So groß wie die Heron TP, aber mit 40 Stunden Flugzeit: Das steckt hinter der AeroForce X
Aerodata zeigt die 26 m breite Aufklärungsdrohne AeroForce X. Sie soll 40 Stunden fliegen und Unterseekabel überwachen. Der Erstflug erfolgt zunächst mit Pilot.
Prototyp der Aufklärungsdrohne AeroForce X. Sie besitzt 26 m Spannweite und 10.000 km Reichweite.
Foto: picture alliance/dpa | Jens Kalaene
Die AeroForce X soll später bis zu 40 Stunden ohne Besatzung in der Luft bleiben. Bei ihrem ersten Flug wird aber noch ein Pilot an Bord sein. Am 19. August hat die Aerodata AG den 26 m breiten Prototypen erstmals öffentlich in Strausberg bei Berlin präsentiert. Mitte Oktober soll er abheben, ab 2027 sind unbemannte Flüge vorgesehen. Eine Serienfertigung peilt das Unternehmen für 2029 an.
Aerodata entwickelt die Maschine vor allem für lang andauernde Überwachungs- und Aufklärungsmissionen. Ein wichtiges Einsatzgebiet sieht das Unternehmen über Nord- und Ostsee, etwa beim Schutz von Unterseekabeln und anderer kritischer Infrastruktur.
Allerdings betritt Aerodata damit keinen leeren Markt. Die Bundeswehr setzt mit der German Heron TP bereits eine ähnlich große Aufklärungsdrohne über der Ostsee ein. Parallel entsteht mit der Eurodrohne ein weiteres europäisches MALE-System.
Inhaltsverzeichnis
26 m Spannweite und bis zu 1,3 t Nutzlast
Die AeroForce X gehört zur MALE-Klasse. Die Abkürzung steht für „Medium Altitude Long Endurance“ und bezeichnet unbemannte Luftfahrtsysteme, die in mittleren Höhen über lange Zeiträume eingesetzt werden können.
Aerodata nennt für die AeroForce X folgende Werte:
- Spannweite: 26 m
- Reichweite: bis zu 10.000 km
- Flugdauer: bis zu 40 Stunden
- Flughöhe: bis zu rund 12,2 km
- maximale Abflugmasse: knapp 5 t
- Nutzlast: bis zu 1300 kg
Bis auf die Abmessungen sind das bislang vor allem Herstellerangaben beziehungsweise Entwicklungsziele. Der Prototyp ist noch nicht geflogen. Die Endmontage hatte Aerodata im Juni abgeschlossen.
Von den 1300 kg Nutzlast sollen nach Angaben von Aerodata bis zu 700 kg im Rumpf untergebracht werden können. Hinzu kommen jeweils bis zu 325 kg an Aufhängepunkten unter den Tragflächen.
Erstflug im Oktober – zunächst bemannt
Der erste Testflug soll Mitte Oktober vom Verkehrslandeplatz Strausberg aus stattfinden. Obwohl die AeroForce X als unbemanntes Luftfahrtsystem entwickelt wird, sitzt dabei zunächst ein Pilot im Cockpit.
Ab 2027 soll die Flugerprobung ohne Besatzung weitergehen. Erst danach wird sich zeigen, ob sich die bislang genannten Leistungsdaten auch im Flugbetrieb erreichen lassen.
Bis zur Serienfertigung ist entsprechend noch Zeit. Aerodata nennt dafür 2029 als Ziel. Einen öffentlich bekannten Beschaffungsauftrag gibt es bislang nicht. Nach Angaben des Unternehmens laufen jedoch Gespräche mit der Bundeswehr, laut rbb auch auf Generalsebene.
Die Bundeswehr fliegt bereits eine ähnlich große Drohne
Die AeroForce X wäre für die Bundeswehr keine völlig neue Größenklasse. Mit der German Heron TP setzt die Luftwaffe bereits ein MALE-System ein, das bei einigen Eckdaten erstaunlich nah an der deutschen Neuentwicklung liegt.
| AeroForce X* | German Heron TP | |
| Spannweite | 26 m | 26 m |
| maximale Flughöhe | rund 12,2 km | 12,5 km |
| maximale Abflugmasse | knapp 5 t | 5,4 t |
| Nutzlast | bis 1,3 t | 1,6 t |
| maximale Flugzeit | bis 40 h | 27 h |
Bei Spannweite und Flughöhe sind beide Systeme nahezu gleichauf. Die German Heron TP kann mehr Nutzlast tragen. Aerodata stellt der AeroForce X dafür eine deutlich längere Flugdauer in Aussicht. Ob die 40 Stunden tatsächlich erreicht werden, muss die Flugerprobung zeigen. Die Bundeswehr nennt für ihre Heron TP maximal 27 Stunden.
Der Vergleich ist auch deshalb relevant, weil die Heron TP bereits genau in einem Einsatzgebiet fliegt, für das Aerodata seine neue Drohne positioniert. Bei der NATO-Aktivität Baltic Sentry überwacht sie die Ostsee und liefert Aufklärungsergebnisse zum Schutz von Datenkabeln und Pipelines.
Die Bundeswehr baut diese Fähigkeit zudem aus. Im September 2025 billigte der Bundestag den Kauf von drei weiteren German Heron TP zusätzlich zu fünf geleasten Maschinen.
Radar, Kameras und sogar Sonarbojen
Bei der AeroForce X setzt Aerodata auf eine modular bestückbare Plattform. Der Hersteller nennt unter anderem elektrooptische und Infrarotkameras, elektronische Aufklärungssysteme und ein Multimode-Radar.
Für maritime Einsätze kommen weitere Systeme hinzu. Auf seiner Produktseite führt Aerodata beispielsweise AIS zur Erfassung von Schiffspositionsdaten, Satellitenkommunikation sowie verschiedene Radar- und Funkpeilverfahren auf.
Eine auffällige Option sind Sonarbojen. Solche Sensoren werden ins Wasser abgeworfen und können beispielsweise Geräusche von Schiffen oder U-Booten erfassen. Laut Aerodata soll die AeroForce X Sonarbojen transportieren und ausbringen sowie die gewonnenen Daten verarbeiten können.
Damit geht das mögliche Einsatzspektrum über die reine Beobachtung der Wasseroberfläche hinaus.
Aerodata nennt inzwischen auch militärische Wirkmittel als mögliche Nutzlast. Auf der Produktseite wird ausdrücklich die Integration von Loitering Munition aufgeführt. Bei der Präsentation in Strausberg sagte Entwicklungschef Thomas Krüger, eine Bewaffnung sei technisch möglich, falls sie langfristig verlangt werde. Entwickelt worden sei die Maschine aber zunächst für die maritime Aufklärung.
Was die Drohne über Nord- und Ostsee erkennen soll
Beim Schutz von Unterseekabeln geht es nicht darum, dass die Drohne eine Sabotage automatisch zweifelsfrei feststellt. Sie soll vielmehr Auffälligkeiten erfassen, die auf verdächtige Aktivitäten hindeuten können.
Aerodata nennt dafür unter anderem Schiffe, die ihre Ortung abschalten oder manipulieren, ungewöhnliche Kursänderungen und einen über den Meeresboden gezogenen Anker. Solche Beobachtungen könnten mit weiteren Sensordaten zusammengeführt und anschließend bewertet werden.
Die lange Flugzeit soll es ermöglichen, große Seegebiete über viele Stunden zu beobachten. Von einer permanenten Überwachung durch ein einzelnes Fluggerät kann dennoch keine Rede sein. Dafür wären mehrere Maschinen und entsprechende Einsatzzyklen notwendig.
Die AeroForce X begann als Apus I5
Entwickelt wurde das Flugzeug ursprünglich nicht von Aerodata. Dahinter steckt eine Vorgeschichte, die erklärt, weshalb das Braunschweiger Unternehmen ausgerechnet in Strausberg fertigt.
Nach Angaben des rbb entstand die Maschine zunächst bei Apus Aeronautical Engineering in Strausberg und trug dort die Bezeichnung I5. Das Unternehmen geriet jedoch in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Aerodata übernahm das Projekt 2025. Zu diesem Zeitpunkt sei das Flugzeug bereits weitgehend entwickelt gewesen.
Auch ein Teil des Teams blieb erhalten. Rund 40 Beschäftigte von Apus seien vom Unternehmen FTI Engineering Network übernommen worden, mit dem Aerodata weiter zusammenarbeitet. Nach Angaben von Aerodata-Entwicklungschef Krüger arbeiten damit Menschen an der Fertigstellung, die bereits an der ursprünglichen Konstruktion beteiligt waren.
Aerodata hat das bestehende Flugzeugprojekt damit übernommen und führt es heute unter dem Namen AeroForce X bis zur Flugerprobung weiter.
Und dann gibt es noch die Eurodrohne
Auch der Blick auf die Eurodrohne ist wichtig für die Einordnung. Deutschland entwickelt dieses deutlich größere MALE-System gemeinsam mit Frankreich, Italien und Spanien. Deutschland hat nach Angaben der Bundeswehr sieben Eurodrohnen-Systeme bestellt.
Airbus plant den Erstflug derzeit für 2029. Neben klassischer Aufklärung nennt der Hersteller inzwischen auch Frühwarn- und U-Boot-Abwehrmissionen als mögliche Aufgaben.
Die Bundeswehr bezeichnet die German Heron TP ausdrücklich als Brückenlösung bis zur Eurodrohne, die zu Beginn des kommenden Jahrzehnts in die Truppe kommen soll.
Für die AeroForce X bedeutet das: Sie muss sich nicht nur gegen außereuropäische Anbieter behaupten. Auch innerhalb Europas entstehen beziehungsweise existieren bereits Systeme für ähnliche Aufgaben.
Aerodata setzt deshalb vor allem auf die Entwicklung und Fertigung in Deutschland sowie eine nach Unternehmensangaben ITAR-freie Plattform, die nicht unter die entsprechenden US-amerikanischen Rüstungsexportregeln fallen soll. Das bedeutet allerdings nicht, dass für mögliche Exporte keine deutschen oder europäischen Vorgaben gelten.
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