40 % mehr Kapazität: Ist das der Nachtzug der Zukunft?
Nachtzüge sind wieder gefragt, rechnen sich aber oft nicht. Das DLR hat deshalb mit vier Firmen aus der Bahnbranche einen doppelstöckigen Nachtzug entworfen, der bei gleichem Gewicht pro Achse 40 % mehr Reisende aufnehmen soll. Auf der InnoTrans ist das Konzept jetzt zu sehen.
Mehrere ALISA-Einheiten sollen sich zu einem Zug koppeln lassen. Jede besteht aus drei Doppelstockwagen, so können Betreiber die Zuglänge an die Nachfrage anpassen.
Foto: ALISA-Projekt / Tricon
Wer abends in Hamburg in den Nachtzug steigt und morgens in Wien aufwacht, spart sich den Flug und die Hotelnacht. Solche Verbindungen sind wieder gefragt. Für die Betreiber bleibt die Rechnung trotzdem oft schwierig: Ein Schlafwagen bietet weit weniger Plätze als ein Sitzwagen und steht tagsüber meist ungenutzt im Depot.
Auf der InnoTrans 2026 in Berlin, der internationalen Leitmesse für Verkehrstechnik, hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) nun ein Konzept vorgestellt, das beide Probleme angehen soll. Im Forschungsprojekt ALISA hat es mit den Firmen Tricon, Geta, Satek und der k+v Ingenieurgesellschaft einen Nachtzug aus drei fest gekuppelten Doppelstockwagen entworfen.
Laut DLR soll er 40 % mehr Fahrgäste aufnehmen als der neueste Nightjet der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). Und das bei gleicher Achslast, also ohne die Gleise stärker zu belasten.
Inhaltsverzeichnis
So ist der ALISA-Zug aufgebaut
Die Grundeinheit besteht aus drei Doppelstockwagen, die dauerhaft miteinander verbunden und zusammen rund 46 m lang sind. Beide Etagen lassen sich laut DLR auf ganzer Länge begehen. Bei heutigen Doppelstockwagen sitzen die Räder paarweise auf einer durchgehenden Welle, und über den Fahrgestellen liegt der Boden höher. Fahrgäste müssen deshalb Stufen steigen.
ALISA nutzt stattdessen ein Einzelrad-Fahrwerk, das das DLR für seinen Forschungszug Next Generation Train entwickelt hat. Dabei hat jedes Rad einen eigenen Motor. Eine Regelung lässt in Kurven das äußere Rad etwas schneller drehen als das innere und lenkt so das Radpaar durch den Bogen. Ohne Welle bleibt das Unterdeck eben, was auch Reisenden mit Rollstuhl oder Kinderwagen hilft.
Einen Prototyp im Originalmaßstab hat das DLR für Tests auf Rollprüfständen gebaut. Im regulären Bahnbetrieb läuft das Fahrwerk bisher nicht.

Ein Zug für alle Tageszeiten
Mehrere Dreiereinheiten lassen sich koppeln, sodass Betreiber die Zuglänge an Strecke, Saison und Nachfrage anpassen können.
Auch innen folgt ALISA einem Baukastenprinzip: Standardisierte Segmente erlauben verschiedene Raumaufteilungen, ohne dass für jede Variante ein neuer Wagenkasten nötig wäre. Geplant sind Sitze und Schlafsessel, Einzel- und Doppelkabinen sowie größere Abteile für Familien und für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Klappmechanismen sollen Schlafkabinen tagsüber in Sitzbereiche verwandeln. Derselbe Zug könnte dann nachts als Schlafwagen und am Tag im normalen Fernverkehr fahren.
Wie der Leichtbau 40 % mehr Plätze bringen soll
Zwei Etagen, viele Fahrgäste und komfortable Kabinen machen einen Wagen schwer. Wie schwer er sein darf, begrenzt die Achslast, also das Gewicht, das jede Achse auf die Schiene bringen darf. Das DLR hat den Wagenkasten daher nach eigenen Angaben so optimiert, dass er die Kräfte möglichst effizient aufnimmt. Stark belastete Bereiche sind gezielt verstärkt, weniger beanspruchte leichter gebaut. Kabelkanäle und Teile der Inneneinrichtung sollen direkt in die tragende Struktur wandern, damit sie kein zusätzliches Gewicht mitbringen. Außerdem setzt das Team auf Sandwich-Materialien mit Deckschichten aus Aluminium und einem Kern aus einer Holzstruktur oder Aluminiumwaben.
„Mit unserem konsequenten Leichtbau-Ansatz können wir die Fahrgastkapazität bei gleichbleibender Achslast um 40 % steigern, ohne dass die Reisenden auf Komfort oder Privatsphäre verzichten müssen“, sagt DLR-Projektleiter Nicolai Schmauder.
Als Referenz diente der von den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) eingesetzte Nightjet-Zug der neuesten Generation.

Hersteller gesucht
Die ÖBB setzen den Nightjet der neuen Generation seit Dezember 2023 ein. Eine Garnitur hat sieben Wagen und höchstens 254 Plätze. Für mehr Privatsphäre haben die ÖBB die Abteile geringer belegt: zwei Betten im Schlafwagen, vier im Liegewagen, dazu Minikabinen für Alleinreisende. Nach Berechnung der Nachtzug-Initiative Back on Track sank die Kapazität pro Wagen dadurch um rund 30 % gegenüber den älteren Nightjet-Zügen. ALISA würde diesen Verlust also ungefähr ausgleichen, ohne die Abteile wieder voller zu machen.
Der Vergleich hinkt ein wenig, weil beide Zahlen unterschiedliche Bezugsgrößen haben. Back on Track rechnet pro Wagen, das DLR pro Achslast.
Absolute Zahlen nennt das DLR in seiner Pressemitteilung nicht. Wie viele Menschen in einer Dreiereinheit schlafen, ist noch offen, ebenso die Zahl der Plätze pro Meter Zuglänge. Jeder ALISA-Wagen ist mit gut 15 m zudem deutlich kürzer als ein üblicher Reisezugwagen mit rund 26 m. Offen ist auch, wer den Zug bauen soll. Einen Fahrzeughersteller nennt das DLR nicht.
Nox und Luna Rail: Weitere Nachtzugideen auf der InnoTrans
Auf dem Freigelände der Berliner Messe stehen 113 Fahrzeuge aus 17 Ländern, darunter mehrere neue Nachtzugkonzepte. InnoTrans-Direktorin Kerstin Schulz deutet dies so, dass sich das Segment derzeit dynamisch entwickle. Zwei Berliner Start-ups gehen dabei einen kürzeren Weg als das DLR und bauen bestehende Wagen für die Nacht um.
- Nox Mobility hat am 23. September auf der Messe seinen ersten fertigen Wagen enthüllt und den Ticketverkauf gestartet. Ab 23. März 2027 soll der Zug zunächst dreimal pro Woche zwischen Hamburg und München fahren, mit Halt in Bremen und Augsburg. Tickets kosten ab 65 €. Jeder Fahrgast bekommt eine eigene „Nox Suite“ mit einem Sitz, der sich zum Bett umbauen lässt, und einer Tür zum Gang. Laut dem Bahnportal Mobilithib nutzt Nox dafür umgebaute ehemalige Intercity-Wagen der Deutschen Bahn. Private Zimmer für eine oder zwei Personen sollen ab 2029 dazukommen.
- Luna Rail zeigt im „Luna Rail Lab“, einem umgebauten Reisezugwagen, einen Hotel-Pod und einen Seat-Pod. Die Kabinenmodule sollen sich in vorhandene Wagen einbauen lassen. Gründer Anton Dubrau will das Fahrzeug mit rund einem Dutzend Abteilen zum rollenden Labor ausbauen und hofft auf erste Probefahrten im deutschen Netz im Jahr 2027.
Wer ab März 2027 mit Nox von Hamburg nach München fährt, schläft in einem umgebauten Intercity-Wagen. Das DLR denkt bei ALISA dagegen auch Fahrwerk, Wagenkasten und Innenraum neu. Dafür fehlt allerdings noch ein Hersteller, der aus Modell und Mock-up einen Zug baut.
Quellen
- DLR: Projekt ALISA stellt Konzept für Europas Nachtzug der Zukunft vor (PM, 22.9.2026)
- DLR: NGT-FuN, Forschungsinfrastruktur NGT-Fahrwerk (dlr.de)
- Messe Berlin: 113 Fahrzeuge aus 17 Ländern (PM, 8.9.2026)
- Siemens Mobility / ÖBB: Nightjet der neuen Generation (press.siemens.com)
- Back on Track: Neuer Nightjet, ÖBB-Premiere (back-on-track.eu)
- LOK Report: Nox Mobility, ab März 2027 erster Nachtzug zwischen Hamburg und München (23.9.2026)
- Trip by Trip / Mobilithib: Nox Mobility to launch Hamburg–Munich night train (23.9.2026)
- Ostdeutsche Allgemeine: Newcomer Nox aus Berlin startet Nachtzug Hamburg–München (23.9.2026)
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