Geschwindigkeit auf Autobahn 29.10.2021, 12:16 Uhr

Tempolimit kommt nicht – obwohl immer mehr dafür sind

Grüne und SPD wollten es, doch die FDP setzte sich durch: Ein Tempolimit auf der Autobahn wird es nicht geben. Deutschland steht damit ziemlich alleine da – und ein Umfrageergebnis zeigt: Immer mehr Menschen wollen ein Tempolimit.

Tempolimit auf der Autobahn: Ein Thema mit Konfliktpotenzial. Foto: Panthermedia.net/meinzahn

Tempolimit auf der Autobahn: Ein Thema mit Konfliktpotenzial.

Foto: Panthermedia.net/meinzahn

Es ist ein Reizthema: Das Thema Tempolimit spaltet die Nation. Für viele Autofahrer kommt ein Tempolimit auf Autobahnen auf keinen Fall in Frage. Andere sind überzeugt, dass ein Tempolimit das Unfallrisiko senkt und positive Auswirkungen auf den Klimaschutz hat. Tatsächlich weisen Studien genau darauf hin. Die Grünen hatten sich im Wahlkampf stets für ein Tempolimit ausgesprochen, nun wird es unter der möglichen künftigen Ampel-Regierung allerdings wohl doch keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen geben. Dabei wollen offenbar immer mehr Menschen das Tempolimit.

Das jedenfalls legt das Ergebnis einer Umfrage der ARD nahe. Demnach sprechen sich 60 % der Befragten im ARD-Deutschlandtrend für ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen aus. Dieses Ergebnis bezieht sich auf die Frage nach sinnvollen Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz. Im Vergleich zum Juni ist die Befürwortung einer Geschwindigkeitsbegrenzung um drei Prozentpunkte gestiegen. 38 % sehen ein Tempolimit aber als den falschen Weg an.

Tempolimit auf der Autobahn gibt es in den meisten anderen Ländern

Mit 200 Stundenkilometern über die Autobahn zu brettern ist ein klares Privileg der deutschen Autofahrer. In zahlreichen Nachbarländern gibt es das Tempolimit bereits. In den Niederlanden etwa gilt neuerdings auf Autobahnen ein strenges Tempolimit von 100 km/h – bis 19 Uhr.

Danach kann auch bis zu 130 km/h gefahren werden. Indes: Wirklich permanent mit Vollgas kann auf deutschen Autobahnen ohnehin niemand mehr fahren, denn das ist nur begrenzt möglich. Auf einer Länge von 13.000 Kilometern Autobahnnetz sind circa 3.900 Kilometer mit einem Tempolimit, meist zwischen 80 und 120 Stundenkilometern, belegt. Das heißt zwar: Insgesamt sind 70 Prozent der Autobahnen ohne Tempolimit. Doch wirklich lange Abschnitte ohne Geschwindigkeitsbegrenzung gibt es kaum. Die grenzenlose Tempo-Freiheit ist eher nur Mythos.

Ist Deutschland das einzige Land ohne Tempolimit?

In Europa haben alle Staaten ein Tempolimit – außer Deutschland. Die Geschwindigkeitsbegrenzung liegt innerhalb der EU zwischen 100 und 140 Stundenkilometern. In Polen dürfen Autofahrer zum Beispiel 140 km/h fahren. In Norwegen sind es nur 100 km/h. Doch es gibt auch Ausnahmen – und zwar Schweden und die zu Großbritannien gehörende Isle of Man. Die Schweden kennen kein generelles Tempolimit, sondern weisen die Geschwindigkeit je nach Streckenabschnitt aus. Auf der Insel in der Irischen See darf ebenfalls Vollgas gegeben werden.

Lesen Sie auch: 10 Fakten über Elektroautos

Global gesehen ist das eine Seltenheit. In nur wenigen Staaten darf ohne Tempolimit gefahren werden:

  • Nepal
  • Myanmar
  • Bhutan
  • Afghanistan
  • Nordkorea
  • Libanon
  • Burundi
  • Somalia und Mauretanien
  • Haiti
  • Vanuatu, Pradesh und Uttar in Indien

In vielen Gegenden der meisten dieser Staaten sind die Straßen allerdings nicht in einem Zustand, der besonders schnelles Fahren überhaupt erlauben würde.


Fakten zum Tempolimit

  • Bei den erlaubten Höchstgeschwindigkeiten außerorts und auf Autobahnen gibt es teils sehr deutliche Unterschiede zwischen den europäischen Staaten. Das Tempolimit innerorts liegt indes fast überall bei 50 km/h. Ausnahmen: In der Ukraine gelten 60 km/h innerorts und in Polen darf zwischen 23 und 5 Uhr mit 60 Stundenkilometern gefahren werden. In Albanien und Andorra gilt hingegen innerorts eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 40 km/h.
  • Der Straßenverkehr ist für 12 % der CO2-Emissionen verantwortlich. Tempolimits auf Autobahnen könnten nach Einschätzung der meisten Experten einen leicht positiven Effekt haben, wenn es um die Begrenzung der Emissionen geht.
  • 60 % aller tödlichen Unfälle passieren auf der Landstraße
  • In Italien und Österreich denkt man darüber nach, das Tempolimit aufzuweichen. Streckenweise kann in Österreich schon jetzt wieder 160 km/h gefahren werden
  • In Deutschland gelten diese Geschwindigkeitsbegrenzungen bzw. Richtgeschwindigkeiten (130 km/h auf Autobahnen):
Tempolimit Pkw mit Anhänger Motorrad Wohnmobil leicht Wohnmobil schwer
innerorts 50 50 50 50 50
außerorts  100 80 100 100 80
Autobahnen  130 80 130 130 100

Nützt ein Tempolimit der Umwelt?

Laut Modellberechnungen des Bundesumweltamtes aus 2020 ja. Ein Tempolimit von 130 km/h würde 1,9 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Bei einer Obergrenze von 120 km/h beliefe sich die Einsparung auf 2,6 Millionen Tonnen. Laut dem ADAC sorgt der Umstieg auf Elektroautos automatisch für eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes – perspektivisch sogar mehr als ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Der noch amtierende Verkehrsminister Andreas Scheuer (CDU) sagte, dass ein Tempolimit “nur geringfügig” zum Klimaschutz beitrage.

Lesen Sie dazu auch unser Interview mit Experte Grischa Perino: Tempolimit reicht nicht zur Mobilitätswende: „CO2-Preis ist deutlich zu niedrig angesetzt“

Passieren weniger Unfälle, wenn es ein Tempolimit gibt?

Es gibt noch vergleichsweise wenige Studien zu den Auswirkungen von Tempolimits auf die Unfallgefahr – alle bisherigen Untersuchungen kommen aber zu dem Schluss, dass Unfälle umso seltener sind und weniger oft fatal enden, je langsamer die Autos fahren.

Als besonders aussagekräftig gilt eine Untersuchung aus Brandenburg. Bis 2002 war ein 62 Kilometer langer Abschnitt der A24 zwischen den Autobahndreiecken Wittstock und Havelland ohne Tempolimit. Ab 2003 wurde ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern eingeführt. Die Auswirkungen:

  • Die Zahl der Unfälle hat sich von 654 Unfällen in drei Jahren ohne Tempolimit auf 337 Unfälle in drei Jahren mit Tempolimit halbiert. Zu beachten ist dabei: Die Zahl der Autos hat sich von 47.200 Autos pro Tag in den Jahren 2000 bis 2002 auf 45.400 Fahrzeuge in den Jahren 2004 bis 2006 leicht verringert. Die Autoren der Studie bewerten den Anteil des Tempolimits an den Auswirkungen dennoch mit 26,5%.
  • Die Zahl er Verletzten halbierte sich nahezu nach der Einführung des Tempolimits
  • Dasselbe gilt für die Todesfälle: Zwischen 1996 bis 2002 starben 38 Menschen, nach der waren es 19.

Die Daten widersprechen damit einer vielzitierten Aussage des Stauforschers Michael Schreckenberg von der Uni Duisburg-Essen, der sich gegen Tempolimits ausspricht. „Ob ich mit Tempo 100 oder 160 vor den Baum fahre – ich bin in beiden Fällen tot“, sagte Schreckenberg in einem Interview 2019.

Warum will die Ampel-Koalition kein Tempolimit?

SPD und Grünen haben das Tempolimit klar gefordert – doch die FDP ist dagegen. Bei den Forderungen ging es vor allem um die potenzielle Verringerung von CO2-Emissionen. Die Partei allerdings vertritt die Position, dass sich Emissionen auf der Autobahn eher durch digitale Leitsysteme, die zum Beispiel Staus verhindern sollen, reduzieren lassen. In den Sondierungen konnte sich die FDP durchsetzen.

Was fordern Forschende?

Die Datenlage zu Auswirkungen eines Tempolimits sind dürftig. Forschende fordern daher Testläufe. Autoabschnitte könnten in einem “Reallabor” getestet werden. Hier spiele auch der Zustand der Straße eine Rolle. Verkehrsforscher kritisieren, dass solche Fakten zu wenig Anwendung finden. Den Forschern Stefan Bauernschuster (Universität Passau) und Christian Traxler (Hertie School Berlin) zufolge würde ein Tempolimit jedes Jahr Menschenleben retten und das Klima schonen. 2019 wurden 32.000 Menschen auf deutschen Autobahnen getötet oder verletzt.

Lesen Sie auch:

Hyperloop: Warum die fliegenden Holländer allen davon rasen

Autos der Zukunft: Ingenieure stellen visionäres Konzept vor

Ein Beitrag von:

  • Peter Sieben

    Peter Sieben ist Content Manager und verantwortlicher Redakteur für ingenieur.de. Nach einem Volontariat bei der Funke Mediengruppe war er mehrere Jahre als Redakteur und Politik-Reporter in verschiedenen Ressorts von Tageszeitungen und Online-Medien unterwegs. Er schreibt über Forschung, Politik und Karrierethemen.

  • Sarah Janczura

    Sarah Janczura

    Sarah Janczura ist Content Manager und verantwortliche Redakteurin für ingenieur.de. Nach einem Volontariat mit dem Schwerpunkt Social Media war sie als Online-Redakteurin in einer Digitalagentur unterwegs. Sie schreibt über Technik, Forschung und Karrierethemen.

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Fahrzeugtechnik

ALTEN GmbH-Firmenlogo
ALTEN GmbH (Junior) Softwareentwickler (m/w/d) Fahrerassistenzsysteme München, Ingolstadt
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen Entwicklungsingenieur Systemtest (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
IAV GmbH-Firmenlogo
IAV GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) Entwicklung & Integration Connected Car Services Gifhorn
IAV GmbH-Firmenlogo
IAV GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) Fahrerassistenzsysteme / Autonomes Fahren Heimsheim
Hays Professional Solutions GmbH-Firmenlogo
Hays Professional Solutions GmbH Entwicklungsingenieur Antriebsapplikation (m/w/d) Weissach
csi entwicklungstechnik GmbH-Firmenlogo
csi entwicklungstechnik GmbH Berechnungsingenieur (m/w/d) Fahrzeugentwicklung Winterberg (Hochsauerlandkreis)
csi entwicklungstechnik GmbH-Firmenlogo
csi entwicklungstechnik GmbH CAD-Konstrukteur (m/w/d) im Bereich Fahrzeugentwicklung Winterberg (Hochsauerlandkreis)
Meteor GmbH-Firmenlogo
Meteor GmbH Ingenieur:in / Techniker:in als Moderator:in FMEA Automotive Bockenem
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH-Firmenlogo
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH Techniker (m/w/d) Automotive Infotainment München
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH-Firmenlogo
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH Engineering Consultant / Test Design (m/w/d) Systemintegration, Car Infotainment, Fahrerassistenz und Telematik Systeme München

Alle Fahrzeugtechnik Jobs

Top 5 Verkehr

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.