Wandel der Autoindustrie 12.10.2020, 10:16 Uhr

Jobs werden abgewrackt: Auf diese Qualifikation kommt es jetzt an

Ingenieure in der Autoindustrie sollten besser heute als morgen an ihren Qualifikationen schrauben: Die digital-elektrische Transformation der Branche trifft sie mit voller Wucht. Viel Althergebrachtes wird wohl abgewrackt werden müssen. Dafür entstehen etliche Jobs neu.

Mann mit Tablet

Die Automobilbranche fordert Digitalkompetenz. (Symbolbild)

Foto: panthermedia.net/kantver

Bitte anschnallen. Die Fahrt ins automobile Neuland geht los. Gerade für Ingenieure, die noch analog unterwegs sind, dürfte es rasant werden. „Die Dimension des Umbruchs ist enorm“, sagt Joachim Deinlein, Automotive Experte und Partner bei Oliver Wyman in München. „Die Qualifizierungsanforderungen haben sich enorm geändert.“ Von der Hardware zur Software, bringt es Deinlein kurz auf einen Nenner.

So sieht es aus. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung fallen deutschlandweit innerhalb der nächsten fünf Jahre durch die Digitalisierung 1,5 Millionen Jobs weg. Gleichzeitig sollen ebenso viele neu entstehen. Nur an anderer Stelle. Dort, wo die Digitalisierung Geschäftsmodelle umkrempelt, was neue Kompetenzen erfordert. Dieser Trend spiegelt sich vor allem in der Autobranche, wie auch die schon vor der Coronakrise angekündigten Entlassungswellen zeigten. Allerdings: Während massenweise Stellen gestrichen werden, sollen zugleich viele in den Bereichen Elektromobilität und Digitalisierung geschaffen werden, wie unter anderem Ankündigungen von Audi, Mercedes, VW und von etlichen Zulieferern zeigen.

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Keine Frage: Allein in den vergangenen fünf Jahren haben sich Arbeitskräftebedarfe und individuelle Qualifikationsanforderungen dramatisch gewandelt. „Aus Personalsicht werden heute mehr denn je Software- und weniger „Hardware“-orientierte Profile gesucht“, sagt Dr. Joachim Deinlein, Automotive Experte und Partner bei Oliver Wyman in München. „Datengetriebene Business-Modelle beziehungsweise -Optimierung spielen eine zunehmend größere Rolle.“ Dazu kämen zahlreiche neue Technologiefelder.

Jobs aus der alten Welt werden selten

Kurzum: Es braucht mehr E-Mobilitäts-Experten, Datenspezialisten sowie Softwareingenieure. BMW stellt bereits ähnlich viele ITler wie Maschinenbauingenieure ein – und ist damit nicht allein. Doch welche Profile werden künftig gefragt sein? „Mit zunehmender Digitalisierung sind neben Data Scientists auch vermehrt Tech Developer und IT-Architekten gefragt, um digitale und technologische Aufgabenbereiche abzudecken“, ist Deinlein überzeugt.

„Richtung Kunde sind zahlreiche neue Profile rund um Customer Experience und Mobility entstanden.“

Der Wandel lässt sich mit den üblichen Buzzwords von Berufsbezeichnungen beschreiben, die sich in Stellenanzeigen finden: Spezialisten für KI- und Machine-Learning, Big Data-Experten, Prozessautomatisierer, Robotik-Ingenieure, Blockchain-Spezialisten, User-Experience-Designer… „Jobs aus der alten Welt finden sich eher selten“, beobachtet Dr. Benedikt Maier, Mitglied der Leitung des Instituts für Automobilwirtschaft (IfA).

„Es dominieren klar Profile, die Digitalkompetenz erfordern.“

Oft genug werden also Leute gesucht, die es inhouse nicht gibt. Dann heißt es qualifizieren oder woanders wildern gehen. „Die Arbeitsmarktgrenzen sind durchlässig geworden. Automotive-Unternehmen rekrutieren in vielen anderen Branchen“, sagt Maier. Und in exotisch anmutenden Fachgebieten. Etwa bei Geisteswissenschaftlern, die keinen Bogen um die Informatik machen und sich mit der Mensch-Maschine-Schnittstelle beschäftigt haben. Denn „Interaction Designer“, also Gestalter für Mensch-Maschine-Interaktion, haben Konjunktur. Fahrerassistenzsysteme, das Infotainment, überhaupt die gesamte Bedienung, müssen in ihrer Komplexität beherrschbar, sprich: bedienbar, bleiben – das ist der Job von Interaction Designern. Die oft genug Quereinsteiger sind oder Absolventen der noch recht jungen Studiengänge, die auch unter den Namen Human Factors, Mensch-Maschine-Interaktion, User-Experience-Design firmieren. Natürlich werden für solche Aufgaben auch Ingenieure gern gesehen. Voraussetzung sind Kenntnisse in diversen Interaktionstechnologien wie VR/AR, Gesten- und Sprachsteuerung, Fähigkeiten im Usability Engineering sowie analytisches und konzeptionelles Denken. Ein Muss sind ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten, denn bevor das Fahrzeug mit seinem Lenker spricht, gilt es erstmal, eine Wellenlänge mit technikverliebten Entwicklern zu finden.

Automotive: Alles, aber bitte keine Nerds!

Ein nerdiges Kommunikationsverhalten ist auch bei einer weiteren sehr gesuchten Berufsgruppe (und deren Derivaten) wenig vorteilhaft: Data Scientists. „Sie müssen Fähigkeiten mitbringen, um die Data First-Strategie von Unternehmen nach vorn bringen zu können“, sagt Florian Baumann, CTO Automotive & AI, Dell Technologies. Und das ist mitunter mit viel Überzeugungsarbeit verbunden. Data Scientists oder Big Data Engineers werden mittlerweile für alle Unternehmensbereiche gesucht, egal ob in der Entwicklung, dem Einkauf, Marketing, der Logistik, Produktion, Sales, After Sales oder Retail. „Immer gilt es, aus großen Datenmengen Charakteristiken abzuleiten“, sagt Baumann. Wobei sich auch typische Entwicklungsingenieure immer stärker auf das Datenschürfen verstehen müssten. „Um die Anwendungsentwickler mit der Software und IT-Infrastruktur und den strengen Qualitätsprozessen in der Automobilbranche zu vereinen, werden überdies DevOps-Ingenieure benötigt“, markiert Baumann einen weiteren Trend.

Datenretter: Warum der einstige Nischenberuf immer wichtiger wird

Generell sollten automobile Datenexperten neben ihrer IT-Expertise zumindest ein Grundverständnis für Mathematik, Physik und Neurowissenschaft mitbringen sowie über einen soliden methodischen Hintergrund (Statistik, Informatik mit Fokus auf Machine Learning) verfügen. Baumann verweist in diesem Zusammenhang auf einen weiteren zukunftsträchtigen Job: Cloud Architekt. „Automotive-Unternehmen werden digitalisiert, Daten werden überall auf der Welt gesammelt und verwaltet. In der eigenen IT-Infrastruktur und auch in der öffentlichen Cloud“, so Baumann. „Neben den typischen IT-Administratoren, die sich um das Aufsetzen, die Pflege und die Wartung der eigenen Infrastruktur kümmern, werden zukünftig verstärkt Cloud Architekten benötigt.“ Das sind Ingenieure, die cloud-native Entwicklungsumgebungen designen und betreuen können. Baumann: „Das Ecosystem von Start-ups, Firmen und Opensource-Initiativen in diesem Bereich ist jetzt schon immens. Diese Ingenieure zählen heute schon zu einer der gefragtesten Berufsgruppen.“

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Ein Beitrag von:

  • Chris Löwer

    Chris Löwer arbeitet seit mehr als 20 Jahren als freier Journalist für überregionale Medien. Seine Themenschwerpunkte sind Wissenschaft, Technik und Karriere.

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