Mercedes-Krise 29.09.2026, 13:00 Uhr

Mercedes droht mit Werksschließungen: Experte warnt vor Kampf um neue Modelle

Mercedes-Benz fordert niedrigere Kosten und stellt zwei Werke infrage. Autoexperte Stefan Bratzel sieht neue Modelle als entscheidend.

Mercedes Benz

Werksschließungen und Arbeitszeitverkürzung stehen bei Mercedes in der Diskussion.

Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMON

Ein deutsches Montagewerk und ein Werk für Antriebskomponenten könnten geschlossen werden, falls Mercedes-Benz seine Kosten nicht senkt. Das sagte Produktionsvorstand Michael Schiebe auf einer Betriebsversammlung in Sindelfingen. Sein erklärtes Ziel sei allerdings, alle deutschen Standorte zu erhalten. Der Gesamtbetriebsrat wies die Drohung zurück. Welche Werke betroffen sein könnten, hat Mercedes nicht genannt; Schließungen sind nicht beschlossen.

Der Konflikt betrifft die gesamte Automobilbranche. Volkswagen plant einen weitreichenden Umbau mit einem zusätzlichen Abbau von rund 50.000 Stellen im Konzern. Für die Werke Emden, Zwickau und Hannover sowie das Audi-Werk Neckarsulm kann VW derzeit keine wettbewerbsfähige Folgebelegung garantieren, gestaffelt ab 2031 bis 2034. Keines dieser vier Werke ist zur Schließung beschlossen. Auch bei BMW gibt es Sparpläne: Nach Recherchen von ingenieur.de steht ein Abbau von rund 8000 Stellen weltweit über Fluktuation und freiwillige Abfindungen im Raum; BMW hatte sich zu den dort beschriebenen Plänen zunächst nicht geäußert. Mercedes liegt mit dem Kostendruck demnach im Branchentrend. Über Beschäftigung und Werke wird bei den drei Herstellern allerdings auf unterschiedlicher Grundlage entschieden.

Bratzel: Heutige Auslastung sichert kein Folgemodell

Was Schiebes Warnung praktisch bedeutet, erklärt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM), am Beispiel Bremen. Das Mercedes-Werk dort sei gegenwärtig gut ausgelastet. Für seine längerfristige Zukunft komme es aber darauf an, „wo die nächsten Modellreihen produziert werden“, sagte Bratzel gegenüber Radio Bremen. Auch gut beschäftigte Standorte würden deshalb auf ihre Kosten geprüft. In drei bis vier Jahren, wenn die nächsten Fahrzeuggenerationen anstehen, könne sich die Frage für Bremen zuspitzen.

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Bratzel sieht die Produktionskosten als wichtigen Standortfaktor, aber nicht als einzigen. Qualität, Energiepreise und die Kosten einer Werksschließung spielten laut Bratzel ebenfalls eine Rolle. Er verweist zudem auf das Mercedes-Werk Kecskemét in Ungarn, wo die Arbeitskosten deutlich niedriger seien. Mercedes hat den Standort ausgebaut: Nach Konzernangaben flossen rund 1 Mrd. € in seine Erweiterung; dort wird inzwischen auch eine elektrische C-Klasse produziert.

Daraus folge zwar keine beschlossene Verlagerung aus Bremen. Es zeige aber, welche Alternativen der Konzern bei künftigen Modellvergaben habe. Bei VW zeichnet sich eine ähnliche Frage nach der Folgebelegung ab, obwohl die Ausgangslage und die Zeitpläne andere sind. Ingenieur.de beschrieb bereits, weshalb die fehlenden Folgemodelle für vier VW-Standorte schwerer wiegen als die heutige Auslastung. Bratzels Einordnung zeigt damit, worauf auch bei Mercedes zu achten ist: Welche deutschen Werke erhalten die nächste Fahrzeuggeneration und die dafür nötigen Stückzahlen?

Drei Stunden mehr pro Woche für das gleiche Gehalt?

In den Gesprächen zwischen Mercedes und der Arbeitnehmerseite geht es auch um eine Verlängerung der vielerorts üblichen 35-Stunden-Woche auf 38 Stunden ohne Lohnausgleich. Mercedes bestätigte dem SWR Gespräche über eine solche Möglichkeit, nicht aber eine Einigung. Die IG Metall lehnt die Abkehr von der 35-Stunden-Woche ab. Drei zusätzliche Stunden wären rechnerisch 8,6 % mehr vertragliche Wochenarbeitszeit. Das senkt bei unverändertem Monatslohn in letzter Konsequenz den Stundenlohn. Ob dadurch auch die Kosten je gebautem Auto entsprechend fallen, hängt von der Auslastung der Anlagen und weiteren Produktionskosten ab.

Der Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer bewertet die Arbeitszeitfrage anders als die Gewerkschaft. Gegenüber den Badischen Neuesten Nachrichten bezeichnete er die 35-Stunden-Woche unter den heutigen Wettbewerbsbedingungen als überholt. Eine mögliche Werksschließung erwarte auch er nicht über Nacht: Ein Standort könne zunächst schrittweise verkleinert werden. Nach einem Bericht der WirtschaftsWoche unter Berufung auf drei mit den Gesprächen vertraute Personen will Mercedes 800 Mio. € bei den Arbeitskosten in Deutschland sparen. Mercedes hat die Summe bislang nicht bestätigt.

China belastet die Pkw-Sparte

Der wirtschaftliche Druck lässt sich an den jüngsten Geschäftszahlen ablesen. Im zweiten Quartal 2026 erzielte Mercedes-Benz Cars eine bereinigte Umsatzrendite von 4,0 %, nach 5,1 % im Vorjahresquartal. In China sank der Pkw-Absatz gegenüber dem zweiten Quartal 2025 um 30 %. Der Konzern nennt intensiven Wettbewerb, schwache Nachfrage und Modellwechsel als Ursachen. Zugleich stieg das Ergebnis vor Zinsen und Steuern auf Konzernebene von 1,3 Mrd. € auf 1,5 Mrd. €. Die Lage der Pkw-Fertigung lässt sich also weder mit dem Konzernergebnis allein noch mit den deutschen Löhnen allein erklären.

Für die deutschen Werke wird nun entscheidend, welche Zusagen eine mögliche Kostenvereinbarung tatsächlich enthält. Bratzels Einordnung dürfte daher die Entscheidende sein: Erhalten die Standorte die nächsten Modelle und ausreichend Stückzahlen? Erst dann ließe sich beurteilen, ob Zugeständnisse bei der Arbeitszeit Beschäftigung längerfristig sichern.

Ein Beitrag von:

  • Peter Kellerhoff

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Automobil, Nutzfahrzeuge, Schiff, Bahn, Verkehr, Mobilität, E-Mobilität, Software, Cloud, Internet, KI

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