Automobilgeschichte 14.09.2012, 11:52 Uhr

Ford Taunus 12 M: Nach 360 000 km gaben die Fahrer auf

Am 15. September 1962 kam der Ford Taunus 12 M (Werkskode P4) auf den Markt. Er sollte den wenige Wochen zuvor präsentierten Opel Kadett und den VW-Käfer unter Druck setzen. Der Taunus 12 M gewann zwar nie einen Designpreis, aber seine Zähigkeit und Langlebigkeit wurden zur Legende.

Ein Ford Taunus 26 M, Baujahr 1970.

Ein Ford Taunus 26 M, Baujahr 1970.

Foto: dpa

Ein Taunus 12 M (Werkskode G 13) wurde bereits seit 1952 in Köln gebaut. Doch der Wagen mit der Weltkugel oberhalb des Kühlers war technisch überholt. Unter der Motorhaube trug er noch immer den antiquierten Langhuber mit seitlich stehenden Ventilen, der schon vor dem Krieg den Buckel-Taunus angetrieben hatte. Die amerikanische Konzernmutter arbeitete deshalb mit Hochdruck an dem Kompaktwagen Cardinal, der gegen den Exportschlager aus Deutschland, den Volkswagen Beetle, wie der Käfer in den USA genannt wurde, antreten sollte. Nach langen Debatten stimmte Henry Ford II jedoch zu, den weitgehend serienreifen Cardinal in Köln bauen zu lassen, nicht zuletzt, weil dort die Lohnkosten deutlich niedriger waren.

Die Kölner indes zeigten sich über das amerikanische Kuckuckskind überhaupt nicht glücklich. Zwar ermöglichte der aus dem V 4-Motor mit angeflanschtem Vierganggetriebe (mit Lenkradschaltung) zusammengesetzte kompakte Triebwerksblock gegenüber dem Vorgänger einen deutlichen Raumgewinn, aber die Querblattfeder an der Vorderachse und die hintere Starrachse mit Längsblattfedern repräsentierten Fahrwerkstechnik aus Vorkriegstagen.

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Gegen den Zeitgeist: Der Taunus 12 M präsentierte sich ohne Chromschmuck

Auch die schlicht gezeichnete Karosserie der 4,25 m langen Stufenhecklimousine animierte kaum einen Betrachter zu spontanem Applaus. Ungewöhnlich für den Zeitgeist präsentierte sie sich fast völlig ohne Chromschmuck, wodurch der optische Auftritt noch unscheinbarer geriet. Die Ford-Werber sahen das naturgemäß anders: „Die Linie des neuen Taunus 12 M ist elegant, ruhig und modern“, texteten sie.

Der Vierzylinder mit engem V-Winkel von 60 Grad holte aus 1183 cm3 Hubraum zunächst 29 kW (40 PS) bei 4500 U/min. Von Januar 1963 an gab es zusätzlich eine auf 1498 cm³ aufgebohrte Version mit 37 kW (50 PS) oder – im Taunus 12 M TS – 40 kW (55 PS).

Trotz einer Ausgleichswelle lief das V 4-Aggregat des 12 M ungewöhnlich rau und unkultiviert. Mit leichtem Schaudern erinnert sich der Autor noch heute an das rustikale Fahrgefühl, das er einst als Werkstudent bei der Überführung eines Neuwagens empfunden hatte. Dass in scharf gefahrenen Rechtskurven der Benzinzufluss kurzzeitig stockte und den Motor ausgerechnet dann husten ließ, wenn Traktion überlebenswichtig war, vermittelte auch nicht unbedingt den Eindruck gediegener Qualität.

Mehr als 680 000 Taunus 12 M-Modelle liefen in Köln und Genk vom Band

Schon kurz nach dem Marktstart wuchs die Modellfamilie des 12 M zügig an. Bereits im März 1963 gesellte sich zur zweitürigen Limousine ein ebenfalls zweitüriger Kombi, ein halbes Jahr danach folgten der Viertürer und ein Coupé. Die Preisliste begann bei 5330 DM (2725 €) für das zweitürige Basismodell mit 1,2-Liter-Motor und endete bei 6300 DM (3220 €) für das TS-Coupé, das von Herbst 1964 an auf 65 PS erstarkte. Seit September 1964 besaßen sämtliche Modelle vordere Scheibenbremsen.

Zunächst lief der 12 M P 4 in Köln vom Band, vom Herbst 1963 an wurde die Produktion zunehmend in das neue Ford-Werk im belgischen Genk verlegt. Bis zum Produktionsende im Juli 1966 rollten insgesamt 680 206 Limousinen, Kombis und Coupés aus den deutschen und belgischen Werkshallen, etwa zwei Drittel davon mit dem 1,2-Liter-Motor.

Obwohl sich der neue Fronttriebler den Bedenkenträgern zum Trotz von Beginn an gut verkaufte, haftete ihm hartnäckig das Image des farblosen Langweilers an. Um das zu ändern, schickte Ford mit Unterstützung des Mineralölkonzerns BP am 10. Juli 1963 einen völlig serienmäßigen 12 M mit dem 1,2-Liter-Basistriebwerk auf den südfranzösischen Rundkurs von Miramas bei Marseille. Das Ziel: Fahren rund um die Uhr, um zu sehen, wie lange der Motor hält.

Zweieinhalb Monate machten den Ford Taunus 12 M zum zähen Dauerläufer

Zweieinhalb Monate lang drehte der Ford Runde um Runde mit der Gleichmäßigkeit eines Schweizer Chronometers, 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Angehalten wurde ausschließlich zum Fahrerwechsel und Tanken. Am 29. Oktober 1963 gegen 3 Uhr früh passierte es dann: Beim Kilometer-stand von 284 275 kam der vermutlich übermüdete Fahrer von der Strecke ab. Der Ford drehte eine Rolle seitwärts und fiel wieder auf die Räder. In elfstündiger Akkordschufterei flickte das Boxenteam den total zerknitterten Wagen notdürftig zusammen und band die verbeulte Motorhaube mit Stricken fest. Dann ging das kaltverformte, aber noch immer fahrfähige Wrack erneut auf die Piste.

Erst nach einem weiteren Monat, am 28. November, endete der Langzeittest. Nicht etwa, weil der Motor gestreikt hätte, eher schon die Fahrer, die nach 142 Tagen langsam lustlos geworden waren. In diesem Zeitraum hatten sie den 5,014 km langen Kurs mit einem Schnitt von 105,15 km/h umrundet und dabei 358 273,8 km zurückgelegt, mehr als die Entfernung von der Erde zum Mond (357 050 km). Als amtliches Ergebnis wurden 145 Langstrecken-Weltrekorde verbucht und der Taunus 12 M ging als zäher Dauerläufer in die Automobilhistorie ein. 

Ein Beitrag von:

  • Hans W. Mayer

    Hans W. Mayer ist Fachjournalist für Automobilthemen. Er u.a. für die FAZ und verschiedene andere Tageszeitungen und Magazine über Fahrzeugbau und Verkehrsthemen.

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