25.11.2016, 14:11 Uhr | 0 |

Wie viel Uhr ist es? Totgesagte ticken länger: Die Zeitansage gibt es immer noch

Wie bitte, die Zeitansage gibt es noch? Ja, trotz Smartphones, Internet und Funkuhren gehen täglich noch Hunderte von Anrufen bei der Zeitansage der Telekom ein. Hochkonjunktur hat der Service an Silvester und zur Zeitumstellung. Das Muster der Ansage ist seit langem unverändert, dafür wechselte sich die verwendete Technik im Laufe der Jahrzehnte. 

Zeitansage 1937 in Großbritannien
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Zeitansage 1937 in Großbritannien: Das Fräulein vom Amt sah beim Wunsch der Zeitansage auf die Uhr und gab die Zeit durch.

Foto: Wikimedia/By ETC Corp/CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6191266

„Beim nächsten Ton ist es 10 Uhr 13 Minuten und 40 Sekunden. PIEP.“ Generationen von Deutschen ist dieser Satz vertraut. Jedenfalls den älteren, die noch vor der Smartphone-Ära erwachsen geworden sind. Jahrelang galt: Wer die genaue Uhrzeit wissen wollte, griff zum Telefon, wählte die Nummer der Zeitansage und konnte dann die stets vorauseilende Küchenuhr, sein stehengebliebenes Analog-Zeiteisen oder den antiken Trümmer mit dem schwerfälligen Pendel im Wohnzimmer neu stellen.

Zeitweise die meistgewählte Nummer Deutschlands

Die Stimme vom Band gehörte für die Menschen jahrzehntelang zum Alltag: 600.000 Anrufe pro Tag verzeichnete die Deutsche Bundespost unter der Nummer 119, die von den 1960-ern bis in die 1980-er Jahre die Rufnummer der Ansage war. Damit war sie die meistgewählte Telefonnummer Deutschlands. Für den regulären Ortstarif bekam man damals Gewissheit über die exakte Uhrzeit.

Heute wirkt die automatische Zeitansage antiquiert – in den meisten Fällen genügt ein Blick auf den Funkwecker, das Smartphone oder die Computer-Uhr, die sich in der Regel von selbst umstellen. Diese Geräte beziehen die aktuelle Uhrzeit von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) [externer Link: http://www.ptb.de/cms/] in Braunschweig, die unter anderem mit der technischen Verbreitung der gesetzlichen Zeit beauftragt ist. Bei der PTB laufen die genauesten Atomuhren Deutschlands.

Notfalls hilft auch ein Besuch auf einer einschlägigen Internetseite wie zum Beispiel von Uhrzeit.org.

20 Cent für die genaue Zeit

Doch wie so oft gilt: Totgesagte ticken länger. Noch immer gibt es den Dienst der automatischen Zeitansage, weiterhin bereitgestellt von der Telekom als Nachfahrin der Deutschen Bundespost. Nach einigem Nummern-Hin-und-Her ist der Dienst seit Anfang 2005 unter der Nummer 0180 4 100 100 erreichbar. 20 Cent kostet ein Anruf aus dem Deutschen Festnetz, wer mobil telefoniert, zahlt bis zu 42 Cent pro Minute.

Das Muster der Ansage ist dabei immer gleich. Eine Frauenstimme begrüßt den Anrufer, nennt das Datum und die Uhrzeit und wiederholt danach alle zehn Sekunden die aktualisierte Uhrzeit. Nach zwei Minuten wird die Ansage mit einem Dank für den Anruf automatisch beendet. Wer auf die Begrüßung, Datum und Telekom-Jingle verzichten kann und per Flatrate telefoniert, bekommt die Uhrzeit unter der Hamburger Nummer 040 428990 sogar zum Nulltarif. 

Durchschnittlich 1000 Nutzer pro Tag

Der Dienst wird nicht nur aus nostalgischen Gründen beibehalten, sondern tatsächlich genutzt. Wie viele Menschen täglich dort anrufen, gibt die Telekom nicht preis, Schätzungen gehen aber von durchschnittlich 1000 aus. Vor allem zur Zeitumstellung im Frühjahr und Herbst sind laut Telekom besonders viele Anrufe zu verzeichnen, ebenso wie an Silvester, wenn das Jahr so pünktlich wie möglich begrüßt werden soll.

Dass die Zeit von einer Stimme angesagt wird, die automatisiert vom Band kommt, war nicht immer so. Ganz am Anfang, im Sommer 1909, gab es in der Sternwarte Hamburg einen Mechanismus, der die von einer extrem präzisen astronomischen Pendeluhr der Sternwarte telefonisch per Klangzeichen übermittelte. Ein Signal zeigte volle Minuten, ein anderes Fünf-Minuten-Schritte an. Wer allerdings so gar keine Ahnung hatte, wie spät es ungefähr war, konnte damit natürlich auch nichts anfangen.

Das Fräulein vom Amt sagte die genaue Zeit durch

Eine Lösung: Die Beamtinnen von der Handvermittlung sagten den Anrufern, die für zehn Pfennig unter der Hamburger Nummer 44441 anriefen, die genaue Uhrzeit, die sie einfach von einer exakt gehenden Wanduhr ablasen. Personalintensiv, wie das war, gab es bald neue Versuche, eine automatischen Ansage zu etablieren.

Den Vorreiter machte Frankreich: Die erste reguläre automatische Zeitansage per Sprache wurde im Februar 1933 im Pariser Observatorium – ebenfalls einer Sternwarte – in Betrieb genommen. Sie funktionierte nach dem Lichttonverfahren, das damals auch im Kino verwendet wurde. Drei Spurensätze hatten die volle Stunde, die volle Minute und die Sekunden in Zehnerschritten aufgezeichnet. Berührungslos bei konstanter Temperatur und gleichbleibendem Luftdruck abgetastet, wurde die Uhrzeit den Anrufern sehr präzise übermittelt. Allein: Die Kapaziät von 20000 Anrufen pro Tag reichte bei Weitem nicht.

ARCHIV - Am Zeitmessplatz der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig wird am 22.12.1973 die Schaltsekunde geprobt. Das linke Ziffernblatt zeigt die Mittelreuropäische Zeit (MEZ), das rechte die Atomzeit, die noch um eine Stunde und 12 Sekunden gegenüber der in Deutschland gebräuchlichen Zeit differiert. Foto: Wolfgang Weihs/dpa (zu dpa Themenpaket "Zeitumstellung", "Zeitgeschichten - Was Sie schon immer über Uhren wissen wollten" vom 26.10.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Am Zeitmessplatz der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig wird am 22.12.1973 die Schaltsekunde geprobt. Das linke Ziffernblatt zeigt die Mittelreuropäische Zeit (MEZ), das rechte die Atomzeit, die noch um eine Stunde und 12 Sekunden gegenüber der in Deutschland gebräuchlichen Zeit differiert.

Foto: Wolfgang Weihs/dpa

Bandansage hielt 1937 Einzug in Deutschland

Deutschland zog wenig später nach: Seit 1935 gab es Versuche mit einer von der Siemens & Halske A. G. in Nürnberg entwickelten Maschine, die ähnlich wie die französische Schwester verschiedene Spuren mit Stunden und Minuten nutzte. Sekundenansagen gab es nicht, dafür aber eine exakte Markierung der vollen Minute.

Ab November 1937 ersetzte sie das Fräulein vom Amt komplett und war fortan unter der Nummer 03 in Hamburg erreichbar. Weitere Schritte waren der Wechsel zu Magnetbandgeräten in den 1960-ern und im folgenden Jahrzehnt zu Magnetplattensystemen mit mehreren Tonarmen.

Heute sind Computer im Einsatz, die immer genau wissen, was die Uhr geschlagen hat. Die sind bei stets gleichbleibender Freundlichkeit auf jeden Fall zuverlässiger als die Kirchturmuhr nebenan oder der Beginn der Tagesschau – je nach Übertragungstechnik kann es beim Fernsehsignal zu Verzögerungen von mehreren Sekunden kommen.

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Von Judith Bexten
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