Klimawandel 17.03.2021, 13:28 Uhr

Waldsterben: Waldwissenschaftlerin trifft düstere Prognose

Das Waldsterben in Deutschland nimmt zu, Fichten leiden unter Trockenheit – das belegen die Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2020. Waldwissenschaftlerin Nicole Wellbrock vom Thünen-Institut zeigt eine dramatische Entwicklung auf.

Trockener toter Wald

Unsere deutschen Wälder leiden unter Trockenheit. Zahlreiche Bäume sterben.

Foto: panthermedia.net/Novic (YAYMicro)

Hitzewellen, Trockenheit, Stürme: Das Waldsterben nimmt massiv zu. Deutsche Wälder leiden extrem unter den Folgen des Klimawandels. Aktuelle Bodenforschungen weisen auf das Problem hin. Wir haben dazu mit der Waldwissenschaftlerin Nicole Wellbrock gesprochen.

ingenieur.de: Frau Wellbrock, wie geht es dem deutschen Wald?

Wellbrock: Tatsächlich nicht so gut. Die Schadfläche, die in Deutschland wieder bewaldet werden muss, ist ungefähr so groß wie das Saarland. Vor allem der Fichte geht es sehr schlecht. Aber auch Baumarten, die zunächst nicht so stark betroffen waren wie die Buche, leiden jetzt auch.

Sie sind Waldwissenschaftlerin. Können Sie diesen Beruf kurz skizzieren?

Man denkt immer, dass ich viel im Wald bin. Leider bin ich das aber nicht mehr so oft. Ich leite eine Arbeitsgruppe, in der wir beim Bund koordinieren, welche Aufnahmen bei den Ländern gemacht werden. Diese Zahlen spielen wir zusammen und prüfen sie. Aus den wissenschaftlichen Auswertungen entstehen zum Beispiel Grafiken und Statistiken. Einmal im Jahr gibt es ein Treffen mit den Länderkollegen zur Qualitätssicherung des Tourleiterkurses. Da sind wir immer im Wald und besprechen, was in dem Jahr besonders wichtig wird.

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Waldsterben entsteht durch diese Indikatoren

Die anhaltende Dürre in den Vegetationszeiten hat verbreitet zum vorzeitigen Abfallen der Blätter geführt. Welche Entwicklungen sind noch zu beobachten?

Es gibt zwei wichtige Indikatoren. Zum einen ist das die Kronenverlichtung. Hier stellen wir auch einen verfrühten Abfall fest, das kann aber auch damit zusammenhängen, dass die Blätter kleinblättriger sind. Wenn Buchen sehr trocken werden, kommt es zum Beispiel zu einer sogenannten Schiffchenbildung. Das kann man schön anschaulich mit einem eingerollten Blatt Papier nachstellen. Blätter am Baum rollen sich ein und reduzieren so die Verdunstung. Bei der Buche stellen wir ebenfalls fest, dass sie sehr starke Früchte ausbildet. Hierbei spricht man von den Mastjahren. Früher kamen diese alle sieben Jahre vor. Heute treten sie alle zwei Jahre auf. Das ist auch kein gutes Zeichen.

Der zweite große Indikator ist der Zuwachs, der sich unter anderem in mehr Schadinsekten widerspiegelt. All das wirkt sich negativ auf unsere Wälder aus.

Welche unmittelbaren Folgen hat das? Sterben gewisse Baumarten aus?

Ganz aussterben glaube ich erstmal nicht. Es kommt auf die Zeitspanne an, über die wir reden. Vor allem in Lagen unter 700 Meter können wir starke Schäden, zum Beispiel an der Fichte feststellen. Im Tiefland wird diese Baumart tatsächlich nicht überleben. Wenn man in diesen Regionen wieder bepflanzt, werden es sicher keine Fichten sein. In den Hochlagen, in den Alpen, hat sie aber durchaus eine Chance.

Welche Maßnahmen können neben der Wiederbepflanzung getroffen werden? Gibt es Quick Wins?

Hier liegt auf jeden Fall eine große Herausforderung vor, denn im Wald wächst alles nur recht langsam. In der Landwirtschaft greift man auf Bewässerungssysteme zurück, doch einen bestehenden Wald zu bewässern kommt nicht infrage. Wir kommen da auch in eine Art Konkurrenzsituation: Trinkwassernutzung versus Bewässerung. Neue Bäume müssen aber für unsere Zukunft gepflanzt werden und dabei gibt es auch eine Art Notfallbewässerung, damit die neuen Bestände überhaupt hochkommen. Die Waldanpassung zählt zu den wichtigsten Maßnahmen. Mischwälder sind gefragt, die auch mehr Wasser im Wald halten können. Darüber hinaus werden wir andenken müssen, Baumarten aus dem südlicheren Bereich anzupflanzen, die mit Trockenheit besser zurechtkommen.

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Waldsterben: Können Bäume sich selbst retten?

Im Bayerischen Wald gab es massive Probleme mit Borkenkäfern im Nationalpark. Hier setzt man auf das Prinzip, einen “Urwald” entstehen zu lassen, der sich selbst regeneriert. Kann das auch eine Lösung sein? Den Wald mal machen lassen…

Das ist schon eine interessante Sache. Allerdings handelt es sich auch um ein Biosphärenreservat, die müssen nicht wirtschaften. Am Anfang von Freiflächen im Wald sieht man, dass dort Humus abgebaut wird. All das, was im Boden leicht gespeichert wird, also auch Stickstoff, geht dann sehr schnell runter – auch ins Trinkwasser. Wenn man auf dieses Prinzip setzt, erfolgt erstmal ein Nitratschub. Im Notfall muss man das aus dem Trinkwasser rausfiltern.


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Alte Wälder haben über die Jahrhunderte viel Kohlenstoff gespeichert. Parallel knickt aber die Zuwachskurve bei alten Bäumen ab. Wenn wir also aktiv Kohlenstoff speichern wollen, dann brauchen wir Wälder, die noch Zuwachs zeigen. Diese binden jetzt noch aktiv Kohlenstoff. Aus meiner Sicht müssen wir mehrgleisig fahren. Es wird Flächen geben, die man eher sich selbst überlässt und nicht wirtschaftlich nutzt. Die anderen Flächen dienen dann der aktiven Kohlenstoffspeicherung und wirtschaftlichen Nutzung. Auf der Waldfläche zu schauen, was sinnvoll ist, wird entscheidend sein.

Inwieweit sind Labor- und Feldforschung bei Ihnen verzahnt?

Wenn unsere Kenntnisse als Waldökologen enden, greift die Expertise von Feldingenieuren und anderen Messtechnikern. Bei der Bodenzustandserhebung werden Proben entnommen und analysiert. In den Laboren arbeiten unter anderem Umwelttechniker, die bei der Erstellung von Statistiken helfen.

1984 begann die Erhebung des Waldzustandes. Warum ausgerechnet in diesem Jahr? Gab es vorher noch keine passende Technologie?

In den 80ern entstand ein großes Umweltbewusstsein, erste starke Waldschäden wurden festgestellt. Die Politik hat ebenfalls festgestellt, dass wir uns anschauen müssen, wie sich der Wald entwickelt. Die Einführung eines Monitoringsystems war also unerlässlich.

Sieht der Wald denn besser aus als in den 80iger-Jahren?

In dieser Zeit ging es hauptsächlich um die Auswirkungen von sauren Regen. Mit Filteranlagen hat man den Schwefel rausgeholt. In Ostdeutschland ging es viel um Kohleverbrennung, Flugasche und so weiter. Nach den 80ern hatte der saure Regen etwas nachgelassen, aber der Waldboden hat ein langes Gedächtnis. Der Abbau von Schadstoffen geht nur langsam. In den nachfolgenden Jahrzehnten wirkte sich Stickstoff auf den Waldboden aus, der ebenfalls zur Versauerung beitragen kann. Hier entwickelten sich viele Pilze. Heute kommt der Klimawandel dazu – und das sehr in den letzten drei Jahren. Witterunsgextreme werden weiter gehen.

Frau Wellbrock, wie werden unsere Wälder in 5 Jahren aussehen?

Der Borkenkäfer ist in vielen Beständen drin, den kriegt man so schnell nicht raus. Baumbestände sind immer von dem Jahr davor betroffen. 2020 war ein sehr trockenes Jahr, die Auswirkungen werden auch dieses Jahr so bleiben – auch wenn es mehr regnen sollte. Wer einmal durch den Harz gelaufen ist, wird die Auswirkungen sehen.

Porträt Nicole Wellbrock

Foto: privat

Nicole Wellbrock ist Waldwissenschaftlerin und leitet den Arbeitsbereich Bodenschutz und Waldzustand beim Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für
Ländliche Räume, Wald und Fischerei. Das Waldsterben findet sie bedrohlich, denn unseren deutschen Wäldern geht es laut ihren Forschungen „nicht gut“.

 

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Ein Beitrag von:

  • Peter Sieben

    Peter Sieben ist Content Manager und verantwortlicher Redakteur für ingenieur.de. Nach einem Volontariat bei der Funke Mediengruppe war er mehrere Jahre als Redakteur und Politik-Reporter in verschiedenen Ressorts von Tageszeitungen und Online-Medien unterwegs. Er schreibt über Forschung, Politik und Karrierethemen.

  • Sarah Janczura

    Sarah Janczura

    Sarah Janczura ist Content Manager und verantwortliche Redakteurin für ingenieur.de. Nach einem Volontariat mit dem Schwerpunkt Social Media war sie als Online-Redakteurin in einer Digitalagentur unterwegs. Sie schreibt über Technik, Forschung und Karrierethemen.

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