Ladeinfrastruktur in Deutschland: Europas größtes Schnellladenetz vor neuen Engpässen
Deutschlands Ladeinfrastruktur wächst: Mehr als 200.000 Ladepunkte und Europas größtes Schnellladenetz. Doch Leistung und Netzanschlüsse bleiben Engpässe.
Eine Schnellladestation für Elektrofahrzeuge auf dem Parkplatz eines Bauhaus-Baumarktes. Noch reichen die öffentlichen Schnelllademöglichkeiten in Deutschland aus, doch bis 2030 muss dringend weiter ausgebaut werden.
Foto: picture alliance / SNS/Steven Mohr
Wie leistungsfähig muss Europas Ladenetz für den Massenmarkt werden? Diese Frage steht im Mittelpunkt der noch bis heute laufenden Intercharge Network Conference (ICNC) am Flughafen Tempelhof in Berlin. Rund 10.000 Teilnehmer und 220 Sprecher aus Ladeindustrie, Energiewirtschaft, Automobilindustrie und Politik werden für die dreitägige Veranstaltung erwartet.
Eine Diskussion trägt den bezeichnenden Titel „Stop Counting Chargers“. Dahinter steht ein grundlegender Wandel: Nicht allein die Zahl der Anschlüsse bestimmt die Qualität der Ladeinfrastruktur, sondern zunehmend deren Leistung, Auslastung und Netzanschluss.
Inhaltsverzeichnis
- Deutschland hat mehr als 54.000 öffentliche Schnellladepunkte
- Deutschland besitzt Europas größtes DC-Schnellladenetz
- Reicht das Ladenetz für 8 Mio. Elektroautos?
- ICNC 2026: Mehr Ladeleistung stellt neue Anforderungen ans Netz
- Bei E-Lkw ist die Lücke deutlich größer
- Deutschlands Ladenetz braucht künftig mehr MW statt immer mehr Stecker
Deutschland hat mehr als 54.000 öffentliche Schnellladepunkte
Zum 1. Juli 2026 registrierte die Bundesnetzagentur 209.605 öffentlich zugängliche Ladepunkte in Deutschland. Davon waren 155.264 Normal- und 54.341 Schnellladepunkte. Zusammen stellen sie gleichzeitig bis zu 9,04 GW Ladeleistung bereit. „Übersetzt“ sind rund 74 % Normal- und 26 % Schnellladepunkte, d.h. etwa jeder vierte öffentlich zugängliche Ladepunkt ermöglicht also schnelles Laden.
Wichtig ist dabei die Definition: Die Bundesnetzagentur zählt Ladepunkte, nicht Ladesäulen oder Standorte. Ein Ladepunkt kann jeweils ein Fahrzeug versorgen, eine Ladesäule mehrere Ladepunkte besitzen. Private Wallboxen und nicht öffentlich zugängliche betriebliche Ladeeinrichtungen sind nicht enthalten. Zudem ermöglicht die Ladesäulenverordnung nach Angaben der Behörde keine lückenlose Erfassung. Die tatsächliche Zahl öffentlich zugänglicher Ladeeinrichtungen dürfte daher sogar noch höher liegen.
Deutschland besitzt Europas größtes DC-Schnellladenetz
Auch im europäischen Vergleich steht Deutschland gut da. Bei der Gesamtzahl öffentlich zugänglicher Ladepunkte bilden Deutschland, die Niederlande und Frankreich die Spitzengruppe. Bei DC-Schnellladepunkten liegt Deutschland sogar vorn. Nach Daten des European Alternative Fuels Observatory (EAFO), der Beobachtungsstelle der Europäischen Kommission für alternative Kraftstoffe, verfügte Deutschland Ende Juni über 55.070 DC-Ladepunkte.
Darunter befanden sich bereits 8381 öffentliche Ladepunkte mit mindestens 350 kW. Gerade diese Zahl zeigt besser als die Gesamtzahl, wie leistungsfähig ein Ladenetz tatsächlich ist. Ein AC-Ladepunkt mit 11 kW und ein High Power Charger (HPC) mit 350 kW zählen statistisch jeweils als ein Ladepunkt – technisch liegen dazwischen jedoch Welten.
Reicht das Ladenetz für 8 Mio. Elektroautos?
Für den heutigen E-Pkw-Bestand ist Deutschland also vergleichsweise gut gerüstet. Doch der Bedarf wächst schnell. Die Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur erwartet für 2030 rund 8 Mio. batterieelektrische Pkw (BEV) und weitere 2,4 Mio. Plug-in-Hybride (PHEV). Je nachdem, wie häufig künftig zu Hause oder am Arbeitsplatz geladen wird, werden dafür 380.000 bis 680.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte benötigt.
Das Referenzszenario geht von 520.000 aus, darunter 68.000 HPC-Ladepunkte mit mehr als 150 kW. Die dafür erforderliche installierte öffentliche Ladeleistung liegt je nach Szenario zwischen 15,7 GW und 22,6 GW. Zum Vergleich: Heute sind knapp 210.000 öffentliche Ladepunkte mit 9,04 GW registriert. Deutschland startet also von einer guten Basis, muss seine öffentliche Ladeleistung nach Aussage der Branchenexperten bis 2030 aber erheblich ausbauen.
ICNC 2026: Mehr Ladeleistung stellt neue Anforderungen ans Netz
Genau dieser Wandel beschäftigt auch die ICNC. Höhere Ladeleistungen verkürzen zwar die Standzeit und erhöhen den Fahrzeugdurchsatz. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an den Netzanschluss. Zehn gleichzeitig mit 300 kW ladende Fahrzeuge benötigen rechnerisch bereits 3 MW. Bei 20 Ladepunkten mit jeweils maximal 400 kW wären theoretisch sogar 8 MW erforderlich.
Intelligentes Lastmanagement – Smart Charging – kann die verfügbare Leistung dynamisch verteilen. Batteriespeicher können zusätzlich Energie puffern und kurzfristig hohe Leistungen bereitstellen. Ein Ladepark muss dadurch nicht permanent die theoretische Maximalleistung aller Ladepunkte aus dem Netz beziehen. Die Alternative Fuels Infrastructure Regulation (AFIR), die EU-Verordnung über den Aufbau der Infrastruktur für alternative Kraftstoffe, trägt ebenfalls zum Perspektivwechsel bei: Nicht nur die Zahl der Ladepunkte, sondern auch deren Leistung wird zum Maßstab.
Bei E-Lkw ist die Lücke deutlich größer
Kritischer ist die Situation im Schwerverkehr. Nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie (VDA) gibt es in Deutschland derzeit lediglich 88 öffentliche Standorte mit insgesamt 355 Ladepunkten für schwere Nutzfahrzeuge. Bis 2030 soll das Lkw-Ladenetz 350 Standorte mit 4.200 Ladepunkten umfassen, darunter 1.800 Ladepunkte mit Megawatt Charging System (MCS).
Dem VDA reicht selbst das nicht. Er erwartet allein in Deutschland einen Bedarf von rund 4.000 öffentlichen MCS-Ladepunkten. VDA-Präsidentin Hildegard Müller warnt: „Die unzureichende Ladeinfrastruktur ist der zentrale Engpass für den Markthochlauf elektrischer Nutzfahrzeuge.“ Noch deutlicher wird die Herausforderung bei der Leistung.
Für E-Lkw prognostiziert die Nationale Leitstelle bis 2030 einen Ladeleistungsbedarf von knapp 14 GW. Das geplante öffentliche Netz deckt davon lediglich etwa 2,6 GW ab. Mehr als 11 GW müssten also über private Ladepunkte auf Betriebshöfen bereitgestellt werden. Damit werden leistungsfähige Netzanschlüsse für Speditionen und Logistikzentren zu einem entscheidenden Faktor. Laut VDA kann deren Erweiterung bei großen Ladehubs heute im Extremfall bis zu zehn Jahre dauern.
Deutschlands Ladenetz braucht künftig mehr MW statt immer mehr Stecker
Deutschland ist bei der öffentlichen Pkw-Ladeinfrastruktur und insbesondere beim Schnellladen im europäischen Vergleich gut aufgestellt. Doch der Vorsprung bedeutet nicht, dass das Netz für den erwarteten Markthochlauf bereits ausreicht. Bis 2030 könnten statt heute knapp 210.000 je nach Entwicklung bis zu 680.000 öffentliche Ladepunkte erforderlich werden. Noch entscheidender ist jedoch die verfügbare Leistung. Bei E-Lkw wird das bereits besonders deutlich.
Damit trifft die ICNC 2026 mit ihrer Debatte über das bloße Zählen von Ladepunkten den Kern der nächsten Ausbauphase: Die Leistungsfähigkeit der Ladeinfrastruktur wird künftig weniger in Steckern als in MW gemessen.
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