Karrierestrategie 28.07.2016, 00:00 Uhr

Arbeiten in der Schweiz

Jahr für Jahr strömen Zehntausende Deutsche zu den Eidgenossen. Firmen locken mit hohen Gehältern und guten Karriereaussichten. Besonders Ingenieure sind heiß begehrt. Auch Bewerber, die sich in der Heimat schwertun, haben gute Chancen.

Grüezi! Die Schweiz bietet gute Karrierechancen.

Grüezi! Die Schweiz bietet gute Karrierechancen.

Foto: panthermedia.net/eabff

So läuft Recruiting in der Schweiz

„Schweizer Firmen sind im Recruiting pragmatischer als deutsche“, sagt Yassine Douar, Vorstandsmitglied im Schweizerisch-Deutschen Wirtschaftsklub. So fallen hierzulande viele Bewerber aufgrund kleiner „Unebenheiten“ im Lebenslauf durchs Raster. In der Schweiz bekommen sie eine Chance. Weil Karrierebrüche dort eher akzeptiert werden. „Passt ein Kandidat nicht zu 100 % oder, aber zu 90 %, ist er nicht aus dem Rennen“, erklärt Douar. Schon beim Sichten der Unterlagen überlege der Personaler: Wie können wir den Kandidaten für uns gewinnen und weiterentwickeln.

„Wenn die Qualifikationen stimmen, wird die Nationalität zur Nebensache“, schließt sich Panthea Sayah, Kommunikationschefin bei Starmind International, an. Das IT-Unternehmen beschäftigt Ingenieure aus vier verschiedenen Ländern. Darunter Belgier, Deutsche und Italiener. Laut Douar ein gängiger Mitarbeitermix. Denn in der Schweiz herrsche wie in Deutschland ein Mangel an Fachkräften. Insbesondere in Technik, Informatik, Bauwirtschaft und Medizin. Ein Grund: „Es gibt zu wenige Universitätsabsolventen“, so Ralf Bopp, Geschäftsführer der Deutschen Außenhandelskammer (AHK) in Zürich. 15 000 Ingenieure fehlen. Das sagt eine Studie von Swiss Engineering. Deshalb sind Schweizer Firmen auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Fast jeder vierte Einwohner ist kein Eidgenosse.

Länderübergreifende Zusammenarbeit

So auch Boris Langer. Er ist einer von 300 000 Deutschen, die im Nachbarland leben und arbeiten. Über die Hälfte davon sind hoch qualifiziert, ein Großteil Ingenieure. 40 000 weitere sind sogenannte Grenzgänger.

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Sie pendeln täglich zwischen den Nationen. Bis 2012 war der studierte Informatiker in Frankfurt bei einem Zulieferer für die Luftfahrt tätig. Dann wollte er etwas anderes ausprobieren. Dass der 39-Jährige schließlich beim Software-Entwickler Zühlke in Schlieren nahe Zürich landete, war Zufall. Beworben hatte er sich nicht. Stattdessen wurde ein Headhunter auf ihn aufmerksam. Heute ist Langer Abteilungsleiter der medizinischen Gerätesoftware-Entwicklung. „Deutschland ist für viele Schweizer Firmen ein wichtiges Exportziel“, erklärt Douar das Vorgehen. Deshalb seien Fachkräfte aus der Bundesrepublik beliebt. „Gegenüber anderen Europäern haben sie außerdem einen Sprachvorteil“, führt Bopp aus.

Das Jungunternehmen Starmind nutzt die unterschiedlichen Kultur- und Sprachkenntnisse der Mitarbeiter. Internationale Expertise erleichtert den Kundenkontakt und hilft, zielgerichtet zu verhandeln. Sayah, die persische Wurzeln hat und selbst sieben Sprachen spricht: „Die Mitarbeiter kennen den Heimatmarkt und wissen, wie ihre Landsleute ticken.“ Mit einer selbstlernenden Software will der IT-Betrieb den Wissensaustausch in Großunternehmen revolutionieren. „Und so länderübergreifende Zusammenarbeit stärken“, erklärt Sayah. Das Programm vernetzt weltweit Firmenexperten, so wird kollektives Wissen gehoben und per „Kollegengoogeln“ zugänglich.

Das hohe Gehalt und No-Go

„Im ersten Moment wirkt natürlich das deutlich höhere Gehalt anziehend“, gibt Zühlke-Ingenieur Langer zu. Mindestens um ein Drittel liegen die Schweizer Löhne über den deutschen. AHK-Mann Bopp schmunzelt: „Das relativiert sich, sobald ein Ausflug in den Supermarkt ansteht.“ Grund: Eine 250 g-Packung Butter kostet umgerechnet knapp 3 €. Wochenarbeitszeit und Urlaubsanspruch seien ähnlich wie zu Hause. Für Langer, der parallel ein Angebot aus Hamburg auf dem Tisch hatte, gab die Mentalität den Ausschlag. „Ich hatte das Gefühl, die Menschen gehen hier vorsichtiger miteinander um, das hat mir gefallen“, berichtet er. Es gebe keine Entscheidungen von oben herab. So habe das 30 Mitarbeiter umfassende Team mitentschieden, wer ihr neuer Abteilungschef wird. „Verbaler Druck ist hier ein No-Go“, weiß der Exil-Deutsche. Eine direkte Art komme nicht gut an. „Schweizer sprechen viel im Konjunktiv“, erklärt er weiter. Kritik äußern Eidgenossen sehr vorsichtig.

Arbeitsvertrag und Aufenthaltsgenehmigung

Als EU-Bürger reicht ein Arbeitsvertrag aus, um beim Amt eine befristete Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen. Nach fünf Jahren folgt die unbefristete Niederlassungsbewilligung. Trotzdem müssen sich Deutsche im Klaren sein: „Wir sind hier Ausländer“, so Langer. Die Schweiz sei nicht der kleine Bruder Deutschlands. Am Schreibtisch sei das weniger zu spüren, als etwa morgens beim Bäcker. „Die deutsche Floskel ‚Ich bekomme‘ ist hier verhasst“, gibt der Vater zweier Kinder ein Beispiel. Stattdessen möchten Verkäufer „Könnte ich bitte …“ oder „Würden Sie“ hören.

Trotzdem fühlt sich die Familie wohl in der Wahlheimat: „Der Wunsch zurückzukehren, wird mit jedem Jahr kleiner.“ Doch nicht jedem Deutschen geht es so. Allein in der ersten Hälfte vergangenen Jahres sind laut Schweizer Staatssekretariat für Migration 7000 Deutsche in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Nach einer Studie der Wirtschaftsuniversität Wien und der Universität St. Gallen fühlte sich ein großer Teil der Auswanderer bei Schweizern nicht willkommen.

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Von Michael Sudahl

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