Doppelstrategie 05.10.2026, 12:30 Uhr

2 km Wasserstoff-Pipeline, 1 Mrd. € für Batterien: Warum BMW beides braucht

Innerhalb von zwei Tagen hat BMW in Niederbayern ein Batteriewerk für rund 1 Mrd. € eröffnet und in Leipzig mit dem Bau einer Wasserstoffleitung begonnen. 2028 soll zudem der erste Serien-BMW mit Wasserstoffantrieb folgen. Welche Strategie dahintersteckt.

Kran verlegt Rohrleitung

Baubeginn in Leipzig: Ein Kran senkt ein Rohrstück der rund 2 km langen Wasserstoffleitung in den Graben. Ab dem ersten Halbjahr 2028 soll sie Wasserstoff aus dem Kernnetz ins BMW-Werk bringen, vor allem für die Lackiererei.

Foto: Christian Hüller/BMW AG

Am 30. September feierte BMW in Leipzig den symbolischen Baubeginn einer rund 2 km langen Leitung, die das dortige Werk mit Wasserstoff versorgen soll. Die ersten rund 400 m auf dem Werksgelände hatte Mitnetz Gas da bereits verlegt. Einen Tag später eröffnete der Autobauer im niederbayerischen Irlbach-Straßkirchen ein Werk, in dem er Batterien für seine neuen Elektroautos montiert. Rund 1 Mrd. € hat BMW dort investiert.

Was hat der Konzern vor, und warum setzt er auf beide Alternativen zum Verbrenner?

Leipzig: Wasserstoff per Leitung statt per Lkw

Bislang bringen Lkw den Wasserstoff in Druckflaschen ins Leipziger BMW-Werk. Künftig soll er durch eine rund 2 km lange Leitung fließen, die das Werk an das Wasserstoff-Kernnetz anschließt. Die Leitung samt Gasdruckregel- und Messanlage baut die Mitnetz Gas aus Kabelsketal. Den Anschluss ans Kernnetz übernimmt der Leipziger Fernleitungsnetzbetreiber Ontras, bei dem BMW Transportkapazität reserviert hat.

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Laut BMW wird Leipzig damit das weltweit erste Autowerk, das Wasserstoff direkt per Pipeline bezieht. Den Vertrag unterschrieben die Partner im Oktober 2025, damals mit dem Ziel Mitte 2027. BMW nennt inzwischen das erste Halbjahr 2028, Ontras und Mitnetz Gas sprechen weiterhin von einer Inbetriebnahme bis Ende 2027. Das Geld kommt zum Teil aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und vom Freistaat Sachsen. Wie viel, teilte BMW nicht mit.

Wofür das Werk Wasserstoff braucht

Verbrauchen soll den Wasserstoff vor allem die Lackiererei. Ihre Trockner arbeiten mit hohen Temperaturen und laufen bislang mit Erdgas. Im Oktober 2022 nahm BMW dort den ersten Brenner in Betrieb, der wahlweise Erdgas oder Wasserstoff verbrennt, inzwischen sind es elf. Fehlt Wasserstoff, laufen sie mit Erdgas weiter. „Die Pipeline ermöglicht die Versorgung unserer Lackiererei mit Wasserstoff in völlig neuen Größenordnungen“, sagt Werkleiterin Petra Peterhänsel. Zum Start rechnet BMW nach eigenen Angaben gegenüber der Deutschen Presse-Agentur mit rund 150 t Wasserstoff pro Jahr, langfristig könnten es mehr als 1500 t werden.

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Seit 2013 fahren im Werk zudem Gabelstapler und Routenzugschlepper mit Brennstoffzelle, heute sind es mehr als 230. Laut BMW ist das die größte Flotte dieser Art in Europa. Ohne Förderung rechne sich der Einsatz von Wasserstoff für BMW frühestens ab Beginn der 2030er-Jahre, sagte Konzernsprecher Kai Lichte der dpa.

Woher der Wasserstoff kommen soll

Die Anschlussleitung führt in das H2-Startnetz von Ontras, einen rund 600 km langen Teil des Kernnetzes, der Industriestandorte in Ost- und Mitteldeutschland verbinden soll. Für Leipzig stellt Ontras eine bestehende Erdgasleitung auf Wasserstoff um. Damit die bisherigen Erdgaskunden weiter versorgt werden, baut der Netzbetreiber parallel eine neue Erdgasleitung. Bundesweit soll das Kernnetz bis 2032 auf 9040 km wachsen, rund 60 % davon sind umgestellte Erdgasleitungen. Mehr als 500 km sind bereits in Betrieb. Seit März 2026 können Unternehmen dort Transportkapazitäten reservieren.

Noch ist offen, wer den Wasserstoff liefert. Ontras hat 2025 eine Absichtserklärung mit der Schweizer Infener AG unterzeichnet, die im Norden Leipzigs einen Standort zur Wasserstofferzeugung plant. Einen neuen Stand dazu gibt es bislang nicht. Langfristig könnte das Gas aus Finnland und dem Baltikum kommen. Ontras plant mit Netzbetreibern aus fünf weiteren Ländern den Nordic-Baltic Hydrogen Corridor, eine rund 2500 km lange Leitung, die bis 2040 jährlich bis zu 2,7 Mio. t Wasserstoff transportieren soll. Der Betrieb ist ab 2033 geplant. In einer Marktabfrage im Frühjahr 2026 meldeten Unternehmen Bedarf für rund 87 % der für 2040 geplanten Kapazität an.

iX5 Hydrogen: Serienstart 2028

Parallel entwickelt BMW den Wasserstoffantrieb seiner Pkw weiter. Im November 2025 übergaben Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder den Förderbescheid für das Projekt HyPowerDrive. Von den rund 273 Mio. € trägt der Bund etwa 191 Mio. €, der Freistaat Bayern etwa 82 Mio. €. Die Förderung läuft im Rahmen des europäischen Programms IPCEI Wasserstoff und fließt in die dritte Generation des Brennstoffzellensystems, das BMW gemeinsam mit Toyota entwickelt.

Das erste Serienmodell wird der iX5 Hydrogen. Die neue X5-Generation hatte Ende Juni 2026 Premiere. Die Verbrenner kommen Ende November 2026 auf den Markt, Elektro- und Plug-in-Hybrid-Version 2027, der iX5 Hydrogen 2028. Prototypen sind bereits in der Erprobung. BMW peilt eine Reichweite von 750 km an. In München startet eine neue Bauphase für Prototypen des Brennstoffzellensystems, im österreichischen Werk Steyr bereitet BMW die Serienfertigung vor. In Landshut läuft bereits die Vorserie der zentralen Steuereinheit.

Hochvoltbatterien im neuen BMW-Werk Irlbach-Straßkirchen: Die Zellen kauft BMW zu, im Werk werden sie zu Batterien montiert. Im Vollbetrieb sollen auf zwei Linien mehrere Hundert Stück pro Tag entstehen. Foto: Armin Weigel/BMW AG

Batterien aus Niederbayern für die Neue Klasse

Bei der Batterie hat BMW schon die Serienproduktion gestartet. Das Werk in Irlbach-Straßkirchen (Landkreis Straubing-Bogen) ging zweieinhalb Jahre nach Baubeginn in Betrieb. Es liefert Hochvoltbatterien der sechsten Generation an das Werk München, wo sie in den neuen BMW i3 eingebaut werden. Wegen der hohen Nachfrage nach der Neuen Klasse startet die Fertigung laut BMW direkt im Zweischichtbetrieb. Im Vollbetrieb sollen rund 1600 Beschäftigte auf zwei Linien mehrere Hundert Batterien pro Tag bauen.

Zellen stellt BMW dort nicht her. Die zylindrischen Rundzellen kommen von externen Herstellern. Welche es sind, hat BMW bislang nicht mitgeteilt. Im Werk werden sie geprüft, mit Kühlern zu Clustern verbunden, verschweißt und eingeschäumt.

Die Zellen sitzen direkt im Batteriegehäuse, das wiederum Teil der Karosserie ist. Rund 500 Roboter arbeiten auf 50.000 m² Produktionsfläche, pro Batterie erfasst BMW nach eigenen Angaben mehr als 3500 Datenpunkte. Ähnlich automatisiert läuft die Fertigung für den iX5: 250 Roboter und KI prüfen dort jede Schweißnaht. VW setzt bei der Qualitätskontrolle auf Röntgentechnik mit 1000 Bildern pro Sekunde.

Für den i3 50 xDrive nennt BMW eine Batteriekapazität von 108,7 kWh und bis zu 906 km Reichweite nach WLTP. Gegenüber den Zellen der Vorgängergeneration soll der CO₂-Ausstoß pro Wattstunde um rund 33 % sinken, unter anderem durch einen Anteil recycelter Rohstoffe und Ökostrom in der Zellfertigung. Irlbach-Straßkirchen ist eines von fünf neuen Batteriemontagewerken des Konzerns. Die anderen stehen in Debrecen, Shenyang, Woodruff und San Luis Potosí.

Warum BMW auf beides setzt

BMW begründet den doppelten Weg mit zwei Argumenten.

  • Bei den Werken setzt der Konzern auf eine Energieversorgung, die zum jeweiligen Standort passt. In Leipzig sind das die langjährige Erfahrung mit Wasserstoff und der kurze Weg ins Kernnetz.
  • Bei den Autos spricht BMW von Technologieoffenheit. Sie sei „der Kern unserer erfolgreichen Geschäftsstrategie und zugleich der Schlüssel zum Erfolg der Dekarbonisierung“, so Entwicklungsvorstand Joachim Post im November 2025.

Der Markt gibt BMW beim Wasserstoff-Pkw bislang wenig Rückenwind. Weltweit wurden 2025 laut dem Marktforscher SNE Research 16.011 Brennstoffzellenfahrzeuge verkauft, Pkw und Nutzfahrzeuge zusammen. In Europa kamen Toyota Mirai und Hyundai Nexo auf 566 Exemplare. Neben BMW hält vor allem Hyundai an der Technik fest und hat im Oktober 2025 in Ulsan den Grundstein für ein Werk für Brennstoffzellen und Elektrolyseure gelegt.

In der Lackiererei geht es um eine andere Rechnung, weil Wasserstoff dort Erdgas in einem Prozess mit hohen Temperaturen ersetzt. Ohne Förderung lohnt sich das laut BMW frühestens Anfang der 2030er-Jahre. Doch damit sich das lohnt, fordert BMW ein schnell verfügbares Kernnetz samt Verteilnetzen, wettbewerbsfähige Netzentgelte und günstigen klimafreundlichen Wasserstoff. Bis die Leitung in Leipzig liefert, dauert es laut BMW noch bis 2028. Die Batterien für den i3 laufen in Niederbayern dagegen schon im Zweischichtbetrieb vom Band.

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

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