, wird er später im Leistungsfall keine Chance mehr haben, eine dort aufgeführte Diagnose zu widerlegen. Der Arzt wird im Gerichtsverfahren regelmäßig aussagen, dass er die jeweils in den Patientenakten aufgeführten Diagnosen den Patienten auch mitteilt.

Vorvertragliche Anzeigepflichtverletzung: Vor dem geschilderten Hintergrund verweigert der Versicherer im Leistungsfall häufig zunächst die Leistung unter Berufung auf eine vorvertragliche Anzeigepflichtverletzung oder wendet gar Arglist ein.

Rentenhöhe: Ein weiteres Problem ist die unzureichende Rentenhöhe. Die durchschnittliche Monatsrente beträgt 771 Euro. Wird bei der Berufsunfähigkeit eine Rentenhöhe unterhalb des Grundsicherungsniveaus gewählt, werden die Leistungen aus der Berufsunfähigkeitsrente auf mögliche Sozialleistungen des Staates voll angerechnet. Dies ist vielen Verbrauchern allerdings nicht bewusst. Sie gehen davon aus, dass eine geringe Berufsunfähigkeitsrente immer noch besser ist als gar keine.

http://www.vz-nrw.de

 

Von Rita Reichard, Referentin für Versicherungen der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen Tags: , ,

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