Autogipfel 06.11.2019, 16:19 Uhr

Ladeinfrastruktur: Höherer Kaufanreiz für E-Autos

Der Masterplan des Bundesverkehrsministeriums für die Ladeinfrastruktur steht. Um E-Autos auf deutschen Straßen auch mit dem nötigen Saft zu versorgen, sollen 3 Milliarden Euro investiert werden. Doch reicht das aus? Am 4. November tagten Politiker und Vertreter der Fahrzeughersteller erneut zum Thema Ladeinfrastruktur. Das Ergebnis ist ein höherer Kaufanreiz für E-Autos. Ingenieur.de hat verschiedene Stimmen zum Masterplan zusammengetragen.

E-Autos sollen unsere Straßen erobern, also müssen sie auch einfach aufzuladen sein.
Foto: panthermedia.net/Afotoeu

E-Autos sollen unsere Straßen erobern, also müssen sie auch einfach aufzuladen sein.

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Der Kauf von Elektroautos verläuft noch schleppend. Ein noch höherer Zuschuss von Staat und Herstellern soll den Verkauf so richtig ins Rollen bringen. Investitionen in Ladestationen sieht der Masterplan der Regierung bereits vor. Politik und Wirtschaft arbeiten an diesem Ziel gemeinsam kürzlich auf dem Autogipfel am 4. November in Berlin. „Wir brauchen jetzt die Massenwirksamkeit der Mobilität von morgen“, sagte Verkehrsminister Andreas Scheuer von der CSU.

Tempo anziehen

Die Autoindustrie steckt mitten in einem tiefgreifenden Wandel. Elektromobilität, geändertes Kaufverhalten und eine schwache Wirtschaft belasten aktuell so manche Firmen. Damit E-Autos zum Erfolg werden, bedarf es einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur. Dafür hat Andreas Scheuer den Entwurf für den Aufbau von Ladestationen vorgelegt. Elektrofahrzeuge sollen somit attraktiver werden, denn eine flächendeckende Infrastruktur gilt als Basis für den Durchbruch der Elektromobilität auf dem deutschen Automarkt.

Der CSU-Politiker gab gegenüber der dpa bekannt, dass es um gezielte Förderung, verbesserte gesetzliche Rahmenbedingungen und eine aktive Koordination zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Industrie ginge. Der Masterplan sieht vor, dass ab 2020 rund 50 Millionen Euro für private Lademöglichkeiten zur Verfügung stehen sollen. Das heißt, das Aufladen in der heimischen Garage wird explizit unterstützt. Auch an öffentlichen Parkplätzen sollen weitere Ladesäulen entstehen.

Nationale Leitstelle für den Klimaschutz

Insgesamt sind sogar 3 Milliarden Euro für den Aufbau der Ladeinfrastruktur vorgesehen. Im Ministerium wird dafür eine neue “Nationale Leitstelle” einberufen, die Maßnahmen koordiniert und den Aufbau vorantreiben soll. Automobilindustrie und Energiewirtschaft ziehen hier an einem Strang mit dem Bundesverkehrsministerium.

Kaufprämie steigt ab November

Ein relevantes Ergebnis des Autogipfels ist die Erhöhung und Verlängerung der Kaufprämie. Diese gilt zwar nicht für Lastwagen, jedoch für einige Transporter. Auf dem Rechenbrett heißt das: Der Zuschuss soll um 50 % bei E-Autos bis zu einem Nettolistenpreis von 40.000 Euro steigen. Bei teureren Fahrzeugen steigt der Anteil der Förderung um 25 %. Die Grenze liegt hier bei einem Nettolistenpreis von 65.000 Euro. Selbst für Plug-In-Hybride steigt der Zuschuss. Die Industie werde sich gleichwertig an den Kosten beteiligen, so die Bundesregierung.

Die Beteiligten des Autogipfels erhoffen sich dadurch Tempo auf den deutschen Straßen der Elektromobilität. Der Umweltbonus für erstmals zugelassene, elektrisch betriebene Fahrzeuge der Klassen M1 und N1 bzw. N2 wird verlängert. Vor 3 Jahren erfreuten sich Nutzer an der Prämie, die eigentlich Ende 2020 auslaufen sollte. Nun geht es in die nächste Runde. Laut den Plänen profitieren E-Auto Käufer oder Leaser bis Ende 2025 von der Prämie.

Zu viel oder zu wenig Investment?

Sieht man sich die Verkaufszahlen von E-Autos an – etwa in unserem Artikel „Fakten über Elektroautos“ –, entsteht die Frage, ob die 3 Milliarden Euro Investment und die Verlängerung der Prämie nicht zu viel des Guten sind. Stellen Sie sich vor, es gibt Millionen Ladesäulen in Deutschland und niemand nutzt sie. Zwar sind die Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen in der letzten Zeit gestiegen, wie eine Grafik auf Statista belegt. Elektro- und Hybridfahrzeuge haben demnach schon zum Halbjahr 2019 fast die Niveaus des vergangenen Gesamtjahres erreicht. Rund 31.060 reine E-Fahrzeuge wurden im ersten Halbjahr 2019 laut Angaben des Kraftfahrtbundesamts (KBA) neu zugelassen. Dennoch sprechen wir hier immer noch von einer relativ geringen Absatzzahl.

Die Planungen der Regierung gehen jedoch nicht allen zu weit. Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) sieht die geplanten Investitionen kritisch, weil sie ihm zu gering sind. Bernhard Mattes sagte auf dem Handelsblatt-Autogipfel in Stuttgart, das für eine Marktdurchdringung von E-Autos bis 2030 eine Million öffentliche Ladepunkte nötig seien. Die bisherigen 20.000 öffentlichen Ladepunkte reichen bei weitem nicht aus, so Mattes. Zusätzlich sieht er einen Bedarf von 100.000 Schnellladepunkten und mehreren Millionen privaten Ladestationen. Dass der Aufbau hier schneller gehen muss, wurde auch auf dem Autogipfel thematisiert. Zu der Vereinbarung gehört das Ziel, bis 2022 in Deutschland 50.000 öffentliche Ladestationen zu schaffen. Die Automobilwirtschaft möchte sich beteiligen und davon 15.000 Ladepunkte auf ihren Firmengeländen und im Handel beisteuern. Als Quick-Win können E-Auto-Fahrer mit 1000 Schnellladestandorten an Autobahnen und Fernstraßen rechnen.

Ausbau der Ladeinfrastruktur sei schon lange überfällig

Christof Wetter von der FH Münster hält den Masterplan des Bundesverkehrsministeriums für einen wichtigen Schritt. „Die geplanten Investitionen in die Ladeinfrastruktur sind schon lange überfällig”, so der Professor aus dem Fachbereich Energie, Gebäude und Umwelt. Prinzipiell gibt es 20 Millionen potenzielle Ladepunkte in Deutschland – und zwar an Gebäuden. Würden Eigenheime und öffentliche Häuser genutzt, könne die Elektromobilität flächendeckend Einzug halten, so Wetter. Aktuell liegt die Reichweite eines aufgeladenen E-Autos bei 400 bis 600 Kilometern.

Zentral liegende Ladesäulen, die vor allem einfach zu bedienen sind, seien das A und O für den Erfolg der Fahrzeuge. Einfachheit ist hier das Stichwort. Wetter schwebt zum Beispiel eine Vereinheitlichung der Abrechnungssysteme vor, denn diese sind aktuell noch über verschiedene Karten verfügbar. „Am besten könnten Nutzer eines E-Autos ihre Ladekosten per EC-Karte begleichen. Diese haben die meisten Leute schnell zur Hand”, so die Idee des Professors aus Münster. Je attraktiver und einfacher das Fahren mit einem E-Auto wird, desto höher die Akzeptanz der Zielgruppen. Eigentlich eine simple Rechnung. Zusätzlich findet Wetter eine weitere Förderung für das Leasen von E-Autos sinnvoll.

Halten die Stromnetze eigentlich stand?

Soweit so gut, doch wenn bald Elektroautos massenweise auf unseren Straßen fahren, stellt sich die Frage, ob das die Stromnetze überhaupt aushalten. Versorger sind gefordert. In Testversuchen wird die Belastung der Stromnetze bereits erforscht. In Ostfildern ging nun ein Feldversuch nach 18 Monaten zu Ende. Zunächst einmal: Die Netzbelastung war geringer als erwartet.

10 Haushalte erhielten in einem Stadtteil von Ostfildern E-Autos. In Garagen und auf Stellplätzen wurden Ladestationen aufgebaut. Dass die insgesamt 22 Haushalte in der Straße alle am gleichen Stromkreis hängen, stellte ganz klar die Herausforderung dar. Wenn alle Test-Haushalte nach Feierabend ihre E-Autos aufladen, könnte die Belastung zu groß sein, so die Hypothese der Wissenschaftler. Doch dieser Effekt trat nicht auf. An 17,5 Stunden pro Tag wurde nämlich gar nicht geladen. Maximal für 15 Minuten am Tag luden 3 Fahrzeuge parallel. Wurde das E-Auto an die Ladestation angeschlossen, zog es 11 Kilowatt (kW). Über den Tag betrachtet, werden in einem Haushalt nicht mehr als 3,3 Kilowatt gezogen. Zu einer übermäßigen Beanspruchung des Stromnetzes kam es also nicht. Dennoch: Eine elektronische Zuteilung von Ladezeiten kann Engpässe vermeiden, so die Projektleiterin Selma Lossau. Je nach Netzspannung werden auf diese Weise mehr oder weniger Ladeleistung freigegeben.

Enge Zusammenarbeit mit Netzbetreibern nötig

Für Joachim Berg ist der Masterplan der Regierung nicht mehr als ein “Gießkannenprinzip”. Der Ingenieur arbeitet an der HS Flensburg und ist Sachverständiger für Elektrische Maschinen und Antriebstechnik sowie Elektromobilität und Elektrofahrzeuge. „Dem von der Politik genannte Masterplan muss erst einmal eine Planungsgrundlage, gemeint ist eine Energieanalyse vorausgehen, bevor ich mit der „Gießkanne“ komme. Hierzu ist ganz eng mit den Netzbetreibern zu planen”, gibt Berg gegenüber ingenieur.de an. Die Betreiber können die Erfahrung aus Testversuchen wie in Ostfildern einbringen und sollten in den gesamten Aufbau der Ladeinfrastruktur besser eingebunden werden.

Herausforderungen sieht Berg auch in der Versorgung von Nutzfahrzeugen. Die Ladeleistung der Industrielösungen liege derzeit bei „nur“ 80 Kw. Für den Busbetrieb (ÖPNV) und Nutzfahrzeuge ist das noch zu wenig, aber für den Pkw-Bereich natürlich mehr als ausreichend. „Doch allein für die Umsetzung der E-Mobilität des ÖPNV in Hamburg müssen 3 neue Umspannwerke gebaut werden”, erklärt Berg.

Ladeinfrastruktur 2.0

Das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE) hat aufgrund des hohen Bedarfs ein eigenes Projekt zur Integration von E-Mobilität ins deutsche Energiesystem ins Leben gerufen. Zum Projektinhalt gehört unter anderem eine genaue Prognose der Entwicklung der E-Mobilität in Städten und Umgebung. Das Fraunhofer IEE befasst sich ebenfalls mit der Auslastung der Stromnetze und wie sich das lokal auswirkt. Noch bis zum 30.11.2022 läuft das Projekt “Ladeinfrastruktur 2.0”.

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