Beratung 10.11.2015, 01:00 Uhr

Auszeit als Karrierebremse?

In vielen Fällen haben Mitarbeiter ein gesetzliches Recht auf Auszeit für die Familie. Wer es in Anspruch nimmt, freut sich darüber – aber freut sich auch der Arbeitgeber, wenn seine Talente viele Monate ausfallen? Schadet die Auszeit womöglich der Karriere? Ein Stimmungsbericht.

Schadet die berufliche Auszeit der Karriere?

Schadet die berufliche Auszeit der Karriere?

Foto: Creatas / Thinstock

Der Anruf kam mitten in der heißen Endphase eines Projektes: „Ihr Baby ist unterwegs.“ Unternehmensberater Ramon Tenge, der in Wien eingesetzt war, flog tags drauf zurück nach Deutschland. Nachmittags kam Tochter Emma zur Welt, drei Wochen zu früh, aber so ist das eben mit Plandaten. Fast zwei Monate blieb der Betriebswirt zu Hause, während die Kollegen das Projekt zu Ende brachten. „Der Partner und das Team haben das für mich abgefangen, wofür ich unglaublich dankbar bin“, sagt Tenge. „Und ich bin sogar im selben Jahr befördert worden. Meiner Karriere hat es nicht geschadet.“

Wer wie der Unternehmensberater im Team arbeitet, ist natürlich leichter zu ersetzen als ein Spezialist, auf dessen Wissen und Know-how die ganze Abteilung angewiesen ist. Wenn so einer die Firma für eine gewisse Zeit verlässt, um sich seinem Kind, pflegebedürftigen Angehörigen oder seiner Weiterbildung zu widmen, dann kann es eng werden. Die Kunden vermissen ihren gewohnten Ansprechpartner, die Kollegen müssen mehr Aufgaben schultern, und die Chefs – ja, die gönnen ihm oder ihr zwar die legitime Auszeit, aber glücklich sind sie nicht. Der „Urlauber“ weiß das meist ganz genau und fürchtet nicht selten, dass nach seiner Rückkehr etwas hängen bleibt. Ist da etwas dran?

Größere Akzeptanz für Auszeiten

„Grundsätzlich werden familiäre Auszeiten heute eher akzeptiert als in der Vergangenheit“, versichert Mirja Linke, Personalberaterin bei Deininger Consulting in Frankfurt. Allerdings nicht überall, warnt sie: „Der Mittelstand sieht das ein Stück weit kritischer.“ Hier ist die Personaldecke dünner, wichtige Mitarbeiter können nicht so leicht ersetzt werden. Das führt im besten Fall zu innerem Groll, im schlimmsten Fall zum gedanklichen Vermerk mit dickem Minuszeichen. Mitarbeiterorientierung hin, Betonung der guten Work-Life-Balance her: Arbeitgebern mit knappen Besetzungen kann man das nicht verdenken. „Kleinere und mittelständische Unternehmen verfügen nicht über die erforderlichen Ressourcen und die Flexibilität, diese Abwesenheitszeiträume zu kompensieren“, erklärt Jörg Breiski, Personalberater in München und Mitglied der Geschäftsleitung von Kienbaum. „Dies trifft insbesondere auf Führungskräfte oder ohnehin knappe Fachkräfte zu. In wirklich dringenden Fällen finden Unternehmen oft eine Lösung – aber dies erfolgt meist mit Zähneknirschen.“

Bei Ramon Tenge war das nicht der Fall. „Wir arbeiten in Projekten ohnehin so eng zusammen, dass das Know-how nicht ausschließlich bei einem Teammitglied liegt“, so der Berater, „auch weil ja immer jemand ausfallen kann.“

Wie sind Auszeiten in Unternehmen geregelt?

Der 33-Jährige gehört zur sogenannten Generation Y – Y wie „Why“, die Fragenden, die Fordernden. Entsprechend erwartet er von seinem Arbeitgeber, dass dieser Rücksicht nimmt, wenn Mitarbeiter eine Auszeit benötigen. „Wenn das denn geht“, schränkt Tenge ein. „Auch als Arbeitnehmer muss man natürlich Rücksicht auf die betrieblichen Notwendigkeiten nehmen.“

Mirja Linke rät deshalb: „Bevor man nach einer Auszeit fragt, sollte man sich anschauen, wie das bisher im Unternehmen gehandhabt wurde.“ Gibt es feste Regeln, wie bei persönlich oder familiär bedingten Abwesenheiten von mehreren Wochen oder Monaten Dauer verfahren wird? Wer entscheidet darüber, wer muss mit ins Boot geholt werden? „Es kommt natürlich stark auf die individuelle Haltung des Vorgesetzten dazu an“, so Linke. Das kann, muss aber keine Altersfrage des Vorgesetzten sein und ist durch vorsichtiges Anklopfen rasch herauszufinden. Auf gar keinen Fall aber schon im Vorstellungsgespräch, warnt sie: „Kaum jemand wird einen Bewerber einstellen, der mit seiner Frage bereits ankündigt, unter Umständen schon in Kürze für eine längere Zeit auszufallen.“

Das ist nun zwar nichts Neues, steht aber im Widerspruch zur trendigen Personalwerbung, die häufig verspricht: „Wie und wann Sie arbeiten, entscheiden Sie selbst.“ Bei Konzernen könne man davon ausgehen, dass das im Großen und Ganzen stimme, beruhigt Ralf Kleine, Geschäftsführer der SCS Personalberatung in Frankfurt. „Die haben die Möglichkeit, für sechs oder mehr Monate auf einen Mitarbeiter zu verzichten, auch wenn es eine Führungskraft ist. Aber der Mittelstand hat diese Kapazitäten in der Regel nicht.“ Wenn ein Entwicklungsingenieur auf zwölf Monaten Elternzeit bestehe, dann werde das, vorsichtig formuliert, nicht geschätzt. „Work-
Life-Balance ist schön“, spiegelt Kleine die Arbeitgebermeinung wider, „aber die besteht nicht nur aus Life, sondern auch aus Work.“

Auch David Biere ist Berater. Seit 2009 hat er sich mehrfach für private Anliegen freigenommen. „Die erste Auszeit – bei uns Leave genannt– habe ich nach einem Jahr genommen. Meine Frau ist Grundschullehrerin und wir wollten für eine längere Reise nach Portugal. Die zweite Auszeit diente meiner Promotion. Ich bin für gut zwei Jahre freigestellt worden, ohne monatliches Gehalt, aber ich wurde vom Arbeitgeber finanziell unterstützt.“ Sein dritter Leave war ungeplant und alles andere als erwünscht, eine familiäre Notlage. Eine halbe Stunde nach seinem Anruf in der HR-Abteilung hatte er die mündliche Genehmigung. „Der unbezahlte Urlaub ist Teil unserer Unternehmenskultur“, so Biere. „Er muss in der Regel mit einem Vorlauf von etwa drei bis vier Monaten beantragt werden, da er mittlerweile, insbesondere im Sommer, sehr beliebt ist. Wir sind im Projektgeschäft, das ist ein großer Vorteil gegenüber der Industrie.“ Elternzeit, Promotion, MBA, ausgedehnte Ferien – alles kein Problem, sagt Biere. „Man bekommt in dieser Zeit natürlich kein Gehalt. Aber es gibt viele Kollegen, die das zwei, drei Monate lang machen. Das wirft keinen Schatten auf die Karriere.“

 

Top Stellenangebote

Universitätsstadt Marburg-Firmenlogo
Universitätsstadt Marburg Leiterin / Leiter für den Fachdienst Bauverwaltung und Vermessung Marburg
J. Schmalz GmbH-Firmenlogo
J. Schmalz GmbH Assistent (m/w) der Geschäftsführung Glatten
SEW Eurodrive-Firmenlogo
SEW Eurodrive Projektingenieur Automatisierung (w/m) Bruchsal
B. Braun Melsungen AG-Firmenlogo
B. Braun Melsungen AG Laboringenieur für Kunststoffeinmalartikel (m/w) Schwerpunkt Prüftechnik und Schadensanalyse Radeberg
Continental Foods Germany GmbH-Firmenlogo
Continental Foods Germany GmbH Elektroingenieur (m/w) Fachrichtung Automatisierungstechnik Lübeck
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH-Firmenlogo
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH Entwicklungsingenieur/in Elektrofahrzeuge und Smart Grids Offenbach am Main
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH-Firmenlogo
Honda R&D Europe (Deutschland) GmbH Entwicklungsingenieur/in Emissions- und Umwelttechnologien Offenbach am Main
Belimed GmbH-Firmenlogo
Belimed GmbH Elektroingenieur (m/w) Mühldorf am Inn
Jungheinrich Landsberg AG & Co. KG-Firmenlogo
Jungheinrich Landsberg AG & Co. KG Ingenieur (m/w) als Produktionsleiter Elektro-Niederhubwagen Landsberg
Stadt Esslingen am Neckar-Firmenlogo
Stadt Esslingen am Neckar Kanalmeister / Kanalmeisterin / Abwassermeister / Abwassermeisterin Esslingen