1. Diplomingenieurin Deutschlands 13.01.2020, 14:10 Uhr

Elisabeth von Knobelsdorff: Die erste Architektin im Porträt

Elisabeth von Knobelsdorff setzte durch, was keiner Frau vor ihr gelang: Sie studierte Architektur und wurde Deutschlands erste Diplom-Architektin. Sie arbeitete danach überwiegend im Staatsdienst, hatte es aber nicht einfach, sich durchzusetzen.

Architektenkonstrukteur-Hintergrundillustration

Foto: panthermedia.net/pixeldreams

Wer war Elisabeth von Knobelsdorff?

Elisabeth von Knobelsdorff wurde am 17. Juni 1877 in Potsdam als Tochter von Generalmajor Heinrich Wilhelm Kurt von Knobelsdorff und Marie Elisabeth Gertrud Dyhrenfurth geboren. Ob sie Geschwister hatte, ist nicht bekannt. Zwar war auch Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht gern gesehen, wenn Frauen eine höhere Schulbildung erlangten, doch als Tochter eines Generalmajors bekam Elisabeth von Knobelsdorff die Chance auf eine bessere Bildung. Sie besuchte verschiedene Schulen in ganz Deutschland, ein Pensionat in Oxford sowie das Konservatorium in Berlin. 1906 absolvierte sie ihre Abiturprüfung am Münchner Realgymnasium – im Alter von fast 29 Jahren.

Noch bevor sie ihre Abiturprüfung ablegte setzte sie sich gemeinsam in anderen Frauen, darunter Therese Mogger (die 1919 die erste Frau im Bund Deutscher Architekten wurde), dafür ein, dass auch Frauen für ingenieurwissenschaftliche Studiengänge zugelassen wurden. Die damalige gesellschaftliche Auffassung war nämlich das Gegenteil: die Arbeit des Architekten vertrüge sich nicht mit der Weiblichkeit. Elisabeth von Knobelsdorff und ihre Mitstreiterinnen forderten das Recht auf eine universitäre Ausbildung ein, was sie 1909 auch erreichten. Alle technischen Universitäten in Deutschland ließen Frauen zum Studium zu.

Ein bisschen scheint Elisabeth von Knobelsdorff die Liebe zu Architektur in die Wiege gelegt worden zu sein. Denn einer ihrer Vorfahren war Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699-1753), einer der bedeutendsten Baumeister des Friderizianischen Rokoko. Dieser war unter anderem verantwortlich für den Knobelsdorff-Flügel am Schloss Charlottenburg, für die Ausführung der Pläne von Schloss Sanssouci, die Staatsoper Unter den Linden (damals Königliche Hofoper) sowie die französische Kirche in Potsdam. Das Talent lag gewissermaßen in der Familie.

Im Alter von 45 Jahren heiratete Elisabeth von Knobelsdorff 1922 Kurt Wilhelm Viktor von Tippelskirch, eine Legionsrat im Auswärtigen Amt. Ihm folgte sie 1927 in die USA und kehrte erst 1938 zurück. Das Ehepaar lebte danach im schlesischen Jakobsdorf (heute Jakubowice). Von dort wurden sie Ende des Zweiten Weltkriegs vertrieben. Das Ehepaar ließ sich daraufhin in Bassum bei Bremen nieder, wo Elisabeth von Knobelsdorff bis zu ihrem Tod am 20. April 1959 lebte.

Studium der Architektur

Nach dem erfolgreich bestanden Abitur begann Elisabeth von Knobelsdorff ihr Studium zur Architektin zunächst als Gasthörerin. Nachdem 1909 die Technischen Universitäten Frauen zum Studium zuließen, schrieb sie sich als ordentliche Studentin für das Fach Architektur an der TH Charlottenburg ein. Die damalige Technische Hochschule ist heute die Technische Universität Berlin. Ende 1911 erhielt Elisabeth von Knobelsdorff ihr Diplom – Note „Gut“ – und galt somit als erste studierte Diplom-Architektin Deutschlands. Trotz der Erlaubnis des Studiums für Frauen dürfte die Studienzeit für Elisabeth von Knobelsdorff und ihre Mitstreiterinnen eher ein Spießrutenlauf gewesen sein. Männliche Kommilitonen waren in diesen Zeiten nicht begeistert über Frauen im Hörsaal und zeigten diesen Unmut auch.

Wie sehr die junge Frau mit ihrem Studium gegen die Konvention verstieß, zeigt auch, dass sie sich zur Ausübung ihres Berufes modisch umorganisieren musste – womit sie sich, gesellschaftlich gesehen, unmöglich machte. Die damaligen rebellischen Frauen um Elisabeth von Knobelsdorff und Therese Mogger trugen bequeme Reformkleidung statt einengendem Kleid mit Korsett und Hochsteckfrisur und Hut. Letzteres hätte sie auf einer Baustelle auch mehr als behindert. Im Kleid auf die Leiter? Undenkbar. Ein Hindernis war das für die Frauen indes nicht. Und es waren noch mehr Vorurteile, gegen die sich die frischgebackene Diplom-Architektin Elisabeth von Knobelsdorff durchsetzen musste. Der damaligen Auffassung zufolge konnten Frauen keine Arbeiter überwachen, nicht dreidimensional denken, geschweige denn ein Budget verwalten.

Ein Jahr nach ihrem Studienabschluss wurde sie 1912 das erste weibliche Mitglied im Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin (AIV). Sie beteiligte sich dort an der Ausstellung „Die Frau in Haus und Beruf“, bei der es sich um eine Leistungsschau der bürgerlichen Frauenbewegung handelte. Eine der Organisatorinnen war die Tante von Elisabeth von Knobelsdorff, Gertrud Dyhrenfurth.

Andere Frauen ihrer Zeit hatten nicht so viel Glück wie von Knobelsdorff. Denn nur die wenigsten bekam die Gelegenheit, das Abitur zu machen. Dieses jedoch war damals wie heute Zugangsvoraussetzung für ein Studium an einer Universität. Andere Frauen besuchten daher Kunstgewerbe- oder Baugewerksschulen um sich entsprechend auszubilden. Beide Schulformen waren zur damaligen Zeit etwas weniger streng bezüglich der Zulassung von Frauen.

Bauten von Elisabeth von Knobelsdorff

An öffentliche Aufträge zu kommen, war für Architektinnen zu Beginn des 20. Jahrhundert so gut wie unmöglich. Viele von ihnen bedienten sich daher gewisser Tricks. Darunter auch Therese Mogger und Elisabeth von Knobelsdorff, die eine Vielzahl von Gebäuden auf den Gütern ihrer Familie errichteten. Die Familie von Elisabeth von Knobelsdorff lebte in Jakobsdorf bei Breslau. Für das Dorf plante und verwirklichte sie 1915 ein Gemeindehaus, das bis 1946 soziales Zentrum des Ortes war. Ein weiteres Gebäude, das von ihr bekannt ist, ist eine Villa in Potsdam aus den Jahren 1924/25.

Im Ersten Weltkrieg war Elisabeth von Knobelsdorff eine von vier deutschen Architektinnen im Kriegsdienst.  In den Jahren 1917/18 arbeitete sie auf einer Baustelle im besetzten Belgien. Ihre Führungsqualitäten wurden damals sehr gelobt. Nach 1919 arbeitete sie zunächst als Architektin bei der Provinzialregierung in Potsdam. 1921 legte sie zusätzlich zu ihrem Diplom die Staatsprüfung für das Hochbauamt ab und war danach als erste Regierungsbaumeisterin im preußischen Staatsdienst tätig. Aus diesem Dienst wurde sie 1923 nach ihrer Hochzeit entlassen. Als verheiratete und somit versorgte Frau stand ihr die Stelle nicht mehr zu – meinte man damals. Nachdem sie im Jahr 1938 mit ihrem Mann aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt war, war sie nicht mehr beruflich tätig.

Die „Nachfolgerinnen“ von Elisabeth von Knobelsdorff

Grundsätzlich änderte sich trotz der Studienzulassung für das weibliche Geschlecht in der Architektur zunächst wenig. Bis in die 1920er-Jahre hinein nahmen zwar Universitäten und auch andere Institutionen wie das Bauhaus Frauen auf, rieten ihnen jedoch auch von einem Architekturstudium ab. Die Befürchtung: Würde überhaupt irgendjemand eine diplomierte Architektin einstellen?

Auch in den Folgejahren besserte sich die Stellung der Architektinnen in Deutschland nicht. Im Zweiten Weltkrieg kamen rund 100 jüdische Architektinnen im Holocaust ums Leben. Andere gingen ins Exil in den Vereinigten Staaten, mussten aber auch dort hart um Aufträge kämpfen. Weil viele Männer in den Krieg zogen und nicht studieren konnten, stieg Anfang der 1940er-Jahre die Zahl der Architekturstudentinnen wieder an. Das zerstörte Deutschland war für viele von ihnen eine Chance, beim Wiederaufbau ihr Können zu beweisen.

Nichtsdestotrotz hatten es Architektinnen weiterhin schwer. In den 1950er- und 1960er-Jahren bekamen sie zwar Aufträge, meist aber nur für als „weiblich“ geltende Projekte wie Familienwohnhäuser oder Kindergärten. Viele Architektinnen arbeiteten bis in die 1990er-Jahre hinein zwar als frei praktizierend, aber meist in Kooperation mit einem Mann, oft dem Ehemann. Nicht selten wurde dann nur der Name des Mannes für das gemeinsam geschaffene Werk genannt.

Obwohl es inzwischen statistisch gesehen mehr Architekturstudentinnen als -studenten gibt, haben sich bis heute im Vergleich zu Männern nur wenige Frauen als Architektin einen großen Namen erarbeitet. Unter ihnen Zaha Hadid (1950-2016), zu deren bekanntesten Projekten das Feuerwehrhaus des Vitra-Werks in Weil am Rhein, das Messner Mountain Museum sowie das phaeno, ein Wissenschaftsmuseum in Wolfsburg, gehören.

Weitere bekannte „Nachfolgerinnen“ der Elisabeth von Knobelsdorff sind Eileen Grey (1878-1976; Villa „E-1027“), Lina Bo Bardi (1914-1992; das gläserne Haus „Casa de Vidro“), Gesine Weinmiller (geb. 1963; Bundesarbeitsgericht in Erfurt, Genezareth-Kirche in Aachen) und Kazuyo Sejima (geb. 1956). Letztgenannte ist derzeit die gefragteste Architektin der Welt. Zu ihren Werken gehören der Zollverein-Kubus der School of Management and Design in Essen, der Glass Pavillon des Toledo Museum of Art, das New Museum of Contemporary Art in New York sowie der Serpentine Gallery Pavillon in London. Sie war zudem die erste Frau, die 2010 die Architekturbiennale von Venedig leiten durfte. Doch auch sie sagt noch heute, dass es Frauen in der Architektur schwer haben.

Dennoch: Ohne die Wegbereitern Elisabeth von Knobelsdorff wären all diese Frauen vielleicht gar nicht Architektin geworden. Ihr Kampf um die Zulassung von Frauen für männerdominierte Studiengänge hat sie letztlich auch den Frauen von heute den Weg geebnet.

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