38 Jahre nach der Katastrophe 26.04.2024, 07:40 Uhr

Tschernobyl heute: zwischen Krieg, Rückbau und Strahlenbelastung

Was genau passierte am 26. April 1986 in Tschernobyl? Wie haben deutsche Behörden damals reagiert? Wie steht es heute um Tschernobyl? Wie gefährlich ist die Strahlung weiterhin? Wir geben die Antworten.

Tschernobyl heute

Reaktor 4 von Tschernobyl ist von einer Schutzhülle umgeben, darunter soll bis 2065 der Rückbau des Reaktors und des alten Sarkophags erfolgen.

Foto: PantherMedia / merrydolla

Eine Minute, die alles veränderte: Um genau 1.23 Uhr am 26. April 1986 ereignete sich im Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl das, was später als erster katastrophaler Reaktorunfall bezeichnet wurde. Der Reaktor explodierte nach einem missglückten Experiment, mindestens 50 Menschen starben unmittelbar nach der Katastrophe im Atomkraftwerk, Tausende erkrankten an der freigesetzten Strahlung: Die Schätzungen der Opfer schwanken zwischen 4.000 und 100.000. Hunderttausende Menschen wurden zwangsumgesiedelt, große Gebiete in der Ukraine, Weißrussland und Russland sind verstrahlt.

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Bis heute ist ein Umkreis von 30 Kilometern um den Unfallort unbewohnbar, die Tier- und Pflanzenwelt hat sich jedoch zum Teil an die Gegebenheiten angepasst. Insbesondere vor dem Krieg in der Ukraine hat sich eine Art Katastrophentourismus entwickelt, obwohl vielerorts noch erhöhte Strahlenwerte gemessen werden. Inzwischen ist der Rückbau im Gange, der allerdings durch den russischen Angriff auf die Ukraine erschwert wird. Auch Corona trug dazu bei, dass die Stilllegungsarbeiten nicht wie geplant durchgeführt werden konnten. Wir blicken zurück, was genau im April 1986 geschah, wie die deutschen Behörden damals reagierten und wie es heute um Tschernobyl steht.

Was genau ist am 26. April 1986 passiert?

Der bisher schwerste Unfall in der Geschichte der Kernenergie ist auf erhebliche Konstruktionsfehler des sowjetischen Reaktortyps RBMK und gravierende Mängel in der Sicherheitskultur zurückzuführen. Ein Reaktor geriet während der Erprobung der Notstromversorgung durch gravierende Bedienungsfehler der Besatzung außer Kontrolle und explodierte. Ein anhaltender Graphitbrand ließ tagelang große Mengen radioaktiver Stoffe durch das zerstörte Dach der Reaktorhalle in die Atmosphäre entweichen, von wo sie mit dem Wind bis nach West- und Nordeuropa getragen wurden.

Die Verantwortlichen hielten Informationen zurück, so dass das Betriebspersonal und die Bevölkerung unnötig hohen Strahlendosen ausgesetzt waren. Die Katastrophe von Tschernobyl wird auf der internationalen INES-Skala auf der höchsten Stufe eingestuft, gleichauf mit dem Unfall von Fukushima-Daiichi im Jahr 2011. Allerdings war die in Tschernobyl freigesetzte Radioaktivität rund zehnmal höher als in Japan.

Tschernobyl

Das ehemalige sowjetische Atomkraftwerk Tschernobyl strahlt 35 Jahre nach dem Reaktorunfall noch immer.

Foto: Panthermedia.net/tan4ikk

Wie reagierten die deutschen Behörden 1986 auf die Atomkatastrophe?

Die sowjetischen Behörden meldeten den Unfall erst am 28. April, also zwei Tage nach der Katastrophe und nur weil Schweden und Finnland stark erhöhte Strahlungswerte gemessen hatten. Obwohl zu diesem Zeitpunkt wenig über das tatsächliche Ausmaß des Unfalls bekannt war, reagierte die Bundesregierung zurückhaltend. In einem Interview mit der Tagesschau versicherte der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU), dass eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung „absolut auszuschließen“ sei und es keinen Grund zum Handeln gebe. Er betonte, dass eine Gefahr nur im Umkreis von 30 bis 50 Kilometern um den Reaktor bestehe.

In der DDR erfuhr die Bevölkerung zunächst nur über westliche Medien von dem Vorfall. Erst am 29. April erschien eine erste Kurzmeldung in einer Zeitung. Die DDR-Regierung versuchte aus Rücksicht auf den sozialistischen Bruderstaat, das Ausmaß der Katastrophe und mögliche Risiken herunterzuspielen.

Der Reaktorunfall kam für Ost- und Westdeutschland gleichermaßen unerwartet. In der Bundesrepublik gab es zu diesem Zeitpunkt weder eine Notfallplanung noch gesetzliche Grenzwertvorgaben oder offizielle Handlungsempfehlungen. Die Möglichkeit einer solchen Katastrophe wurde nicht für möglich gehalten oder nicht wahrhaben wollen.

Krieg erschwert den Rückbau

Kurz nach dem Unfall wurde über dem zerstörten Reaktor ein Sarkophag aus Stahl und Beton errichtet. Diese unter schwierigen Bedingungen errichtete Schutzhülle war ursprünglich nur für 30 Jahre ausgelegt. Deshalb wurde 2016 über den alten Sarkophag und den Reaktorblock das New Safe Confinement“, eine neue Schutzhülle, geschoben. Diese Hülle ist für eine Lebensdauer von 100 Jahren ausgelegt und soll bis 2065 den Rückbau des alten Sarkophags und des Reaktors ermöglichen.

Durch den Krieg und die vorangegangene Corona-Pandemie ist der Rückbau jedoch ins Stocken geraten. Nach der Besetzung des Kernkraftwerks Tschernobyl und der Sperrzone durch die russische Armee unmittelbar nach dem Angriff auf die Ukraine am 24. Februar bis Ende März 2022 wurden Anlagen und Ausrüstungen beschädigt oder gestohlen, darunter ein Labor zur Untersuchung radioaktiver Abfälle, Fahrzeuge, Dokumente und Computer.

Zwischen April und August 2022 setzte die ukrainische Atomaufsichtsbehörde alle Genehmigungen für die Stilllegung und Abfallbehandlung aus. Nachdem das erforderliche Sicherheitsniveau wiederhergestellt war, erteilte die Behörde diese Genehmigungen wieder. In diesem Zusammenhang verlängerte die Aufsichtsbehörde im Dezember 2023 die Genehmigung für den stabilisierten Sarkophag um weitere sechs Jahre bis 2029.

So sollen Rückbau und Lagerung der radioaktiven Abfälle erfolgen

In den letzten Jahren wurden am Standort Tschernobyl verschiedene Anlagen zur Konditionierung und Lagerung radioaktiver Abfälle in Betrieb genommen, die für die Stilllegung des Kernkraftwerks von entscheidender Bedeutung sind.

 Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente:

Seit April 2021 ist die „Interim Spent Fuel Storage Facility“ (ISF-2) das genehmigte Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente aus Tschernobyl. Es besteht aus einer Verarbeitungsanlage und einem Lagerbereich. Bis Ende 2023 werden 2.391 Brennelemente zur Langzeitlagerung dorthin überführt, davon 549 allein im Jahr 2023. Insgesamt bietet das Lager Platz für mehr als 21.000 Brennelemente, die in Betonmodulen für mindestens 100 Jahre trocken gelagert werden können.

Zentrales Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente:

Das CSFSF wurde 2021 fertiggestellt und dient als Zwischenlager für Brennelemente aus den Kernkraftwerken Riwne, Südukraine und Chmelnyzkyj. Die erste Anlieferung aus Rivne erfolgte im Mai 2023. Im Januar 2024 waren 13 Lagerbehälter vor Ort, weitere Transporte sind geplant.

Konditionierung von flüssigen radioaktiven Abfällen:

In der „Liquid Radwaste Treatment Plant“ (LRTP) werden seit 2021 flüssige Abfälle aus dem Betrieb des Kernkraftwerks behandelt. Trotz einer kriegsbedingten Betriebsunterbrechung im Jahr 2022 nahm die Anlage 2023 den Betrieb wieder auf und konditionierte rund 230 m³ Abfälle für die sichere Lagerung.

Konditionierung von festen radioaktiven Abfällen:

Der „Industriekomplex für die Behandlung fester radioaktiver Abfälle“ (ICSRM) konditioniert feste Abfälle. Nach Abschluss der „heißen Tests“ im Jahr 2022 wird aktuell auf die endgültige Betriebsgenehmigung gewartet, die eine langfristige Lagerung in der „Engineered Near Surface Disposal Facility“ (ENSDF) ermöglicht.

Tschernobyl Strahlungsmessung

Am Abend des ersten Invasionstages nahmen russische Truppen auch das AKW Tschernobyl ein. Die Strahlungswerte in dem Gebiet, wo es vor 36 Jahren zu einem Reaktorunfall kam, sind nach wie vor hoch. Das Archiv-Foto zeigt Messarbeiten auf dem Gelände, die regelmäßig durchgeführt werden.

Foto: Panthermedia.net

Deutsche Gesellschaft hilft bei den Aufräumarbeiten

Die deutsche Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) überwacht im Auftrag des Bundesumweltministeriums die Entwicklungen am Standort Tschernobyl. Sie unterstützt durch Forschungsprojekte und ist in internationale Kooperationsprojekte eingebunden.

Tschernobyl Shelter Fonds: Datenbank zur radiologischen Situation

Seit 2006 arbeitet die GRS mit ukrainischen Wissenschaftlern an der „Shelter Safety Status Database“ (SSSDB). Diese Datenbank sammelt Informationen zur radiologischen Lage vor Ort, inklusive Radionuklidaktivitäten in Wasser, bodennaher Luft und bei Abfallgräbern. Zudem werden Daten zu Waldbränden erfasst. Auf Grundlage dieser Daten können geographische Karten und dreidimensionale Ansichten des Geländes, einschließlich des Sarkophags und des New Safe Confinement, erstellt werden.

Das Hauptziel des Projekts ist es, Daten und Informationen bereitzustellen, die für den Rückbau und die Stabilisierung des Sarkophags, die Bergung und Entsorgung radioaktiver Materialien sowie die Bewertung der radiologischen Situation innerhalb und außerhalb des Sarkophags wichtig sind. Darüber hinaus werden die Auswirkungen der Zerstörungen durch russische Truppen im Frühjahr 2022 analysiert und ihre sicherheitstechnische Bedeutung bewertet.

Entsorgungsstrategien in Tschernobyl und der Ukraine

Die GRS arbeitet derzeit zusammen mit der ukrainischen Technischen Sachverständigenorganisation SSTC NRS an den Entsorgungsstrategien für radioaktive Abfälle und bestrahlte Brennelemente. Dies schließt die Analyse der Situation unter den Bedingungen des anhaltenden Krieges mit Russland ein. Das Projekt ist bis Herbst 2024 angesetzt.

1986 wurde Prypjat geräumt, heute ist sie eine verlassene Geisterstadt. Foto: Panthermedia.net/ruivalesousa

1986 wurde Prypjat geräumt, heute ist sie eine verlassene Geisterstadt.

Foto: Panthermedia.net/ruivalesousa

So gefährlich ist die Strahlung 38 Jahre nach der Atom-Katastrophe

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) weist darauf hin, dass die niedrigsten Gamma-Werte in der Sperrzone mit 0,06 Mikrosievert pro Stunde denen in Deutschland entsprechen. An den Orten in der Sperrzone mit den höchsten Werten wird jedoch in nur acht Tagen die maximale Strahlendosis eines ganzen Jahres in Mitteleuropa erreicht. Dort werden bis zu 20.000 Mikrosievert erreicht.

Auch fast 38 Jahre nach dem Super-GAU sind die Böden rund um den Reaktor stark mit Cäsium-137 belastet. Spitzenwerte von bis zu 50.000 Kilobecquerel pro Quadratmeter wurden gemessen. Das ist 2.000-mal mehr als der höchste in Deutschland gemessene Wert (im Bayerischen Wald) von 24 Kilobecquerel pro Quadratmeter.

Immer noch liegen in manchen Gegenden Deutschlands die Strahlungswerte von Pilzen und Wildschweinfleisch über den Grenzwerten, sollten daher nicht verzehrt werden.

Radioaktiv verseuchte Pilze vor allem in Süddeutschland

Die Angst vor Regenschauern beherrschte die Menschen in Deutschland nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl im April 1986. Nach der Katastrophe zog eine Wolke radioaktiver Partikel über Skandinavien und eine weitere über die Slowakei, Tschechien und Österreich nach Deutschland. Drei Tage nach dem Unglück brachten heftige Regenfälle in Baden-Württemberg, Bayern und Brandenburg radioaktives Cäsium mit sich, das im Boden versickerte und dort bis heute nachwirkt.

Seit 1987 überwacht das Bundesamt für Strahlenschutz, das infolge des Unfalls gegründet wurde, die Kontamination von Wildpilzen im Süden Deutschlands. Laut Sprecherin Anja Lutz ist das radioaktive Cäsium aus der Tschernobyl-Katastrophe mittlerweile zu mehr als der Hälfte zerfallen. Trotzdem überschreitet der Cäsium-Gehalt der Pilze an manchen Orten noch immer den Grenzwert von 600 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm, weshalb sie nicht verkauft werden dürfen.

„Wer Pilze in Maßen genießt, ist aus Sicht des Strahlenschutzes auf der sicheren Seite“, sagt jedoch Anja Lutz. Sie zieht einen Vergleich: „Wenn Sie jede Woche 200 Gramm Pilze mit 2.000 Bequerel Cäsium zu sich nehmen, dann ist die Strahlendosis, die am Ende des Jahres entsteht, ungefähr so hoch wie wenn Sie 20-mal von Frankfurt am Main nach Gran Canaria fliegen.“ Generell sollte der Verbraucher jedoch vor allem dort Pilze sammeln, wo 1986 kein Cäsium die Wälder verseucht hat.

Pilzsammler können sich beim Bundesamt für Strahlenschutz auch über Karten zur Bodenkontamination informieren.

Bei verseuchten Wildschweinen ist gar nicht Tschernobyl die Hauptursache

Auch das Fleisch von Wildschweinen kann mit Cäsium belastet sein. Das liegt daran, dass sich Wildschweine von Waldprodukten ernähren, unter anderem vom Hirschtrüffel, der für Menschen ungenießbar ist, von Wildschweinen aber gerne gefressen wird. Dieser Pilz nimmt besonders viel Cäsium aus dem Boden auf. Interessanterweise stammt das Cäsium laut Forschenden der TU Wien nicht nur aus dem Reaktorunfall von Tschernobyl.

Die Suche nach den Ursachen der Cäsiumbelastung war zunächst rätselhaft. Während die radioaktive Belastung bei Hirschen und Rehen abnahm, blieben die Werte bei Wildschweinen seit den ersten Messungen nahezu unverändert. Das Forscherteam fand heraus, dass ein Großteil des Cäsiums aus den Kernwaffentests Mitte des 20. Jahrhunderts stammt. Das Cäsium hatte sich vor allem in Hirschtrüffeln angereichert.

Prypjat

Die Stadt Prypjat in der Ukraine wurde 1970 gegründet – als Zuhause für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des AKW Tschernobyl und deren Familien.

Foto: Panthermedia.net/enolabrain

Wie lange dauert es bis Tschernobyl wieder bewohnbar ist?

Die Katastrophe von Tschernobyl setzte laut der World Trade Organization (WTO) mehr Radioaktivität frei als die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki. Das Gebiet ist radioaktiv verseucht – ein Ende ist bis heute nicht in Sicht. 2012 wurde mit dem Bau einer neuen Schutzhülle begonnen. Doch aufgrund der hohen Strahlung konnte der Sarkophag nicht unmittelbar über dem Reaktor errichtet werden. Stattdessen ist er in unmittelbarer Nachbarschaft entstanden. Die Schutzhülle ist 31.000 Tonnen schwer und wird auf Schienen Millimeter für Millimeter über die alte einstürzgefährdende Halle gezogen. Von Dauer ist das Konstrukt nicht: 100 Jahre soll dieser Mechanismus greifen.

Die 30-Kilometer-Zone um Tschernobyl ist bis heute nicht bewohnbar – und das wird wohl tausende Jahre so bleiben. Nach dem Super-GAU wurden Dörfer in Gruben versenkt und zugeschüttet. Weit über 10.000 Quadratkilometer Land sind bis heute für die Landwirtschaft unnutzbar. Obst und Gemüse weisen zu hohe Strahlungswerte auf. In der besagten Zone liegt beispielsweise Pripjat. Die als Geisterstadt bezeichnete Region ist mit hochgiftigem Plutonium verseucht – einem Spaltprodukt aus Atomkraftwerken.

Tier- und Pflanzenwelt von Tschernobyl passt sich an

Nach der Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl verließen die Menschen die Region, während die Tier- und Pflanzenwelt verblieb. Viele Spezies haben sich erfolgreich an die radioaktiv belastete Umgebung angepasst. Zum Beispiel haben die Wölfe in der Sperrzone anscheinend Krebsresistenzen entwickelt, wie Forschungen der Princeton University in den USA zeigen. Ähnliche Anpassungen sind auch bei anderen Tieren festgestellt worden.

Wissenschaftler der University of New York haben die Anpassungsfähigkeit von Fadenwürmern untersucht, die in der hoch radioaktiven Sperrzone Tschernobyls leben. Die DNA-Analysen dieser bodenbewohnenden Nematoden zeigen, dass viele von ihnen eine natürliche Resistenz gegen mutagene Strahlung aufweisen. Diese Würmer verfügen über DNA-Reparaturmechanismen, die strahlungsbedingte Schäden besonders effizient korrigieren können, was auch für die medizinische Forschung von Bedeutung sein könnte.

Tourismus im Sperrgebiet

Nach der Katastrophe wurden die Bewohner aus der Sperrzone um Tschernobyl evakuiert, die bis heute als unbewohnbar gilt. Die zwei Kilometer entfernte Stadt Prypjat ist seit dem 27. April 1986 eine Geisterstadt. Dennoch hat sich hier ein spezieller Tourismus entwickelt. Vor allem seit der Veröffentlichung der Serie „Tschernobyl“ ist das Interesse an Touren in die Sperrzone gestiegen.

Zahlreiche Anbieter locken mit Führungen durch die stark verstrahlte Stadt bis hin zum Sarkophag, der den explodierten Reaktor umgibt. Die Touristen werden mit Geigerzählern ausgestattet, die sie oft nach der Tour behalten dürfen, um sich selbst ein Bild von der verlassenen Gegend zu machen. Wem eine einfache Tour durch Prypjat nicht ausreicht, der kann sich für rund 7 Euro pro Nacht in einem 2017 eröffneten Hostel in der Sperrzone einmieten.

Deutsche Touristen können nicht auf Betreuung durch die Botschaft hoffen

Wer sich als deutscher Tourist in die Ukraine aufmachen will, um sich Tschernobyl anzuschauen, sollte jedoch einiges beachten. Die Besichtigung der Geisterstadt und des Reaktors ist hierbei das geringere Problem. Während der Tour entlang der Ruinen der einst 49.000 Einwohner zählenden Stadt gibt der Guide Hintergrundinformationen und misst aus Sicherheitsgründen die Strahlung mit einem Geigerzähler. Sowohl beim Betreten als auch beim Verlassen der Zone werden Strahlenmessungen und weitere Sicherheitskontrollen wie die Überprüfung behördlicher Genehmigungen durchgeführt, für die in der Regel der Veranstalter verantwortlich ist.

Deutsche benötigen für einen Aufenthalt von bis zu 90 Tagen in der Ukraine kein Visum, sondern lediglich einen gültigen Reiseausweis. Obwohl Reisen in die Ukraine grundsätzlich erlaubt sind, warnt das Auswärtige Amt. Deutschen Staatsangehörigen wird dringend empfohlen, das Land zu verlassen, der Luftraum ist gesperrt. Die Ein- und Ausreise ist nur auf dem Landweg möglich und die Betreuung durch die deutsche Botschaft ist aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine sehr eingeschränkt.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

  • Peter Sieben

    Peter Sieben schreibt über Forschung, Politik und Karrierethemen. Nach einem Volontariat bei der Funke Mediengruppe war er mehrere Jahre als Redakteur und Politik-Reporter in verschiedenen Ressorts von Tageszeitungen und Online-Medien unterwegs.

  • Sarah Janczura

    Sarah Janczura

    Sarah Janczura schreibt zu den Themen Technik, Forschung und Karriere. Nach einem Volontariat mit dem Schwerpunkt Social Media war sie als Online-Redakteurin in einer Digitalagentur unterwegs. Aktuell arbeitet sie als Referentin für Presse und Kommunikation beim VDI e.V.

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