Beratung 17.11.2016, 01:00 Uhr

Workaholics schaden dem Team

Begeisterung für den Beruf, Engagement und Leistungsbereitschaft: Welcher Arbeitgeber wünscht sich das nicht von seinen Mitarbeitern. Wenn die Auftragsbücher voll, der Konkurrenzdruck auf dem Markt groß ist und die Termine drängen, muss rangeklotzt werden. Geregelte Arbeitszeiten sind dann zu vernachlässigen, Familie und Freunde müssen warten. Nur für wie lang? Für immer? Für ein ganzes Leben?

Stressfaktor Arbeitssucht.

Stressfaktor Arbeitssucht.

Foto: iStock / Thinkstock

Arbeitswissenschaftler, Psychologen, Mediziner, aber auch Unternehmensverantwortliche und Personaler wissen längst: Ausgepowerte, unzufriedene Mitarbeiter sind weniger produktiv und effektiv als ausgeruhte, zufriedene Mitarbeiter. Und Menschen, die ihre Sucht nach Erfolg, Anerkennung und materiellen Reichtum rücksichtslos gegen sich selbst und andere ausleben schaden langfristig dem Unternehmenserfolg.  

Süchtig, aber nicht krank?

Arbeitssucht gilt offiziell nicht als Krankheit, obwohl die Betroffenen alle Symptome einer nicht stoffbezogenen Sucht, wie etwa Spiel- oder Sexsucht, aufweisen. Das hat damit zu tun, dass die Abgrenzung zu einfach nur hart arbeitenden Menschen auf den ersten Blick schwer möglich ist. Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit sind ja zentrale Voraussetzungen für den Erfolg in der Arbeitswelt, sodass es manchmal regelrecht Mut erfordert, darauf hinzuweisen, dass es Kollegen mit der Arbeit übertreiben.

Höchstleistung ist kein Dauerzustand

Es ist natürlich toll, wenn jemand die Marathonstrecke in immer kürzeren Zeiten zu laufen vermag, aber zu oft im Jahr sollte man diese Distanz nicht bewältigen. Das schadet nämlich der Gesundheit. Und vor allem sollten keine Hilfsmittel eingesetzt werden. Zudem können der erfolgreiche Marathonläufer und seine Leistung nicht als Maßstab für alle anderen „Normalläufer“ gelten. Und so ist es auch im Arbeitsleben. Wenn aus besonderer Leistungsbereitschaft der Zwang zur Dauerhöchstleistung wird, leiden ob kurz oder lang der Betroffene und die Umgebung.

Symptome der Arbeitssucht

Holger Heide, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Bremen, hatte sich immer wieder mit dem Faktor Arbeitssucht in der Berufswelt beschäftigt und die Definition formuliert: „Arbeitssucht ist eine fortschreitende pathologische Fixierung auf Arbeit bzw. das Arbeiten, zu der wesentlich Kontrollverlust und Entzugserscheinungen gehören.“ Aber erst, wenn sich die Sucht nach Arbeit in Stresssymptomen wie Herz-Kreislauf- oder Magen-Darm-Problemen, Schweißausbrüchen, Angst- und Panikattacken äußert, könne diese Sucht tatsächlich als Krankheit erkannt werden, betont der Psychologe und Arbeitssuchtexperte Stefan Poppelreuter. Auch das Fehlen von sozialen Kontakten über den Beruf hinaus, das Vernachlässigen des Familienlebens seien wichtige Indikatoren für krankhaftes Arbeitsverhalten. 

Das Team verliert mit

Erfolgreiche Arbeit misst sich letztendlich am Endergebnis und am Aufwand, der betrieben werden muss, um dieses Ziel zu erreichen, also an der Effizienz im Arbeitsprozess. Und hier stoßen Workaholics schnell an ihre Grenzen. Es ist schließlich kein Selbstzweck, von morgens bis abends laut und vernehmlich zu debattieren und dem nächsten Gesprächstermin hinterherzujagen, sondern das Ziel ist, ein gutes Resultat für das Unternehmen zu erreichen. Arbeitssüchtige fürchten Kontrollverluste, streben oft einen vermeintlichen  Perfektionismus an, deshalb fällt es ihnen schwer, Arbeitsaufteilungen und Verantwortungen im Team anzuerkennen und evtl. Aufgaben mit allen Konsequenzen zu delegieren. Wer sich über den Arbeitsprozess selbst definiert, verliert das Gespür für effizientes Arbeiten. Wichtiges muss dabei von weniger Wichtigem getrennt werden, und es gibt zeitliche Entscheidungszwänge. Manchmal muss man auch dann zu einem Ende kommen, wenn das Gesprächs- oder Arbeitsergebnis vielleicht nicht ganz perfekt ist. Wie fühlen sich Teamkollegen, die gute Arbeit leisten, wenn der Workaholic trotzdem ständig das Gefühl vermittelt, es werde zu wenig gearbeitet? Wie fühlen sich die Mitarbeiter, die ein Leben neben dem Beruf haben und deshalb ständige Verfügbarkeit rund um die Uhr ablehnen, wenn arbeitssüchtige Vorgesetzte deshalb ständig ihre Leistung kritisieren? Der Zusammenhalt, das Wir-Gefühl im Team geht verloren, das Arbeiten wird auch für die nicht nach Arbeit Süchtigen zum Problem.

Arbeitssucht ist schwer zu therapieren

Es wird viel über die Work-Life-Balance diskutiert, die für Workaholics genau das Problem darstellt. Wie können Arbeit und sonstiges Leben wieder in ein sinnvolles und gesundes Verhältnis gebracht werden? Bei einem Alkoholiker, aber auch einem Spielsüchtigen, wäre die Abstinenz vom Stoff oder dem Spiel grundlegend, um die Suchtkrankheit in den Griff zu bekommen. Bei der Sucht nach Arbeit ist das in den meisten Fällen natürlich unmöglich. Wer kann schon einfach aufhören zu arbeiten? Aber Distanz zum bisherigen Leben und ein Neubeginn nach einer Auszeit, sind für Arbeitssüchtige zwingend notwendig. Stefan Poppelreuter schätzt, dass etwa 400 000 Menschen in Deutschland akut arbeitssüchtig sind, neben minimalen Erholungsphasen für Schlaf, Essen und Hygiene nur noch im und für den Job leben. Um klar zu kommen sind viele von ihnen auch in stoffgebundene Abhängigkeiten geraten. Alkohol- und Arzneimittelmissbrauch, Kokainsucht, aber auch der erschreckende Anstieg beim Konsum der Droge Chrystal Meth, einer Amphetaminvariante, die mit ihrer Wirkung genau auf die Erfordernisse der heutigen Zeit zu passen scheint, haben vielleicht auch mit der latenten Gefährdung von Millionen zu tun, es mit dem Arbeitspensum dauerhaft zu übertreiben. Inzwischen sind Selbsthilfegruppen entstanden, in denen Erfahrungen ausgetauscht und Strategien für den langwierigen Prozess der Rückkehr in ein normal strukturiertes Arbeitsleben entwickelt werden können. http://www.arbeitssucht.de/

Weniger ist mehr

Die vor allem durch das Smartphone nun möglichen neuen Kommunikationsformen können den tradierten geregelten Arbeitsalltag vollkommen aufheben: Ein Facharbeiter wird beispielsweise in der S-Bahn auf dem Weg vom Arbeitsplatz nach Hause von Kollegen angerufen, um dann über eine App noch einmal in die Steuerung seiner Maschine im Werk einzugreifen, am Sonntagmorgen beantworten viele noch schnell berufliche E-Mails bevor es zum Mittagessen zur Oma geht und auch im Urlaub bleibt man im Stand by-Modus, um ja nichts zu verpassen. Es ist klar, dass Menschen mit einer entsprechend Neigung heute noch viel stärker in der Gefahr sind, eine Arbeitssucht zu entwickeln. Es ist Aufgabe von Unternehmensleitungen und Belegschaften gemeinsam neue und praktikable Arbeitszeitmodelle auszuhandeln, die Strukturen mit klar definierten Ruhezeiten beinhalten.

Tipp:

Mobiles Arbeiten verhilft zur High Performance, braucht aber Grenzen.

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