24.05.2017, 14:05 Uhr | 0 |

US-Klage gegen Fiat Nach der Razzia bei Daimler: Ist der Diesel noch zu retten?

Es ist gerade eine Woche her, dass sich Volvo vom Diesel verabschiedet hat, da durchsuchen Staatsanwälte den Daimler-Konzern wegen möglicher Betrügereien im Zusammenhang mit Dieselmotoren. Und Fiat hat eine Klage der US-Behörden wegen seiner Dieselmanipulationen am Hals, die den Konzern viel Geld kosten könnte. Bad News für den Diesel.

Daimler-Chef Dieter Zetsche mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann
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Daimler-Chef Dieter Zetsche (l.) mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Konzeptautos F125 auf der IAA: Sieben Daimler-Standorte wurden von Staatsanwälten durchsucht. Der Hersteller steht ebenfalls im Verdacht, bei Dieselabgaswerten manipuliert zu haben.

Foto: Marijan Murat/dpa

Daimler-Chef Dieter Zetsche dürfte genauso überrascht von der Razzia gewesen sein wie Audi-Chef Rupert Stadler, der Mitte März gerade auf dem Podium der Bilanzpressekonferenz in Ingolstadt saß, als die Staatsanwaltschaft die Büros der Vorstandsetage durchsuchte. Einen Tag nach der Grundsteinlegung für eine neue Batteriefabrik in Kamenz wurde auch Daimler durchsucht.

Der Anlass war der selbe: Nach VW und Audi steht nun auch Daimler im Verdacht, die Abgaswerte seiner Dieselmotoren zu manipulieren. 

Razzia in sieben Daimler-Standorten in Deutschland

23 Staatsanwälte, unterstützt von 230 Polizisten, durchsuchten Büros an sieben Daimler-Standorten in Baden-Württemberg, Sachsen, Niedersachsen und Berlin. Sie beschlagnahmten Computer und Akten. Sie ermitteln wegen „des Verdachts des Betruges und der strafbaren Werbung im Zusammenhang mit der Manipulation der Abgasnachbehandlung an Diesel-Pkw“.

Die Reaktion der Konzernzentrale war ausgesprochen dünn. Man kooperiere vollumfänglich mit den Behörden. Was denn auch sonst? Ein Dementi ist das nicht.

Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender des Automobilkonzerns Daimler, spricht am 22.05.2017 in Kamenz (Sachsen) anlässlich der Grundsteinlegung für eine neue Batteriefabrik der Daimler-Tochter Accumotive. Die Produktionshalle soll bis Mitte 2018 fertig sein und als Kompetenzzentrum für die Produktion von Batterien für E-Autos dienen. (zu dpa "Daimler beschleunigt Elektro-Offensive - Grundstein für neues Werk" vom 22.05.2017) Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Einen Tag vor der Razzia sonnte sich Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche noch bei der Grundsteinlegung für eine neue Batteriefabrik im sächsischen Kamenz.

Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Für den Ruf der renommiertesten deutschen Hersteller bietet das ein schlimmes Bild. Bei VW ist die Manipulation schon längst bewiesen und vom Konzern eingeräumt, auch Audi hat bewusst manipuliert und steht im Verdacht, sogar die treibende Kraft im VW-Konzern gewesen zu sein.

Schlecht für den Ruf des Diesels

Und jetzt Daimler. Das ist nicht irgendeine Marke. Mercedes ist DIE deutsche Marke, mit der Könige und Regierungschefs vorfahren, die 2016 die Nr. 1 der Premiummarken weltweit war und mit der S-Klasse laut Eigenwerbung das beste Auto der Welt baut. Und diese Marke soll schnöde getrickst haben? Sind Daimler-Ingenieure etwa nicht in der Lage, einen sauberen Diesel zu bauen?

In Testreihen der Zeitschrift auto motor und sport haben die Euro-6-Diesel relativ gut abgeschnitten. Insbesondere die neue E-Klasse war von über 40 getesteten Dieselfahrzeugen das sauberste Modell. Die E-Klasse stößt nur 41 g NOx pro Kilometer aus. Im echten Straßenverkehr wohlgemerkt! Der Grenzwert auf dem Prüfstand, wo optimale und unrealistische Bedingungen herrschen, liegt mit 80 g NOx doppelt so hoch.

Eine Frau reinigt am 22.05.2017 in Kamenz (Sachsen) den Fußboden vor einem Mercedes Benz S 560 4MATIC. Am gleichen Tag soll die Grundsteinlegung für eine neue Produktionshalle der Daimler-Tochter Accumotive stattfinden. Daimler investiert 500 Millionen Euro in den Bau der neuen Batteriefabrik. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Ganz so sauber wie gedacht sind die Diesel von Mercedes wohl doch nicht. Wie schon VW und Audi steht nun auch Daimler im Verdacht, die Abgaswerte von Dieselfahrzeugen nur mit Manipulationssoftware einzuhalten.

Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Dabei hatte gerade Daimler nach Bekanntwerden des VW-Skandals getönt, dass es solche Manipulationen bei Daimler nicht gibt. „Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert", versicherte Vorstandschef Zetsche. Offenbar war das nicht die Wahrheit. Umso spannender wird sein, was die Staatsanwälte aus den beschlagnahmten Unterlagen herauslesen werden.

US-Behörde verklagt Fiat Chrysler wegen Manipulationen

Auch Fiat Chrysler muss sich jetzt wie schon VW mit den scharfen US-Behörden auseinandersetzen. Die Umweltbehörde EPA hat Klage gegen den Hersteller eingereicht. Fiat Chrysler soll eine illegale Software in den 104.000 Dieselfahrzeugen mit Dreilitermotoren in den USA einsetzen.

Jeep Grand Cherokees stehen am 05.11.2015 bei einem Fiat Chrysler-Händler in Doral, Florida, USA. Die US-Umweltbehörden haben Fiat Chrysler wegen gefälschter Stickoxidwerte im Verdacht. (zu dpa "US-Umweltbehörden vermuten auch bei Fiat Chrysler Abgasbetrug" vom 12.01.2017) Foto: Alan Diaz +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Jeep Grand Cherokees bei einem Fiat Chrysler-Händler in Florida: Die US-Umweltbehörden haben den Verdacht, dass nach VW auch Fiat Chrysler die Abgasreinigung seiner Dieselfahrzeuge manipuliert.

Foto: Alan Diaz/dpa

Fiat Chrysler bestreitet weiterhin, solche Software einzusetzen, obwohl die zuletzt sogar von Universitäten gefunden wurde. So hatten IT-Spezialisten der Ruhr-Universität in Bochum in der Software des Fiat 500X eine Art elektronischer Stoppuhr entdeckt, die die Abgasreinigung nach 22 Minuten abschaltet. Abschalten heißt: Fiat-Diesel fahren nach 22 Minuten ohne jede Abgasreinigung. Das hatten zuvor auch schon Messungen des Kraftfahrt-Bundesamtes und der Zeitschrift auto motor und sport nahegelegt.

ARCHIV - Die Frontpartie eines riesigen Fiat 500-Modells, aufgenommen auf der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt (Archivfoto vom 12.09.2007). Die Aktien des italienischen Autobauers Fiat sind am Dienstagvormittag (20.01.2009) vom Handel ausgesetzt worden. Dies teilte die Börse in Mailand mit. Es sei eine Erklärung des Unternehmens zu erwarten. Nach Medienberichten wollen Fiat und der schwer kämpfende US-Hersteller Chrysler eine strategische Partnerschaft eingehen. Foto: Boris Roessler (zu dpa 0178 vom 20.01.2009) +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Frontpartie eines riesigen Fiat 500-Modells auf der IAA: Der kleine Fiat ist groß ins Gerede gekommen. Er verfügt wie offenbar auch andere Fiat-Modelle über eine Abschaltvorrichtung der Abgasreinigung. Nach 22 min schaltet sich die Technik ab, der NOx-Ausstoß schießt in die Höhe.

Foto: Boris Roessler/dpa

Dennoch ist es der EU und auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt nicht gelungen, die zuständigen Aufsichtsbehörden in Italien zum Handeln zu bewegen. Die Behörden in Rom attestieren Fiat, dass es keine illegalen Abschalteinrichtungen gibt. Nun könnte die US-Klage helfen, die Sache endlich aufzuklären. Zudem hat die EU ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Italien eingeleitet, damit die Behörden endlich gegen Fiat tätig werden.

Renault soll seit 25 Jahren manipulieren

Doch der Skandal dürfte sich noch ausweiten. Denn in Messungen etwa des KBA sind auch andere Hersteller aufgefallen mit extrem hohen NOx-Werten, die darauf schließen lassen, dass bei der Typenzulassung getrickst wurde. So fallen Renault-Diesel dadurch auf, dass sie auf dem Prüfstand sauber sind, im Straßenverkehr aber durch sehr sehr hohe NOx-Werte auffallen.

Auch Renault hatte schon Besuch von Staatsanwälten. Der Vorwurf lautet, dass Renault bereits seit 25 Jahren manipuliert.

Und so verwundert es nicht, dass Volvo keine neuen Dieselmotoren mehr entwickeln wird. Das wird wohl Schule machen.

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Von Axel Mörer-Funk
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