Einheitsdenkmal in Berlin 16.02.2017, 08:11 Uhr

Wie ein technisches Werk die Kraft der Einheit symbolisiert

Auf solch eine Idee für ein nationales Denkmal kann eigentlich nur ein Ingenieur kommen. Eine überdimensionale Schale, die sich dann in Bewegung setzt, wenn sich genügend Menschen einig sind und auf einer Seite zusammenfinden, soll das Einheitsdenkmal Deutschlands werden. Technik zeigt, dass Bewegung nur dann entsteht, wenn sich Menschen auf eine Seite stellen.

Das 50 Meter lange Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin kann von 1.400 Menschen begangen werden, die mit ihrem Gewicht die Schale sanft in Bewegung setzen.

Das 50 Meter lange Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin kann von 1.400 Menschen begangen werden, die mit ihrem Gewicht die Schale sanft in Bewegung setzen.

Foto: Milla&Partner/Sasha Waltz/dpa

Nach jahrelangen Verzögerungen und einem zwischenzeitlichen Stopp der Planung hat sich die Große Koalition doch darauf verständigt, den Entwurf des Stuttgarter Architekturbüros Milla & Partner und der Berliner Choreographin Sasha Waltz für die so genannte „Einheitsschale“ zu verwirklichen. Damit wird nicht eine monumentale Stele, die Imitation der Mauer oder eine Gedenkplatte zum nationalen Freiheits- und Einheitsdenkmal, sondern ein technisches Gerät, das sich nicht nur anfassen und betreten lässt, sondern auf denkbar einfachste Art ins Bild setzt, was Menschen bewegen können, die sich einig sind.

Die Schale soll direkt vor dem wieder aufgebauten Berliner Stadtschloss stehen.

Das Einheitsdenkmal soll symbolisieren, dass Menschen etwas erreichen können, wenn sie sich einig sind.

Das Einheitsdenkmal soll symbolisieren, dass Menschen etwas erreichen können, wenn sie sich einig sind.

Foto: Milla&Partner/Sasha Waltz/dpa

Dabei ist Schale glatt untertrieben. Denn das auch ein wenig an ein einfaches Boot erinnernde Werk wird 50 m lang und an seiner mächtigsten Stelle 18 m breit. Etwa 1.400 Menschen haben auf der 700 m2 großen Fläche Platz. Die Stahlkonstruktion wird in der Mitte an ihrer stärksten Stelle 2,50 m stark und verjüngt sich zum Rand bis auf wenige Zentimeter.

Riesige Schale aus Stahl wiegt 150 Tonnen

Die Schale wird aus einem gewichtsoptimiertes Raumtragwerk aus Stahlbauteilen bestehen, wie man es vom Brückenbau kennt. Und dennoch bringt die Schale ein gewaltiges Gewicht von 150 t auf die Waage. Sie ruht auf dem noch erhaltenen Sockel des Reiterstandbilds von Kaiser Wilhelm I. Nachdem das wilhelminische Nationaldenkmal im Zweiten Weltkrieg unzerstört geblieben war, wurde es 1949 vom DDR-Regime abgetragen.

Die Oberfläche des Einheitsdenkmals wird beschriftet mit den Worten: Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.

Die Oberfläche des Einheitsdenkmals wird beschriftet mit den Worten: Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.

Foto: Milla&Partner/Sasha Waltz

Die Oberfläche des stählernen Körpers bilden facettierte Leichtmetallpanele. Die Oberseite ist mit gebundenem Edelsplitt versehen, damit die Menschen, die die Schale begehen können, nicht ausrutschen.

Die Menschen bewegen Schale durch ihr Gewicht

Die Schale würde jedoch keinen Sinn machen, könnte Mensch sie nicht in Bewegung setzen. Trotz ihres enormen Gewichtes kann sich das begehbare Denkmal langsam zur Seite neigen, wenn sich auf der einen Seite wenigstens 20 Menschen mehr zusammenfinden als gegenüber. Dabei rasselt die Schale nicht schnell zu Boden wie eine Wippe, sondern neigt sich gaaaanz langsam. Für die Amplitude von 3,20 m benötigt die riesige Schale etwa eine Minute und wird dabei durch vier unsichtbare Hydraulikstempel abgebremst.

Das Einheitsdenkmal entsteht direkt vor dem neu erbauten Berliner Stadtschloss und ruht auf dem noch erhaltenen Sockel des Reiterstandbilds von Kaiser Wilhelm I. 

Das Einheitsdenkmal entsteht direkt vor dem neu erbauten Berliner Stadtschloss und ruht auf dem noch erhaltenen Sockel des Reiterstandbilds von Kaiser Wilhelm I.

Foto: Milla&Partner/Sasha Waltz

Wohl selten macht ein technisches Bauwerk eine politische Botschaft so offensichtlich. Einigkeit von Menschen bewegt die Politik, löst politische Veränderungen aus, etwas Neues schaffen. Ein echtes Denkmal für die Bürger, für die Republik. „Das Denkmal ehrt die mutigen Bürgerinnen und Bürger, die 1989 in friedlicher Revolution den Mauerfall und die Wiedervereinigung Deutschlands ermöglicht haben“, schreiben Johannes Milla, Chef des Stuttgarter Büros für Kommunikation im Raum Milla & Partner, und sein Kreativdirektor Sebastian Letz.

Begehbares Symbol der friedlichen Revolution

„Es ist als begehbares kinetisches Objekt konzipiert, dessen Erscheinungsbild die Besucher durch Partizipation und Interaktion jeden Tag mitgestalten. Indem sie sich das Denkmal aktiv aneignen, wird es lebendig. Es lädt ein zur Kommunikation und zu einem gemeinsamen Handeln, das über die traditionelle Denkmalbetrachtung hinausgeht“, so Milla und Letz. „Wie bei der friedlichen Revolution von 1989 müssen sich die Besucher verständigen und zu gemeinsamem Handeln entschließen, um etwas zu bewegen.“

Zugleich sehen die Architekten in dem Bauwerk auch ein Symbol, sich politisch zu engagieren. „Freiheit und Einheit sind keine statischen Zustände. Sie müssen immer wieder neu definiert werden und erfordern ständiges Engagement.“

Das Einheitsdenkmal ist eine Stahlkonstruktion und wiegt 150 Tonnen. Die Spitzen können sich um maximal 3,20 Meter heben und senken.

Das Einheitsdenkmal ist eine Stahlkonstruktion und wiegt 150 Tonnen. Die Spitzen können sich um maximal 3,20 Meter heben und senken.

Foto: Milla&Partner/Sasha Waltz

Wer hätte gedacht, dass sich mit einer sich neigenden Schale so viel Geschichte und Philosophie demonstrieren lässt.

Einheitsdenkmal soll 2020 fertig werden

Und wann werden wir das Denkmal begehen und erleben können? Berlin hofft, dass das Denkmal 2020 fertig ist, also zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung. „Wir können sofort anfangen“, hat Milla in Berlin bereits gesagt. Fragt sich nur, ob die Berliner Baubehörde so schnell ist. Hoffentlich macht das Denkmal in Berlin keine Anleihen am Berliner Flughafen, der eigentlich 2012 eröffnen sollte und wohl erst 2019 seine erste Fluggäste abfertigen wird.

Immerhin: Die Baugenehmigung für die Schale liegt seit anderthalb Jahren vor.

 

Von Axel Mörer-Funk

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