27.08.2014, 10:23 Uhr | 0 |

Deutung der Mimik verkümmert Smartphones lassen Menschen emotional abstumpfen

Wer zu viel Zeit mit dem Smartphone verbringt und Gefühle lieber per Emoticon :-( vermittelt, kann irgendwann die wahren Emotionen seiner Mitmenschen am Gesichtsausdruck schlechter ablesen. Das fanden US-Wissenschaftler im Test mit 100 Schülern heraus. Die gute Nachricht: Mit einer E-Diät lässt sich das Problem beheben. 

Facebook, Twitter, GMail und Co.: Smartphones lassen Menschen in Sekundenschnelle wissen, was es bei ihren Freunden Neues gibt. Doch stehen sie ihnen dann live gegenüber, haben sie vielleicht schon verlernt, das detaillierte Gestenspiel zu deuten, das tatsächliche Emotionen verrät. Dieses Defizit an sozialer Kompetenz droht zumindest bei übermäßigem Smartphone-Konsum, fanden jetzt Wissenschaftler der University of California heraus.

E-Diät kann die verlorenen Fähigkeiten wieder stärken

Vor der Erkenntnis der US-Wissenschaftler stand ein Versuch, bei dem 100 Schüler emotionale Regungen in Bild- und Videomaterial deuteten. Die nächsten fünf Tage lebten sie in zwei gleich großen Gruppen ganz unterschiedlich: Eine Gruppe blieb mit Smartphones ausgestattet, die andere verbrachte die Zeit in einem Camp – ganz ohne Elektronik.

Drei Jugendliche springen am 19.07.2014 in den Schluchsee (Baden-Württemberg). Foto: Patrick Seeger/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Im Experiment der Wissenschaftler verbrachte eine Kontrollgruppe fünf Tage in einem Camp. Sie gewann in dieser Zeit ihre Fähigkeit zurück, Emotionen deuten zu können. 

Foto: dpa/Patrick Seeger

Anschließend sollten alle 100 Sechstklässler erneut Emotionen deuten. Das Ergebnis: Die Elektrogruppe hatte nach wie vor eine hohe Fehlerquote, die Naturgruppe verbesserte ihre Quote hingegen von 14 auf neun Fehler.

Emoticons werden Vielfalt der menschlichen Mimik nicht gerecht

Bei Dauernutzern der Smartphones leidet besonders die Fähigkeit, Emotionen der Mitmenschen am Gesichtsausdruck zu erkennen. „Die Mimik ist der wichtigste Übermittler von Emotionen, deshalb scannt das menschliche Gehirn seine Umgebung auch ständig nach Gesichtern ab“, sagte Dirk Eilert, Leiter der Berliner Eilert-Akademie für emotionale Intelligenz, gegenüber pressetext. „In einer nonverbalen Kommunikation, wie etwa per Mail, aber auch in Videospielen, fehlt diese Auskunft.“ Smileys mit verschiedenen Gesichtsausdrücken in der E-Mail – die sogenannten Emoticons – seien nur ein schwacher Ersatz für sichtbare Gefühlsregungen, da sie der Vielfalt der Mimik nicht gerecht würden.

Der Schlüssel zu diesem Phänomen liegt in der Struktur des Gehirns

Das Denkorgan baut nicht nur ein Leben lang neue Nervenverbindungen auf – wenig genutzte Synapsen verschwinden auch wieder. „Deshalb kann ein Mensch soziale Fähigkeiten, wie etwa das richtige Deuten von visuellen emotionalen Reaktionen, verlernen“, sagt Eilert. Im Klartext: Der Mensch braucht ständige Face-to-Face-Kommunikation, um ein soziales Wesen zu bleiben. Der Trend, diese durch Elektronik zu ersetzen, wirkt dem entgegen. „Viele Menschen sehen nur die scheinbaren Vorteile der digitalen Medien in der Erziehung, aber nicht die Kosten“, sagt Patricia Greenfield, Autorin der Studie.

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Von Patrick Schroeder
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