VW-Umbau: Vier Werke und bis zu 70.000 Jobs auf dem Prüfstand
VW berät über die Zukunft von vier deutschen Werken und möglichen Stellenabbau. Parallel investiert der Konzern in Cloud- und Zukunftstechnologien.
Jetzt wirds eng: Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen Group, will im Aufsichtsrat und bei den Beschäftigten drastische Sparpläne durchsetzen.
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Bei Volkswagen wird es ernst. Am 4. September beschäftigt sich der Aufsichtsrat erneut mit den Zukunftsplänen des Konzerns. Diesmal geht es nicht um kleinere Sparrunden. Zur Debatte stehen deutsche Werke, Zehntausende Arbeitsplätze und möglicherweise sogar die Struktur einzelner Konzernbereiche.
Bereits Ende August hatte VW-Chef Oliver Blume bei Betriebsversammlungen in Emden und Zwickau weitere Einschnitte angekündigt. Das Management soll um ein Viertel schrumpfen, die Produktionskapazitäten in Europa sollen sinken. ingenieur.de berichtete bereits über die Pläne zum Managementabbau und die Situation der VW-Werke. Inzwischen wird konkreter, wo es besonders wehtun könnte.
Inhaltsverzeichnis
- VW-Werke in Emden und Zwickau ohne Perspektive nach 2031
- Stellenabbau bei VW könnte nochmals größer werden
- VW will weniger Modelle und weniger Varianten
- Selbst die Konzernstruktur steht zur Diskussion
- Trotz Sparkurs: VW baut eigene Private Cloud auf
- Was passiert mit Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm?
VW-Werke in Emden und Zwickau ohne Perspektive nach 2031
Nach Informationen der Wirtschaftswoche sieht ein internes Papier für den Aufsichtsrat vor, die Fahrzeugproduktion in Emden und Zwickau 2031, in Hannover 2032 und im Audi-Werk Neckarsulm 2034 auslaufen zu lassen. Auch Reuters berichtet über die entsprechenden Planungen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die vier Werke bereits geschlossen werden. Beschlossen ist das nicht. Das Problem liegt vielmehr in der Zeit danach. Anfang der 2030er-Jahre endet an den Standorten die Fertigung heutiger beziehungsweise bereits geplanter Modelle. Eine gesicherte Anschlussbelegung fehlt bislang.
Gerade Emden und Zwickau sind bemerkenswerte Fälle. Volkswagen hat beide Standorte mit erheblichem finanziellen Aufwand für die Elektromobilität umgebaut. Zwickau wurde zum ersten großen VW-Werk, das ausschließlich Elektroautos fertigt. Auch Emden erhielt einen umfassenden Umbau für die E-Auto-Produktion.
Stellenabbau bei VW könnte nochmals größer werden
Beim Personal sieht es kaum entspannter aus. Bis 2030 sollen im Volkswagen-Konzern bereits rund 50.000 Stellen in Deutschland wegfallen. Allein bei der Volkswagen AG sind 35.000 Stellen betroffen. Über diesen bereits vereinbarten Abbau hatte ingenieur.de im März ausführlich berichtet.
Doch möglicherweise reicht dem Vorstand das nicht. Reuters nennt im Zusammenhang mit dem neuen Umbauprogramm bis zu 70.000 weitere Stellen, die betroffen sein könnten. Andere Medien kommen auf abweichende Größenordnungen. Ein zusätzliches Stellenabbauprogramm mit einer festgelegten Zahl von 70.000 Jobs gibt es bislang nicht. Sicher ist dagegen: Auch das Management bleibt nicht verschont. Rund ein Viertel der Führungspositionen soll verschwinden.
Der Widerstand von Arbeitnehmerseite und IG Metall ist entsprechend groß. Und er ist relevant: Im 20-köpfigen Aufsichtsrat sitzen zehn Arbeitnehmervertreter. Hinzu kommen zwei Vertreter des Landes Niedersachsen, die bei zentralen Standortfragen traditionell erhebliches Gewicht besitzen.
VW will weniger Modelle und weniger Varianten
Der Stellenabbau ist nur ein Teil des Plans. Volkswagen will seine Modellpalette schrittweise um bis zu 50 % reduzieren, die Zahl der Ausstattungsvarianten sogar um bis zu 75 %. Auch die Produktionskapazität soll sinken. Statt auf rund 10 Mio. Fahrzeuge richtet VW sein weltweites Produktionsnetz künftig auf etwa 9 Mio. Fahrzeuge pro Jahr aus. Dahinter steckt einfache Industrieökonomie: Weniger Varianten erhöhen die Stückzahlen je Modell und können Entwicklung und Produktion verbilligen. Gleichzeitig will VW technische Komponenten stärker konzernweit nutzen.
Selbst die Konzernstruktur steht zur Diskussion
Der Vorstand denkt offenbar noch weiter. Reuters zufolge wird auch über eine rechtliche Neuordnung von Pkw- und Komponentenaktivitäten diskutiert. Arbeitnehmervertreter und Niedersachsen lehnen wesentliche Teile des Sanierungskurses ab. Die Arbeitnehmerseite hat inzwischen einen eigenen Gegenentwurf vorgelegt. Schon im Juli konnte sich Blume mit Teilen seines Plans im Aufsichtsrat nicht durchsetzen.
Jetzt folgt am 4. September der nächste Versuch. Der Handlungsdruck ist zugegeben nachvollziehbar – Volkswagen kämpft mit hohen Kosten, Überkapazitäten und einem erheblich schärferen Wettbewerb, vor allem aus China. Gleichzeitig sind die Margen unter Druck. Ohne Anpassungen der Produktionsstruktur drohen dauerhaft hohe Fixkosten für Fabriken, die nicht ausreichend ausgelastet sind.
Trotz Sparkurs: VW baut eigene Private Cloud auf
Ganz auf Sparflamme läuft Volkswagen deshalb nicht. Während über Fabriken, Arbeitsplätze und Modellreihen gestritten wird, investiert der Konzern an anderer Stelle weiter. Gemeinsam mit T-Systems baut VW die Group Private Cloud 2.0 auf. Sie soll zur zentralen Infrastruktur für Anwendungen aller Konzernmarken werden. Neue IT-Anwendungen werden bereits dort angesiedelt, später sollen auch bestehende Systeme folgen. T-Systems übernimmt Aufbau und weltweiten Betrieb.
Der Aufbau ist mehr als ein IT-Projekt. Mit Fahrzeugdaten, KI-Anwendungen und zunehmend digitalisierten Fabriken wird die Cloud selbst Teil der automobilen Infrastruktur. VW-Konzernvorständin für IT Hauke Stars formuliert das Ziel ziemlich eindeutig: „Mit unserer Group Private Cloud werden wir künftig mehr Daten selbst verarbeiten und sind damit auch wirtschaftlich unabhängiger.“
Dabei geht es vor allem um digitale Souveränität und die Verarbeitung sensibler Daten im europäischen Rechtsraum. Volkswagen verabschiedet sich damit allerdings nicht von den großen US-Hyperscalern. Die Private Cloud ergänzt bestehende Partnerschaften und gibt dem Konzern bei ausgewählten Anwendungen ein stärker kontrolliertes europäisches Standbein.
Was passiert mit Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm?
Es ist nicht zu erwarten, dass die Aufsichtsratssitzung diese Frage endgültig beantwortet. Zu groß sind die Differenzen zwischen Vorstand, Arbeitnehmervertretern und dem Land Niedersachsen. Vor allem sollte aus einem geplanten Produktionsende nicht vorschnell eine beschlossene Werksschließung werden. Noch besteht Zeit für neue Modelle, andere Produktionsaufgaben oder alternative Nutzungskonzepte. Doch die Uhr läuft – noch besteht Zeit für neue Modelle oder andere Produktionsaufgaben. Was bislang fehlt, ist etwas anderes: eine belastbare Perspektive für die vier Standorte.
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