Mediziner warnen 24.11.2014, 12:41 Uhr

Smartphones gefährden den aufrechten Gang

Droht dem vom Mausarm gebeutelten Homo Digitalis nun auch noch der Smartphone-Nacken? Durchaus, warnt ein New Yorker Arzt. Im Gehen oder Stehen nähmen die meisten Smartphone-Nutzer eine extrem ungesunde Haltung ein, die letztlich zu vermehrten Verspannungen im Nackenbereich, früherem Verschleiß und sogar Degeneration der Halswirbelsäule führe. Unkenrufer prophezeien bereits den evolutionären Verlust des aufrechten Gangs. 

Nicht auf Augenhöhe: Smartphone-Nutzer schauen meist mit gesenktem Kopf auf das Display. Das belastet – je größer die Neigung des Kopfes, desto mehr Gewichtdrückt auf den Nacken. 

Nicht auf Augenhöhe: Smartphone-Nutzer schauen meist mit gesenktem Kopf auf das Display. Das belastet – je größer die Neigung des Kopfes, desto mehr Gewichtdrückt auf den Nacken. 

Foto: Kenneth K. Hansraj

Der Handyglotzer sei der neuste Trend der Evolution, frotzelt Arno Müller in der Berliner Morgenpost online. Und auf sueddeutsche.de fragt Werner Bartens „Ebnet das Handy den evolutionären Weg zum Stiernacken?“ Er verpasst dem Homo oeconomicus den Zusatz „smartphoniensis“ und prophezeit: „Weil die Bänder im Halsbereich den immer schwerer nach unten ziehenden Kopf halten müssen, werden die Knochen der Wirbelsäule mitwachsen“ – wie beim Bison.

Beim Blick aufs Smartphone 30 Kilogramm im Nacken

Ausgelöst hat die mediale Diskussion ein New Yorker Wirbelsäulenchirurg namens Kenneth K. Hansraj. Der hat die Belastung der Halswirbelsäule bei unterschiedlichen Positionen des Kopfes untersucht. Seiner Studie zufolge nimmt die Belastung des Nackens deutlich zu, je mehr der Kopf nach vorne geneigt wird – in die typische Position, die der Durchschnittsuser im Gehen oder Stehen beim Blick auf sein Smartphone einnimmt. In besonders gesundheitsschädlicher Haltung trage er dabei 30 Kilogramm im Nacken.

Der Kopf eines Erwachsenen wiege bei neutraler, aufrechter Körperhaltung 10 bis 12 Pfund, setzt Hansraj für seine Untersuchung voraus. Bei einem leichten Neigen des Kopfes um 15 Grad nach vorne müsse der Nacken dann bereits 27 Pfund tragen. 40 Pfund hingen bei 30 Grad Neigung am Nacken, 49 Pfund bei 45 Grad und 60 Pfund bei einer Neigung des Kopfes um 60 Grad.

Eine gesunde Haltung heißt: Blick nach vorne, Schultern zurück!

Nun beuge der Durchschnittsuser sein Haupt vier bis sechs Stunden am Tag über sein Smartphone oder Tablet um zu lesen oder zu texten. Das seien 700 bis 1400 Stunden pro Jahr, rechnet Hansraj vor, in denen die Wirbelsäule extrem belastet werde. Ein Gymnasiast könne es sogar auf 5000 Stunden gesundheitsschädlicher Haltung im Jahr bringen. Die Folgen: frühzeitiger Verschleiß, Risse und sogar Degeneration der Wirbelsäule.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt bei der Benutzung ihres Smartphones eine ungesunde Haltung ein. 

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt bei der Benutzung ihres Smartphones eine ungesunde Haltung ein. 

Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Die Ohren auf einer Linie mit dem Schultern, die Schulterblätter zusammengezogen – das ist eine gute Haltung, erläutert der Arzt. Sie minimiere die Belastung der Wirbelsäue. Mehr noch: Aufrechtes Posieren erhöhe das Gefühl von Kraft und Potenz und die Bereitschaft, Risiken einzugehen, zitiert Hansraj eine andere Studie. Während bei Menschen mit schlechter Haltung eher die gegensätzlichen Muster festzustellen seien.

Smartphone auf Augenhöhe – ein gesunde Alternative

Die „Generation Kopf unten“ oder „Head-Down-Generation“ der Smartphone-User hat sich als Begriff bereits etabliert. Doch droht der Menschheit gar der Verlust des aufrechten Ganges? Soweit muss es nicht kommen. Zwar sei es kaum möglich die Technologie zu meiden, die die Probleme verursachten, resümiert Hansraj. Aber man könne ja darauf achten, nicht täglich stundenlang über dem Smartphone zu hängen und auf eine gesunde Haltung zu achten, wenn man aufs Display guckt. Das könnte auch in anderer Hinsicht gesünder sein: Wer sein Smartphone beim aufrechtem Gang in Augenhöhe hält statt mit tief geneigtem Kopf darauf zu blicken, nimmt vielleicht auch eher die Laterne wahr, die sich gerade heimtückisch in den Weg gestellt hat.

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